Ohne erhobenen Zeigefinger

von Kathrin Bever31.12.2010Gesellschaft & Kultur

Im Umgang mit Menschen bei der HIV-Prävention geht es vor allem um Respekt und Achtung. Der erhobene Zeigefinger wirkt maßregelnd, Zugang zu den Menschen bekommt man nur über das Anknüpfen an die jeweilige Lebenswelt.

HIV-Prävention kann über massenkommunikative Medien wie Plakate, Internet etc. und über persönliche Kontakte gestaltet werden. Beide Wege sollten in einer sinnvollen HIV-Prävention der Zukunft miteinander verbunden sein. Die Plakatmotive von BZgA und DAH sprechen die Menschen auf unterschiedliche Art und Weise an. Damit diese Botschaften bei den Zielgruppen auch ankommen, sind persönliche Gespräche und Diskussionen über HIV/Aids notwendig, um die direkte Auseinandersetzung zu fördern. Der Zugang gelingt in der Praxis weniger über das bedrohlich und “unanständig“ besetzte Thema der Infektion und Krankheit, sondern über das Anknüpfen an die jeweilige Lebenswelt, am individuellen Interesse und Bedürfnis des Menschen orientiert. Das Tabu um HIV/Aids ist oft mit praktizierter Sexualität, mit Wertvorstellungen und Vorlieben verbunden – ein Grund dafür, dass oft gut informierte Menschen nicht unbedingt Safer Sex praktizieren, d. h. Wissen nicht in Handlung umgesetzt wird, da die Einstellung hierzu fehlt. Der Brückenschlag ist miteinander reden, den jeweiligen Menschen in den Mittelpunkt rücken. Daher ist eine lebendige ganzheitliche Sexualpädagogik, die Menschen auf ihrem Weg zur sexuellen Selbstbestimmung begleitet und unterstützt, die Leitlinie.

Es geht um Respekt und Achtung

Wir begegnen einer bunten Vielfalt von Menschen mit unterschiedlichen Lebenswegen – von schwul bis hetero, jung oder alt, Student, Lehrer, Arzt, Erzieher oder Schüler. Das bedeutet für mich als Pädagogin und Beraterin, genau hinzusehen, individuell und nicht pauschalisierend zu arbeiten. Dazu gehört, jedem Menschen mit Respekt und Achtung zu begegnen, ihn ernst zu nehmen, sich auf ihn und sein Thema einzulassen, aber auch die Entscheidung über sein Sexualverhalten eigenverantwortlich bei ihm zu lassen, nicht zu reglementieren und zu dozieren. Diese ganz persönliche “face to face“-Prävention braucht Zeit, Zeit für den Menschen, die sich lohnt, gerade in unserer immer schneller werdenden digitalisierten und anonymisierten Gesellschaft, da sie auffordert anzuhalten, sich zu besinnen und bei sich zu sein. Menschen brauchen Stärke, Selbstvertrauen, Orientierung und Mut – diese können sie sich nicht allein aus den Massenmedien ziehen, sondern brauchen die Auseinandersetzung im menschlichen Miteinander. Neue Medien können HIV-Prävention nur unterstützen. Wir brauchen vor allem eine Sprache, um uns auszudrücken, zu streiten, zu einigen, eine eigene Position zu finden und persönliche Entscheidungen zu treffen. Das müssen wir üben dürfen. Ein zentraler Aspekt in der Prävention und eine gesellschaftliche Herausforderung: die Erziehung mündiger Menschen, die authentisch sind und wissen, was sie reden und tun. Werte, die ich im gesellschaftlichen Leben manchmal sehr vermisse.

Prävention durch Dialog

Eine sinnvolle und damit wertvolle Prävention liegt in der persönlichen Auseinandersetzung mit den Themen Sexualität, Verantwortung, Partnerschaft, Werte und Normen, Lust und Frust, Lebensformen und Lebensweisen, sexuelle Möglichkeiten und Grenzen. Das Ziel ist, selbstbestimmt und bewusst zu leben, Safer-Sex-Verhalten in das tägliche Bewusstsein zu bringen und immer wieder positiv zu bestärken – ohne Schrecken auf die Krankheit zu verweisen und ohne erhobenen pädagogischen Zeigefinger. Es geht auch um einen stabilen Platz von Prävention im gesellschaftlichen Leben, eine Lobby, eine Anerkennung. Das heißt, dass kontinuierliche und zeitgemäße Präventionsarbeit auf verlässlichen Strukturen aufbauen sollte und damit auch gesellschaftliche Anerkennung erfährt.

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