Zu Bildung gehört mehr als nur der Erwerb von Scheinen. Franziska Drohsel

Eugenik? Wohl kaum!

Als Argument gegen die Präimplantationsdiagnostik wird immer wieder ins Feld geführt, dass die Auswahl gesunder Embryos einer eugenischen Selektion gleichkommt. Dabei ermöglicht die PID, dass nachteilige Gene ohne Krankheitsausbruch von Generation zu Generation weitergegeben werden können.

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Der Vorwurf, es handle sich bei der jetzt legalisierten Präimplantationsdiagnostik um Eugenik, trifft nicht zu. Dort wo die
Präimplantationsdiagnostik erlaubt ist, wird sie Kindern die Geburt ermöglichen, die vorher eine geringere oder gar keine Chance gehabt hätten. Das zeigt sich bereits an den 80.000 jährlich stattfindenden vorgeburtlichen Untersuchungen in Deutschland. Diese und die PID werden nicht mit dem Anspruch der Eugenik geführt, sondern um einzelnen Frauen in
einer schweren Konfliktlage zu ermöglichen, nicht ein (weiteres) krankes Kind zur Welt bringen. Zum Beispiel: Wenn eine Ultraschalluntersuchung Hinweise auf Trisomie 21 ergeben hat, steht eine Mutter vor dem Dilemma, ein betroffenes Kind zur Welt zu bringen, oder die Schwangerschaft abzubrechen. Das unterscheidet sich deutlich von einer eugenischen Massnahme, bei der eine autoritäre Struktur, meist der Staat, Einfluss auf die reproduktive Entscheidung der Menschen nimmt und vorgibt, was wünschenswerte Merkmale sind.

PID macht Risiko-Schwangerschaften berechenbar

Dank der Möglichkeit der vorgeburtlichen Diagnostik kommen mehr Kinder zur Welt, als ohne diese. Dies zeigt sich an der Erfahrung mit Müttern, bei deren Schwangerschaft ein Risiko von 25 Prozent für eine schwere, rezessiv erbliche Krankheit vorliegt. Bevor es vorgeburtliche Untersuchungen gab, wurden diese Schwangerschaften häufig abgebrochen, weil die Mütter nicht riskieren wollten, ein krankes Kind zur Welt zu bringen. Durch vorgeburtliche Untersuchungen kann man jetzt für die übrigen drei Viertel sicher stellen, dass es nicht zu einem Schwangerschaftsabbruch aus diesen Motiven kommt. Zwei dieser drei Kinder weisen, wie die Eltern, ein defektes Gen auf (sie sind mischerbig), das sie später an ihre Kinder weitergeben können. Dies ist eher das Gegenteil von Eugenik.

Ein wesentliches Merkmal der Eugenik, nämlich die großangelegte planvolle Beeinflussung des Fortpflanzungsverhaltens mit dem Ziel einer gesünderen Bevölkerung, findet sich in der Präimplantationsdiagnostik jedenfalls nicht wieder. Entscheidend ist, den Eltern in einer schweren Konfliktlage zu einer individuellen Entscheidung zu verhelfen. Die Präimplantationsdiagnostik macht es möglich, dass Menschen mit nachteiligen Genen, Kinder haben können, ohne diese Krankheiten fürchten zu müssen.

Ein richtiger Schritt

Grundsätzlich ist das Urteil des Bundesgerichtshofes auch zu begrüssen, weil es die Anwendung der Präimplantationsdiagnostik deutlich einschränkt. Ein allgemeines Screening von Embryonen ohne konkreten Verdacht auf eine genetisch bedingte Krankheit wird damit ausgeschlossen, ebenso die Auswahl von Embryonen als Spender von Knochenmark für ein schwerkrankes Geschwisterkind. Diese Begrenzung des Verfahrens ist zu begrüßen. Es geht bei der Präimplantationsdiagnostik um den Ausschluss schwerer genetisch bedingter Krankheiten unter klar definierten Umständen und nicht um ein beliebiges Verfügen über menschliches Leben.

Die Präimplantationsdiagnostik erfordert einen hohen technischen Aufwand, ist mit erheblichen Kosten verbunden und zählt dennoch anderenorts bereits heute zur medizinischen Versorgung. Es gibt einige wenige Familien – besonders solche die Schwangerschaftsabbrüche wegen schwerer genetischer Krankheiten hinter sich haben – die sich so etwas nicht noch einmal zumuten wollen und mit der Präimplantationsdiagnostik die Möglichkeit haben, auf Abbrüche zu verzichten. Es darf nicht sein, dass durch übertriebene, realitätsferne Ängste dieser Minderheit die Hilfe versagt wird.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Mechthild Löhr, Birgit Kelle, Carola Reimann.

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