Wiedervereinigung als Erfolgsgeschichte

von Katherina Reiche10.09.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

30 Jahre friedliche Revolution, 30 Jahre Mauerfall – am 9. November 1989 fiel nach 28 Jahren das Stein gewordene Symbol des SED-Unterdrückungsstaates. Viele Berliner bezeichnen noch heute den 9. November 1989 als den glücklichsten in ihrem Leben. Ein Beitrag von Katherina Reiche und Markus Kerber.

Die Bilder von zunächst noch ungläubig, dann euphorisch feiernden Menschen, die in die Freiheit strömen, sind tief im kollektiven Gedächtnis unseres Landes verhaftet. Der Mauerfall ist historisch beispiellos und ein absoluter Glücksfall für unsere Nation. Der Mauerfall markiert einen wunderbaren emotionalen Höhepunkt für unsere Nation. Und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass das SED-Regime, das seine Bürger einsperrte, bespitzelte, drangsalierte und hunderte Todesopfer zu verantworten hatte, dass dieses Regime ohne einen Schuss, ohne Verletzte und Gewalt weichen musste. Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit brachen sich Bahn. Die Sehnsucht nach Freiheit sprengte buchstäblich Mauer und Stacheldraht.

Der Fall der Berliner Mauer hat nicht nur Deutschland und Europa, sondern die ganze Welt verändert: Er leitete das Ende des Kalten Krieges ein und war Wegbereiter der europäischen Integration.

Die friedliche Revolution war gleichzeitig Ausgangspunkt für einen tiefgreifenden Umbruch für die Menschen in Ostdeutschland. Heute würden wir sagen:  Der Fall der Mauer war pure Disruption – innen- und geopolitisch, gesellschaftlich, wirtschaftlich. Disruption aber auch für jeden einzelnen Bürger. Zur Wahrheit gehört, dass die Disruption in Ost und West höchst unterschiedlich wirkte. Für die Bürger in den alten Ländern änderte sich im Alltag wenig. Das Leben ging meist in gewohnten Bahnen weiter. Für die Menschen im Osten der Republik änderte sich über Nacht das gewohnte Leben: Schule, Universität, die Erwerbsbiographie, die Rente, die Berufsbilder, Kranken- und Rentenversicherung, unendlich viele Alltagsabläufe. Es änderte sich buchstäblich alles, und nicht jeder hielt mit der Geschwindigkeit der Veränderung Schritt oder hieß gut, was an Veränderung spürbar wurde.

Lange war die Debatte über die unmittelbare Nachwendezeit von den Vorstellungen der westdeutschen Eliten geprägt. Der Osten werde demnach irgendwann genauso sein wie der Westen: ökonomisch, kulturell, sozial. Fukuyamas These vom Ende der Geschichte sollte auch in Deutschland gelten, die Richtung der erwarteten Anpassung schien klar: alles von Ost gen West. Doch wie wir heute wissen, wurde die sozialpsychologische Seite der Disruption unterschätzt.

Wiedervereinigung als Erfolgsgeschichte

Wirtschaftlich gesehen war die Wiedervereinigung ohne Zweifel eine Erfolgsgeschichte. Seit der Wende hat die Wirtschaft in den ostdeutschen Bundesländern einen enormen Aufholprozess hingelegt. Betrug die Wirtschaftsleistung pro Kopf 1990 gerade einmal ein Drittel des westdeutschen Niveaus, liegt sie heute bei fast drei Vierteln. Ebenso haben sich das Pro-Kopf-Einkommen, die Produktivität und der Lebensstandard deutlich verbessert.[1]

Bemerkenswerte Erfolge gab bei der Modernisierung aller Infrastrukturen, die Wohn- und Lebensqualität hat sich hervorragend entwickelt und umfangreiche Investitionen im Umweltschutz haben dazu geführt, dass man z.B. in Elbe; Neiße und Havel wieder baden kann oder über Bitterfeld klare Luft herrscht.

Umbrucherfahrungen sitzen tief

Innerhalb kürzester Zeit folgten zahlreiche grundlegende Veränderungen im Osten Deutschlands: die ersten und letzten freien Wahlen zur Volkskammer am 18. März 1990, die Währungsunion mit der Einführung einer gemeinsamen Währung zum 1. Juli 1990, der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik gemäß Artikel 23 Grundgesetz am 3. Oktober 1990, damit einhergehend die Einführung der sozialen Marktwirtschaft als Wirtschaftsordnung. Wichtige Führungspositionen in Politik, Wirtschaft oder Verwaltung wurden neu besetzt, in den seltensten Fällen mit Ostdeutschen. Die Entwicklungen in den Jahren 1989, 1990 und folgende waren so rasant, dass für Debatten zu wenig Zeit war. Richtig ist aber auch, dass es in den unmittelbaren Nachwendejahren keine wirkliche Option gab, die Abläufe in aller Ruhe abzuhandeln. Der Wille und Wunsch der Ostdeutschen nach eindeutigen und unumkehrbaren Entscheidungen, die deutsche Einheit zu vollenden, war damals übermächtig. Im Rückblick muss man jedoch konstatieren, dass sich offenbar mehr Menschen als angenommen von den Automatismen der Gesetzgebung überrollt gefühlt haben müssen.

