Unsere zivilisierte Welt ist nur eine große Maskerade. Arthur Schopenhauer

Kostenloses Wachstum

Ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA ist mehr als der Abbau von Handelsbarrieren. Es schafft Möglichkeiten, die weit über die beiden Kontinente hinausgehen.

Zwei Milliarden Euro: Das ist der Wert der Waren und Dienstleistungen, die jeden Tag den Atlantik überqueren. Der Handel zwischen der EU und den USA macht ein Drittel des Welthandels aus und bildet damit die umfangreichste Wirtschaftsbeziehung der Welt. Wieso also ein Handelsabkommen, wenn doch ohnehin alles glatt läuft?

Verbesserung für uns alle

Einfach gesagt: Ein Handelsabkommen ermöglicht uns, noch einen Schritt weiter zu gehen, um neues Wachstum für unsere Wirtschaft zu schaffen.

Die Zölle, die wir uns gegenseitig bei den Importen auferlegen, sind niedrig, etwa vier Prozent. Aber der Umfang unseres Handels ist so groß, dass wir mit jedem Zolltarif, den wir beseitigen – und sei es der niedrigste – Millionen von Euro für Unternehmen einsparen. Speziell, wenn man berücksichtigt, dass vieles vom transatlantischen Handel Lieferungen innerhalb ein und derselben Firma sind. Autoteile, beispielsweise, können den Atlantik mehr als einmal überqueren – zuerst als Einzelteile, später im fertigen Produkt. Das bedeutet, dass sich die Zölle für sie verdoppeln.

Wir gehen aber sogar noch einen Schritt weiter und schnüren ein umfassenderes Paket: Die Abschaffung von Gebühren, die Öffnung des Dienstleistungsmarktes und für Auftragvergaben werden nur ein kleiner Teil davon sein. Worauf wir uns hauptsächlich konzentrieren müssen, sind die Barrieren, die hinter den Zollgrenzen liegen. Barrieren, wie technische Regulierungen, spezielle Standards und Zulassungen. Momentan schätzt man, dass diese technischen Barrieren einem zusätzlichen Zoll zwischen zehn und 20 Prozent pro Produkt gleichkommen.

Lassen Sie mich dafür ein Beispiel geben: Die Sicherheitsvorschriften von Autos sind in der EU und den USA ähnlich streng – Sicherheit hat immer oberste Priorität. Aber trotz der übereinstimmenden Ziele unterscheiden sich die technischen Vorschriften, mit denen sie erreicht werden sollen. Das führt dazu, dass ein europäischer Autobauer, der seine Autos in den USA verkaufen will, zweimal durch den Sicherheits-Check muss. Manchmal bedarf es dabei sogar anderer oder zusätzlicher Autoteile, um auf der anderen Seite des Atlantiks zugelassen zu werden. Das kostet Zeit und Geld. Würden wir die entsprechenden Standards anpassen und „gemeinsam akzeptieren“, könnten wir für unsere Betriebe viel Geld sparen. Das strenge und hohe Sicherheitsniveau ändert sich nicht, nur den Produzenten bleiben unnötige Doppelkosten erspart. Dies führt letztendlich zur Schaffung neuer Arbeitsplätze und somit zu einer Verbesserung für die Kosumenten, also uns alle.

Transatlantische Standards können zu Weltstandards werden

Doch transatlantische Standards und Regulierungen haben noch eine andere Dimension: Da wir die größte Handelsbeziehung in der Welt bilden, könnten die transatlantischen Standards zu Weltstandards werden. Das bedeutet, dass unsere Produzenten und Firmen keine zusätzlichen Kosten mehr haben werden, wenn sie für die Fülle der verschiedenen Vorschriften in der gesamten Welt produzieren.

Ich glaube also, es ist bestimmt nicht übertrieben, wenn man sagt, dass eine derartige „transatlantische Wirtschaftsallianz“ bahnbrechend sein wird. Sie geht über alles hinaus, was wir bisher gemacht haben. Sie könnte die Wirtschaft der EU um 0,5 Prozent des BIP (oder 86 Milliarden Euro) wachsen lassen. Das klingt vielleicht nicht viel, aber immerhin sprechen wir von der gesamten Wirtschaft der EU. Und man sollte auch nicht vergessen, dass ein halbes Prozent Wachstum in der aktuellen Situation äußerst willkommen wäre. Sie würde Arbeitsplätze und Wachstum schaffen – ohne wesentliche Kosten, einzig mit der Öffnung des Handels und der Investmentströme.

Können wir es erreichen? Ich glaube, es wird nicht einfach – ein weiter Weg mit Höhen und Tiefen. Aber jetzt, wo wir uns entschieden haben, Verhandlungen aufzunehmen, muss der Deal ein guter werden.

Idealerweise werden wir die Arbeit in zwei Jahren abschließen können. Ein ambitionierter Deal ist für mich jedoch vorrangiger als die Geschwindigkeit, in der wir ihn erreichen. Ich werde die Europäische Union nicht einem minderwertigen und unausgewogenen Abkommen verpflichten. Die EU und die USA tragen die Verantwortung für den Rest der globalen Handelsgemeinschaft. Zusammen können wir zeigen, dass wir Märkte öffnen wollen und dem Protektionismus in der Krise widerstehen. Und wir sind dafür zu besonderen Anstrengungen bereit.

Übersetzung aus dem Englischen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Oskar Lafontaine, Bill Wirtz, Wolf Achim Wiegand.

Leserbriefe

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Mehr zum Thema: Europaeische-kommission, Transatlantische-freundschaft, Freihandel

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