Lehren aus Corona | The European

Leider sind unsere Nachbarn verrückt

Karl-Matthias Klause 26.05.2020Europa, Gesellschaft & Kultur, Medien

Allein zu Hause kommt man ins Grübeln. Beispielsweise darüber, dass die Corona-Krise sowohl ein Stress- als auch ein Charaktertest ist. Und wenn wir uns einmal vergleichen mit anderen Nationen, ist kaum zu übersehen: In den Höhen unseres Diskurses bringt die Krise das Beste in uns hervor. ACHTUNG: Der Text kann Spuren von Ironie enthalten.

Das neuartige Coronavirus breitete sich von China nach Europa aus, Shutterstock

Keiner kann es besser: Wir sind am besten vorbereitet. Wir haben am schnellsten reagiert (Himmel, diese Amerikaner!) Unsere Krankenhäuser sind optimal ausgestattet (Was ist nur in Italien los?). Wir haben ein rationales Krisenmanagement (Wisst ihr noch, die Engländer?!). Wir haben wunderbare Medien, die das loben, und viele Kommentatorinnen und Kommentatoren, die all das zu würdigen wissen und unsere Gefühle in stiller Bescheidenheit in die Welt tragen. Zweiflern wird zugerufen: geht doch ins Ausland! Nach Frankreich zum Beispiel. Oder Belgien. Und schaut: Nein, das ist nicht der Augenblick für Kritik. Wir haben Grenzen geschlossen, Flugverkehr begrenzt, uns isoliert, auch wenn wir das bei anderen zuvor heftig kritisiert haben – quod licet Iovi non licet bovi. Unser allgemeines Bekenntnis zu europäischer und internationaler Solidarität ist unübertroffen, wir singen von Balkonen. Solidarität und Humanität haben ihre Zelte in Deutschland aufgeschlagen. Die Rolle des Musterschülers sucht man sich nicht aus.

Nichts gegen unsere Nachbarn. Trotzdem darf man ja bilanzieren. 1989 war die Welt noch in Ordnung. Dann verschwand das Vertrauen in unsere Nachbarn in kleinen Stückchen – wie die Berliner Mauer in alle Welt. Bei den Feiern zum 30. Jahrestag des Mauerfalls 2019 wurde klar: Wir hätten uns besser alleine gefeiert, die Nachbarn waren lästig (wir hatten sie eingeladen, aber sie sollten bei der „Megaparty“ auch nicht im Weg stehen und Solidarnoscz, „Open this gate“ und die Flucht über die CSSR, Ungarn und Österreich sollten nicht überschätzt werden). Der Fall der Mauer war eine erfolgreiche deutsche Revolution, auch wenn Vorwitzige meinen, wir hätten die deutsche Einheit im Grunde dem Vertrauen unserer Nachbarn zu verdanken.

Seien wir ehrlich: Nichts Besseres war von den Feiern im Herbst 2020 zu erwarten, dem 30. Jahrestag von 2+4, der Verhandlungen und diplomatischen Konferenzen. Die Krise enthebt uns der Feiern. Wir hätten einladen und danken müssen. Forderungen nach Hilfe in der Corona-Krise wären unausweichlich gewesen. Unsere anstehende EU-Präsidentschaft in diesem Jahr sollte ausfallen – sie wird uns teuer zu stehen kommen.

Unsere Nachbarn sind verrückt geworden!

Von dem Heiligen Römischen Reich ist ein Deutschland mit insgesamt neun Nachbarn hervorgegangen (den Weg dorthin lassen wir jetzt mal zur Seite), wir sind Meister und Meisterinnen der Politik zufriedener Nachbarn. Noch mehr: wir haben Geographie und Grenzen hinter uns gelassen. Unsere historischen, geistigen und wirtschaftlichen „Landkarten“ zeigen mehr Nachbarn: den Nachbarn durch Zuwanderung, Türkei; den Nachbarn durch Geschichte, Russland; den Nachbarn durch Goethe, Italien; den Nachbarn von Hamburg, Großbritannien; den Nachbarn durch Wirtschaft; China, und die vielen Nachbarn unserer Fernstenliebe – da sind wir einfach immer eine Nummer besser. Nicht zu vergessen unsere Ratschlag-Nachbarn: Sorgenkind Israel (wie würde dieses Land es ohne unsere gut gemeinte und historisch aus eigener Erfahrung begründete Kritik schaffen?) und Hilfsschüler USA, die in ihrer Geschichte noch nie etwas richtig gemacht haben, mit ihrer oberflächlichen Kultur ungebildeter Menschen (OMG, so uneinsichtig, bei uns ist alles besser).

Bis 1989 konnten wir Vertrauen in unsere Nachbarn haben. Danach ging es bergab. Wie konnte es soweit kommen? Sie konnten doch dankbar sein, dass wir die Schrecken des 20. Jahrhunderts hinter uns gelassen hatten, sie durften uns vergeben, mit uns noch einmal neu anfangen, wir haben ihnen die sprichwörtliche zweite Chance gegeben. Wir haben ihnen ermöglicht, uns in die internationale Gemeinschaft aufzunehmen, in die Nato und später die Vereinten Nationen, wir haben sie ermuntert, mit uns die Europäische Union aufzubauen. Sie durften mit uns die europäischen demokratischen und rechtsstaatlichen Ordnungen aufbauen, die Freiheit sichern, die wirtschaftlichen Grundlagen erneuern – was wäre aus ihnen ohne das Wirtschaftswunder geworden? Was wären sie ohne unsere Versöhnung?