Und obwohl der materielle Wohlstand nach der Wende für die meisten Menschen in Ostdeutschland zunahm, entstand bei einem Teil der Ostdeutschen ein Gefühl des Abgehängt-Seins oder des Nicht-gebraucht-Werdens. Viele verspürten den Verlust von Identität, die eigene Lebensgeschichte wurde entwertet. Denn für viele Menschen folgte ein lange Durststrecke: der Verlust des identitätsstiftenden Arbeitsplatzes bedeutete, Orientierung zu suchen noch einmal ganz von vorne anzufangen, eine neue Biographie aufzubauen.

Erinnerungen zulassen

Tausende von Ostdeutschen wagten einen Neuanfang jenseits der alten innerdeutschen Grenze und wanderten in Richtung Westen, in die alten Länder. Laut Daten des Statistischen Bundesamtes war es fast ein Viertel der Bevölkerung Ostdeutschlands, die ihre Heimat verließ.[2]  Oft waren junge, gut ausgebildete jungen Frauen die ganz Mobilen.

Dies bedeutete zuvorderst einen enormen „Brain Drain“, weil junge Menschen ihre Zukunft im Westen suchten. Der Wegzug junger Frauen bewirkte zudem, dass diese ihre Familien in den alten Ländern, nicht jedoch im Osten gegründet wurden, was die demographische Situation in den neuen Ländern in der Folge noch einmal verschärfte.

Zusätzlich gingen den ostdeutschen Ländern mit der Abwanderung, die sich als dramatischer demographischer Aderlass erwies, Steuereinnahmen verloren. Damit einhergehend zerbrachen auch vielerorts zentrale Infrastrukturen der Daseinsvorsorge: Schulen, Krankenhäuser oder Freizeiteinrichtungen mussten schließen. Ein doppelter Verlust für die Menschen, die blieben.

Es erschien lange gesellschaftlich nicht opportun, sich an den normalen Alltag in der DDR auch positiv zu erinnern zu dürfen; ein Alltag, der entbehrungsreich und von Mangel bestimmt war. Aber selbstverständlich gab es Zusammenhalt in den Familien und im Freundeskreis, unter Kollegen oder in der Nachbarschaft. Man begegnete dem Mangel und der Unfreiheit, mit vorsichtigem, hintergründigen Humor, half sich gegenseitig. Noch heute gibt es Witze, die nur Ostdeutsche verstehen – weil sie die Mangelwirtschaft und den Überwachungsstaat karikierten. Wenn aber die Erinnerung an angebliche Vollbeschäftigung oder das Zentralabitur mit der Rechtfertigung von Diktatur, Unrecht und Unterdrückung gleichgesetzt wird, entsteht ein fruchtbarer Nährboden für Populisten.

Lebensleistung würdigen

Wir sollten mehr Respekt vor der Lebensleistung der Menschen in Ostdeutschland haben und ihre gewachsenen Wertvorstellungen stärker würdigen. Wir sollten den Fokus auch stärker auf die positiven Geschichten richten, auf Beispiele, die Mut machen. Viele Menschen haben die neu gewonnene Freiheit genutzt und ihren eigenen Weg gemacht. Die Funkwerk AG aus Kölleda in Thüringen hat nicht nur die Wende gemeistert, sondern ist heute börsennotiert und stattet mit ihren 350 Mitarbeitern Züge mit modernen Funksystemen aus.  Uhren aus Glashütte, Porzellan aus Meißen und …  ( Bsp. Einsetzen aus Brandenburg ö.ä. ) sind weltweit gefragte Spitzenprodukte aus „Made in Germany“. Die schnelle Deindustrialisierung mit ihren psychosozialen Folgen für Millionen Menschen ist bis heute zu wenig beachtet und dies obwohl sie eine demütig und vorsichtig machene Erfahrung sein für die Indutrieregionen der westlichen Bundesländer und die auch dort bevorstehenden Disruptionen.

Inzwischen hat die Hälfte aller ostdeutschen Regionen wieder eine positive Wanderungsbilanz mit den alten Bundesländern. Das liegt zwar einerseits daran, dass immer weniger Menschen den Osten verlassen. Es liegt aber andererseits auch daran, dass einige Großstädte und Regionen im Osten wieder Menschen anziehen: Potsdam, Jena, Leipzig zum Beispiel. Lebensqualität, Innovationsoffenheit, Hochschulen oder auch Tourismus-Attraktivität sind in den ostdeutschen Ländern vielerorts eine Erfolgsgeschichte. Das Reisemagazin „Travelbook“ hat Tangermünde in Sachsen-Anhalt jüngst zu schönsten Kleinstadt Deutschland gewählt – Berlin und Leipzig zählen zu den hipsten Städten der Welt.

