Geschichtsverfälschung auf polnisch

von Katarzyna Plucinska3.01.2019Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Medien

Der PiS-Partei (Recht und Gerechtigkeit) ist gelungen, vielen Polen ein Gefühl von Stolz und Einzigartigkeit zu verleihen und sie zu überzeugen, dass die regierende Partei eine schöne heile Welt für sie schaffen wird. Es wäre daran nichts auszusetzen, wenn diese wunderbare Leistung nicht auf Halbwahrheiten, Fremdenangst und Disakzeptanz von Andersdenkenden basieren würde. Von Katarzyna Plucinska.

Da Heroismus und Martyrium nie aus der Mode kommen, wird eine emotionale und idealisierte Version Polens Geschichte zur tragenden Säule der PiS-Politik. Nachdem Anhänger und Sympathisanten der PiS-Partei jahrelang an jedem 10. Monatstag mit Flaggen, Bannern und Bildern des tödlich verunglückten Präsidenten Lech Kaczyński durch Warschauer Straßen gepilgert waren, wurde am 10. November 2018 mitten in der Hauptstadt sein Denkmal enthüllt. Bei der Einweihung sagte Jarosław Kaczyński, der PiS-Chef und Zwillingsbruder von Lech Kaczyński, dass sein Bruder nicht nur ein Denkmal, sondern Denkmäler und ein Museum verdient habe. Zuerst wurde er trotz vieler Proteste neben den polnischen Königen auf der Wawel-Burg bestattet und nun bekam er eine riesengroße Statue, die nicht das erste Smoleńsk-Monument in der Hauptstadt ist. Im April wurde an demselben Platz, im Herzen Warschaus ein anderes Mahnmal errichtet, das der im Flugzeugabsturz in Smoleńsk verunglückten Elite gedenkt. Ein schwarzer Granitbrocken, der an eine Gangway erinnern sollte, wurde inoffiziell als Himmelstreppe bezeichnet und entpuppte sich schnell als eine große Versuchung für städtische „Bergsteiger“.

Die Denkmal-Einweihung am 10. November war jedoch nur der Auftakt zu einem viel größeren Fest, das ein Tag danach gefeiert wurde. Am 11. November 2018 fand der 100. Jahrestag der polnischen Unabhängigkeit statt. Aus diesem Anlass entschied sich die Regierung – trotz der Sicherheitsbedenken der Stadtpräsidentin von Warschau – einen weiß-roten Marsch zu organisieren. An dem Umzug beteiligten sich neben den Staatsvertretern und Familien mit Kindern, auch rechtsextremistische Gruppen und neofaschistische Gäste aus dem Ausland. Immer wieder knallten in der Menge Feuerwerkskörper und über den Teilnehmern, die Hassparolen riefen, stieg roter Rauch aus Handfackeln auf. Diese Vorkommnisse hinderten die Organisatoren jedoch nicht daran, den Unabhängigkeitsmarsch zu einem großen Erfolg zu erklären.

Bei den Feierlichkeiten rief Präsident Duda in einer glühenden Rede zahlreiche historische Ereignisse in Erinnerung. Er sprach über die christlichen Wurzeln Polens und kämpferische Vorfahren, aber sagte nichts über Polens Zukunft, nichts über Polen in Europa. In den von weiß-roten Fahnen bedeckten Straßen der Hauptstadt gab es nur eine Europaflagge, die verbrannt wurde. Der Präsident des Europäischen Rates, Donald Tusk, der weder vom Präsidenten Duda offiziell begrüßt noch in die erste Reihe eingeladen wurde, wurde zum augenfälligen Symbol, dass es in dem Land noch wahre Europäer gibt. Während der Freiheitsspiele, des interdisziplinären Dialog- und Diskussionstreffens, sprach Tusk über die politische Klasse, deren Entscheidungen die heutige und künftige Unabhängigkeit gefährden. Er betonte zudem die Schlüsselrolle der EU, die die Garantin von Freiheit und Frieden in ganz Europa und in den einzelnen Ländern sei. Er bat letztendlich seine Landsleute, das britische Szenario der Abschottung nicht nachzuahmen.
Erfolge populistischer Parteien und damit euroskeptischer Positionen sind keine marginale Erscheinung in Europa. In Italien zogen Anfang März die rechts gerichtete Lega und Fünf-Sterne-Bewegung ins Parlament ein. In Deutschland gehört seit über vier Jahren die AfD zur politischen Landschaft und wird inzwischen von Abgeordneten auf der kommunalen Ebene über den Bundestag bis hin zum Europäischen Parlament repräsentiert. In Österreich und Griechenland regieren rechtspopulistische Parteien mit; in Ungarn und Polen sogar allein. Das Erfolgsrezept der Populisten basiert auf Angst und Sorgen der Bevölkerung, die von ihnen verstärkt oder selbst geschürt werden. Sie nutzen eine schlechte Wirtschaftslage oder die Migrationskrise aus, um radikale Lösungen zu propagieren und ein schwarz-weißes Denkschema in der Gesellschaft zu verfestigen. Polen ist dabei ein sehr bemerkenswertes Beispiel, weil das Hauptthema polnischer Populisten, das ihnen ein hohes Ansehen in der Bevölkerung ermöglicht hat, war die Flüchtlingskrise. Die große Flüchtlingswelle fiel mit den Parlamentswahlen in Polen zusammen und war vielleicht sogar der ausschlaggebende Schub, der der PiS-Partei den Sieg brachte. Obwohl Polen keine Flüchtlinge aus Nahen Osten aufgenommen hat und von Terroranschlägen verschont blieb, ist die Angst vor islamischen Ankömmlingen in Polen nach wie vor präsent. Die vor dem Krieg und vor Terroristen fliehenden Menschen wurden von den regierungstreuen Medien selbst als Terroristen dargestellt, die auf dem Kriegszug seien, um Europa zu erobern. Rückenstärkung und Unterstützung erhielten die Regierenden von der katholischen Kirche, die auf diese Weise ihre schwächende Position in der Gesellschaft zu stärken versuchte. Die Kirche fing in dieser Situation an, weniger über die Nächstenliebe und mehr über die Gefahr für das christliche Europa zu predigen. Angesichts einer stetig sinkenden Zahl von Gläubigen scheinen die katholischen Kirchenoberhäupter in der sich auf Tradition und damit auch auf das Christentum berufenden Partei eine Chance auf ein neues Aufleben des Glaubens entdeckt zu haben.