1989, mit dem Fall der Berliner Mauer, haben wir Europa wieder zusammengeführt. Es wuchs zusammen, was zusammengehörte. Wir haben unsere Nachbarn zu einem besseren Selbst geführt: Die zarten Pflanzen der Solidarität in Polen, die zaghaften Grenzöffnungen in Österreich und Ungarn, das mangelnde Vertrauen in die deutsche Geschichte in Gorbatschows Sowjetunion. Wir reagierten zurückhaltend auf das Angebot der USA, uns als „partner in leadership“ zu gewinnen, denn Führung, nun ja, das wäre im Zweifel mit höheren Verteidigungsausgaben verbunden gewesen. Wir waren bereit, mit dem Euro ein kolossales Geschenk an Frankreich zu geben, und bekamen im Gegenzug lediglich die Einheit. Wir stießen auf historisch fundiertes Vertrauen in Großbritannien und bei unseren kleinen und mittleren Nachbarn. Ja, das stille Glück über die neue Rolle Deutschlands war international.

Mit der friedlichen Revolution und der Wiedervereinigung des Kontinents hat Deutschland Europa Halt und Mitte und einen Sinn gegeben. Wir haben unseren Nachbarn einen Vertrauensvorschuss gewährt. Wir haben ihnen im Sommermärchen des neuen Jahrtausends Haus und Hof geöffnet, mit ihnen gefeiert und vor heimischem Publikum gar darauf verzichtet, Fußball-Weltmeister zu werden.

Und kaum 30 Jahre später? Unsere Nachbarn haben Richtung, Maß und Verantwortung verloren, vielleicht sogar den Verstand. Statt überfälliger Reformen daheim, ergeht sich der französische Präsident in mühsam gallisch übertünchten Forderungen für Europa. Unsere polnischen Nachbarn lassen jeglichen Freiheitssinn und Sinn für Souveränität vermissen und schaffen sich eine Zwangsherrschaft. Tschechien lässt jede Dankbarkeit für die Re-Industrialisierung vermissen. In Ungarn ist Hopfen und Malz verloren. Auf unsere berechtigte Kritik, man möge an Demokratie und Rechtsstaatlichkeit denken (als ob wir nicht wüssten, was eine Diktatur ist), ernten wir scheele Blicke – die kollektive Erinnerung ist kurz. Womit wir, nomen est omen, beim Nachbarn im Südosten wären, wo Sebastian Kurz eine schmerzhaft kluge und ungehörig erfolgreiche Politik macht. Aber ist das nicht allzu opportunistisch?! Belgien sieht sich als Zentrum der EU, obwohl kaum noch als Land existent. Die Niederländer verfolgen eine Finanz- und Wirtschaftspolitik, die unsere alte, gelungene, aber doch wohl längst überholte Politik zu kopieren versucht. Und die Dänen machen plötzlich Realpolitik in Sachen Migration.

In der Union, die sich europäisch nennt, geht der Zusammenhalt mit uns verloren, den Nachbarn im Süden mangelt es an Disziplin, denen im Osten an Willen zur Freiheit, an Eigenständigkeit und Bereitschaft zu Verzicht und Opfern, sie sind Opfer von Populisten. Die Briten haben mit Pragmatismus und Common Sense jeglichen Idealismus vertrieben, beim Kampf um den Geldbeutel zeigen sich alle außer uns maßlos. Sollen wir etwa beim neuen EU-Budget oder bei den Corona-Hilfsgeldern die Hauptlast schultern? Hier muss jeder nach seinen Möglichkeiten Verantwortung übernehmen. Die Durchsetzung egoistischer Interessen tut weh. Unsere Nachbarn verlieren sich in nationalen Sonderwegen, dass einem angst und bange werden möchte.

Wenn wir nicht quasi im Alleingang unbeirrt aller Anfeindungen den Multilateralismus hochhielten, wo wären wir? Ohne uns wären Demokratie, Rechtsstaat, Gewaltenteilung und eine freie und diverse Presse nur hohle Phrasen. Wir sind eingekreist von Geschichtsvergessenheit, Ignoranz und Selbstgerechtigkeit.

„Und wenn die Welt voll Teufel wär‘ und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es muss uns doch gelingen“. (Martin Luther)

Traurig, aber wahr: Auf unsere Nachbarn ist kein Verlass mehr. Wir erwarten keine Dankbarkeit, aber ihre Klugheit und ihre wohl verstandenen Interessen müssten ausreichen uns zu folgen. Ohne uns fehlen Pragmatismus, Augenmaß, Lehren aus der Geschichte und moralische Führung. Wir sind bereit voran zu gehen. Wir blicken uns um: unsere Nachbarn sind weit und breit nicht zu sehen, die Armen. Wir müssen unser Werk vollenden – notfalls allein.

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