Wir werden sehen, ob junge Leute wirklich besser sind, nur weil sie jung sind. Michel Friedman

Hartzen geht auch anders

Die Hartz-IV-Sätze müssen neu verhandelt werden. Denn es geht hier nicht um ein paar Euro, sondern um das Gefühl, gebraucht zu werden. Aufstehen, arbeiten, Feierabend und Wochenende – das hat auch mit Menschenwürde zu tun.

Die Hartz-IV-Gesetzgebung gehört neu verhandelt – und zwar nicht, weil um ein paar unwürdige Euro hin oder her geschachert werden soll, sondern weil im Zuge jüngster Kürzungen auch sogenannte „Mehraufwandsentschädigungsmaßnahmen“ gestrichen worden sind. Das ist ein Skandal, wenn man es recht betrachtet, denn mit den sogenannten „Ein-Euro-Jobs“ können die Menschen nicht nur ihr Hartz IV minimal aufbessern, sondern – und das ist das eigentlich Entscheidende – diese Maßnahmen geben ihnen auch außerhalb des erstens Arbeitsmarktes und auch, wenn sie so gut wie keine Chancen haben, dorthin zurückzukehren, wieder eine Aufgabe, einen festen, geregelten Arbeitsalltag und vor allem, das unbezahlbare und so wichtige Gefühl, in dieser unserer Gesellschaft tatsächlich gebraucht zu werden.

Aufstehen, arbeiten, Feierabend und Wochenende

Nur nicht in den Sumpf fallen. Aufstehen, arbeiten, Feierabend und Wochenende. So sieht ein Leben aus, in dem es Anerkennung und Respekt gibt. Wie beim Superstar-Casting sind die einen drin und freuen sich über ihre alltägliche Leistungsshow. Die anderen, Leistungsbezieher von Hartz IV, würden sich so viel Stress und so wenig Zeit wirklich wünschen. Einfach, um das Gefühl von „Gebrauchtwerden“ zu spüren.

Ein handfestes Beispiel: Wie für viele andere ist für Bettina Lorbeer, Protagonistin des Dokumentarfilms HARTZcore, der erste Arbeitsmarkt unerreichbar. Der Ein-Euro-Job ist die Rettung aus der sozialen Isolation. Rettung aus einem Gefängnis der Trägheit und Gleichförmigkeit, des Sumpfes eben, der zwangsläufig jeden aufsaugt, der keine Aufgabe bekommt. Außer vielleicht dem kafkaesken Kampf mit dem JobCenter um ein paar Euro. Es geht nicht nur um Arbeit, sondern es geht um Würde. Kurios, dass ausgerechnet im Jahr 2011 in Berlin ein Großteil der Maßnahmen, über die der Film berichtet, gestrichen worden sind.

Das Recht auf Arbeit

Dabei drängt sich ganz massiv eine Frage auf: Wieso gibt es kein Recht auf Arbeit, wenn Arbeit Freude und Freunde macht? Wir Menschen sind Teil einer Gemeinschaft und als Gemeinschaft hat unsere Spezies das Überleben gelernt. Dann kann also die Förderung der puren Leistung des Einzelnen nicht das einzige Kriterium für einen gesellschaftlichen Konsens sein.

Die „Maßnahme“, das Wegorganisieren von Freizeit, ist sehr viel mehr als nur Qualifizierung für einen ersten Arbeitsmarkt, den es für einige de facto nicht gibt. Vielmehr ist die „Maßnahme“ die Wiederherstellung eines sozialen Gefüges, das so im Menschen und in seiner Gesellschaft tief verankert ist. Armut wird in Deutschland nicht nur durch Geld definiert, sondern auch durch Würde. Und deshalb gehört die Hartz-IV-Gesetzgebung erneut vor das Bundesverfassungsgericht.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Oskar Lafontaine, The European Redaktion, Heinz Hilgers.

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