Tödliche Kombination – Was uns zu Killern macht

von Karolin Korten11.03.2010Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Ein Jahr ist seit dem Amoklauf von Winnenden vergangen. Es gibt keine geeigneten Maßnahmen, die solche Taten verhindern. Wir sind den Tätern schutzlos ausgeliefert.

In den letzten Jahren gab es umfassende psychologisch-forensische Bemühungen zur Verhinderung von Schulattentaten, wie Entwicklung von Profilen typischer Schulattentäter, erhöhte Sicherheit an Schulen, Drohungs-Analysen und Präventionskurse für Lehrer. Im Zuge der Ursachenforschung wurden präventive Maßnahmen gefordert, vorrangig die Verschärfung des Waffengesetzes, das Verbot von “Killerspielen”, der Verzicht auf reißerische Berichterstattung von Gewalttaten sowie Schutz vor Leistungsdruck und Mobbing an Schulen. Die Berücksichtigung dieser Faktoren als potenzielle Gefahrenquellen bietet aber keinen zuverlässigen Schutz vor weiteren Gewalttaten dieses Ausmaßes. Die entscheidende Frage lautet: Wodurch entwickelt sich ein Jugendlicher zum Amokläufer?

Totaler Empathieverlust

In der Forschung wird ein Amoklauf mittlerweile nicht mehr als direkte Folge einer individuellen psychischen Störung angesehen, sondern als eine Kombination aus Voraussetzungen des sozialen Umfelds und der Persönlichkeit des Amokläufers. Die psychosoziale Entwurzelung des Täters ist zum Zeitpunkt der Tat schon weit fortgeschritten, wobei der Verlust emotionaler Bindungen zu Isolation, Respekt- und Empathieverlust führt. Somit hat die psychische Entwicklung des Täters doch bereits stattgefunden, bevor äußere Einflüsse wie Computerspiele oder schulische Misserfolge hinzukommen. Ein Jugendlicher, der durch Sicherheit, Halt und Akzeptanz aus der familiären Prägung emotionale Stabilität entwickelt hat, greift auch dann nicht zur Waffe, wenn sie ihm auf dem Silbertablett präsentiert wird; der wendet auch dann keine körperliche Gewalt gegen seine Mitmenschen an, wenn er in gewaltverherrlichenden Killerspielen mit ihr konfrontiert wird, der empfindet Respekt und Mitgefühl für andere, sodass er sie nicht erschießen möchte, selbst wenn er sich ungerecht behandelt oder ausgeschlossen fühlt. Denn: Ihm stehen andere Bewältigungsstrategien zur Verfügung, um mit Frustration, Angst und Unsicherheit umzugehen. Er weiß, dass er jemanden hat, der ihm zuhört, ihn akzeptiert und unterstützt. Er kann positive wie negative Erfahrungen einordnen und kennt alternative Gefühle zu Hass, Verachtung und Aggression.

Lernen mit Zurückweisung klarzukommen

Der Leistungsdruck in der Gesellschaft lässt immer weniger Raum für soziales Verhalten, soziale Einbindung weicht zunehmend der Isolation des Individuums; nur Erfolg und individuelle Leistung werden honoriert. Das Vorkommen von Amokläufen an Schulen ist zwar gering, die Zahl der Jugendlichen, welche Risikofaktoren ausgesetzt sind, aber sehr groß. Viele Kinder erleben in ihrer Familie keine ausgeprägte familiäre und soziale Zugehörigkeit, können weder Vertrauen in sich noch in andere entwickeln. Dadurch fehlt ihnen die psychische Widerstandsfähigkeit, um den vielfältigen Problemen und Anforderungen des Umfelds gewachsen zu sein. Sie haben nicht gelernt, mit Zurückweisungen zurechtzukommen und dem eigenen Leben eine Richtung und Sinnhaftigkeit zu verleihen. Somit wird es immer wieder Individuen geben, ob 15, 25 oder 50 Jahre alt, die sich isoliert und überfordert fühlen in ihrem “Kampf gegen die feindselige Umwelt” und die Kontrolle über ihre Gedanken und ihr Verhalten verlieren.

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