Kommunen und Infrastrukturen stärken

Dennoch liegt noch ein gutes Stück Arbeit vor uns. Wir müssen die Orte stärken, in denen die Menschen leben und zusammenkommen: die Kommunen. Die kommunale Ebene ist ein wichtiger Stabilitätsanker, sie sichert Teilhabe und ist Heimat zugleich. Dort aber, wo die Infrastrukturen der Daseinsvorsorge in den vergangenen drei Jahrzehnten zurückgebaut wurden, müssen sie wieder aufgebaut werden. Schließt die örtliche Schule oder die letzte Hausarztpraxis im Ort, geht auch Vertrauen verloren. Zentrale Grundbedürfnisse müssen aufrecht erhalten bleiben, um den Menschen eine Perspektive zu geben. Dazu zählt der Briefkasten genauso wie die Bushaltestelle, schnelle Internetversorgung, der Bäcker oder die Bibliothek.

Hier braucht es für lange Zeit strukturpolitische Maßnahmen wie sie die Bundesregierung aus den Arbeiten der Kommission Gleichwertige Lebensverhältnisse für das eigene Handeln schlussfolgert, um sicherzustellen, dass in den ostdeutschen Regionen kein weiteres Mal ein Gefühl des Abgehängt- und Zurückgelassen-Seins entsteht. Ein Gefühl, das sich auch in anderen Teilen unseres Landes auszubreiten scheint.

Aber gerade die strukturellen Schwächen des Ostens sollten dazu ermutigen, genau hier mit mutigen Investitionen daraus Stärken zu machen. Bieten nicht digitale Technologien Anreize für neuen Formen des Arbeitens, bieten nicht die Regionen mit vergleichsweise dünnen Besiedlung Chancen für autonome Mobilität und automatisierte On-Demand- Automobilität, und sollten nicht vielen leerstehenden Immobilien Kern einer Revitalisierung durch nachhaltiges Leben, Wohnen und Arbeiten in einem modern verstandenen ländlichen Raum sein?

Regionales Know-how ausbauen

Dies ist insbesondere in den vom beschlossenen Kohleausstieg bis 2038 betroffenen Regionen eben zugleich Herausforderung und Chance. In der Lausitz hängen direkt und indirekt etwa 24.000 Arbeitsplätze an der Kohle. Die von der Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ Anfang 2019 beschlossenen Maßnahmen sind eine solide Basis für den Wandel der Lausitz. Die Region hat gute Chancen, sich vom Kohlerevier zum Hightech-Hub zu wandeln. Hierfür müssen die Strukturhilfen vom Bund klug eingesetzt werden, um wirkliche Perspektiven zu schaffen. Das Prinzip dabei muss lauten: Stärken stärken. Es sollte auf dem aufgebaut werden, was es vor Ort gibt. Bestehende Wertschöpfungsketten müssen weiterentwickelt werden.

Das energiewirtschaftliche Know-how könnte beispielsweise genutzt werden, um die Kraftwerksstandorte zu Industrieparks mit Fokus auf erneuerbare Energien umzubauen. Ebenso könnte sich die Lausitz zur Modellregion für klimafreundliche, moderne Mobilität entwickeln. Möglich wäre auch ein Campus für Künstliche Intelligenz. Auch wenn der Wandel ein neuer, großer Einschnitt für die Menschen sein wird, so bilden Technologieoffenheit und Umbrucherfahrungen in der Lausitz eine gute Grundlage.

Perspektiven schaffen

Auch heute, 30 Jahre nach dem Mauerfall, gibt es noch viele Unterschiede und Ungleichheiten zwischen Ost und West. Richtet man aber den Blick darauf, wie ungleich die Verhältnisse, der Grad der Freiheit, der Lebensstandard oder die persönlichen Möglichkeiten für die Zukunft damals waren, so ist und bleibt die deutsche Einheit ein einmaliger Glücksfall der Geschichte. Zumal in einem förderalen und pluralen Staat Einheit nicht gleichbedeutend mit Einheitlichkeit sein darf. Wir müssen Unterschiede anerkennen. Auch die ostdeutschen Bundesländer sind keineswegs uniform, sondern unterscheiden sich voneinander. Nichtsdestotrotz gilt es, überall in Deutschland gleichwertige Lebensverhältnisse zu schaffen. Dies sichert letztendlich die Basis für gleiche Perspektiven und Chancen in einem geeinten Deutschland.

 

[1] https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/bdi-lobt-wirtschaftliche-entwicklung-in-ostdeutschland-a-1268230.html

[2] https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-05/ost-west-wanderung-abwanderung-ostdeutschland-umzug

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