Auch Euroskeptizismus, der zum festen Repertoire der nationalkonservativen PiS-Partei gehört, nutzen die Regierenden geschickt zum eigenen Vorteil. Entscheidend ist hier wieder Polens Geschichte. Im 18. Jahrhundert gab es die Aufteilung Polens zwischen Russland, Preußen und Österreich, die Polen für 123 Jahre von der Europakarte verschwinden ließ. Im 20. Jahrhundert wurde es von Nazi-Deutschland und Russland angegriffen und nach dem Zweiten Weltkrieg sowjetischen Einflüssen untergeordnet. Basierend auf diesen traumatischen Erfahrungen der polnischen Nation lässt sich die Europäische Union heute schnell und einfach als externes und heimtückisches Projekt inszenieren, das die Souveränität Polens gefährdet. Die EU wird von vielen Polen mit wirtschaftlich starken, westeuropäischen Staaten gleichgesetzt. Das Paradox besteht darin, dass die Wahrnehmung ausländischer Investitionen situationsbezogen ist. Einerseits schaffen neue Unternehmen Arbeitsplätze und tragen zum allgemeinen wirtschaftlichen Wohlstand bei. Andererseits verbreiten ausländische Investoren Angst, dass den Polen immer weniger gehöre und sie im eigenen Land fremdbestimmt würden. Regierungskritische Artikel polnischer Journalisten, deren Zeitungen großen (oft deutschen) Medienkonzernen gehören, werden als deutsche beziehungsweise Merkels Propaganda beschimpft.

Angst ist das Fundament, auf dem Populismus wächst. Denn je mehr sich Leute fürchten und unsicher fühlen, desto einfacher lassen sie sich unterordnen und führen. Die Regierenden täuschen der Bevölkerung vor, dass sie ihr ein sicheres und sorgenloses Leben garantieren können. Nicht mal die Zukunft der Erde ist ihnen so wichtig wie die Stimmen ihrer Wähler. Das brachte Andrzej Duda auf der Weltklimakonferenz in Kattowitz zwischen den Zeilen zum Ausdruck, indem er sagte, solange er in Polen Präsident sei, lasse er nicht zu, dass irgendjemand den polnischen Bergbau ermorden würde. Die Angst, die die polnische Gesellschaft plagt, lässt sich zum größten Teil als Angst vor Situationen bezeichnen, die das Volk nicht direkt betreffen. Der Angstzustand ist zudem dadurch charakterisierbar, dass der Betroffene nach Erklärungen sucht, die – statt seine Angstgründe zu erklären – sie bestätigen. Verschwörungstheorien sind dabei hoch im Kurs und schießen wie Pilze aus dem Boden. Wenn man genauso wie die Regierung annimmt, dass Polen von jeder Seite bedroht sei, dann ist schnell klar, dassder Flugzeugabsturz bei Smolensk ein Attentat seitens Russlands gewesen sei und hinter jeder Aktivität der Opposition ein westeuropäischer Strippenzieher stehe. In der Medizin werden Angstzustände therapiert, in der Politik versucht man daraus Vorteile zu ziehen. Das Spielen mit Angst hat aber beharrliche Folgen. Es vertieft die gesellschaftliche Spaltung, versklavt Denkweisen und löst Aggressionen aus, die wie ein zweischneidiges Schwert sind, die sich gegen jeden richten können.

Das Bild Polens, in dem Milch und Honig fließen, findet man zurzeit in allen öffentlich-rechtlichen Medien. Ihre Berichterstattung ist eine Art der Erfolgspropaganda, in der Polen als Super-Staat dargestellt wird. Zu dem stolzen katholischen Land, deren Bevölkerung sich besser in der glorifizierten Vergangenheit als in der Gegenwart zurechtfindet, scheinen auch die sich wiederholenden Forderungen nach Entschädigungszahlungen für den Zweiten Weltkrieg besonders gut zu passen. Die manipulative Sicht der Geschichte, die in der Öffentlichkeit kolportiert wird, pflegt Stereotypen gegenüber anderen Völkern, entwickelt unkritisches Denken und spaltet die polnische Gesellschaft zutiefst. Wenn man eine Art der Gewinn-und-Verlust-Rechnung erstellen will, ergibt sich, dass die größten Verluste die in der populistischen Falle gefangenen Gesellschaftsgruppen zu tragen haben. Sie werden mit falscher Hoffnung versorgt und als Mittel zum Zweck missbraucht. Das Ziel der neuen politischen Elite ist nämlich klar. Sie will eine möglichst große Macht im Lande ergreifen und damit eine weitreichende Kontrolle über das Volk ausüben. Aber die Geschichte, sie wird den Populisten auch einmal eine Rechnung stellen.

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