Die sexuelle Misere der arabischen Welt

Kamel Daoud24.05.2016Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik

Die Übergriffe von Köln sind kein Zufall. Sie sind Teil einer tiefen sexuellen Neurose der islamischen Welt. Hierzulande rückt diese Neurose durch die aktuellen Ereignisse nun erstmals ins kollektive Bewusstsein.

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Nach Tahrir kam Köln. Nach dem öffentlichen Platz kam Sex. Der Arabische Frühling 2011 sorgte zunächst für Enthusiasmus, bevor er nach und nach an Zustimmung verlor. Die Bewegungen haben an Unschuld verloren, sie gelten inzwischen sogar als hässlich: Eines steht fest, sie verfehlten die Berührung von Ideen, Kultur, Religion oder sozialen Normen, insbesondere Normen im Zusammenhang mit Geschlechtsverkehr. Revolution ist eben nicht gleich Modernität.

Die Angriffe auf westliche Frauen durch arabische Immigranten, die in Köln in der Silvesternacht stattfanden, warfen neues Licht auf die sexuellen Belästigungen, die sich in den Tumulten der ägyptischen Revolution ereigneten. Es bedurfte erst dieser Vorkommnisse, damit die westliche Welt realisierte, welches Elend die gesamte sogenannte arabische – oder generell gesprochen – muslimische Welt prägt: die kranke Beziehung mit und zu Frauen. In manchen Regionen sind die Frauen verschleiert, sie werden gesteinigt oder getötet; in jedem Falle herrscht die allgemeine Ansicht, dass sie der Keim der Unordnung in einer idealen Gesellschaft sind. Die Antwort vieler europäischer Länder ist ein Verhaltenscode für Flüchtlinge und Immigranten.

Sex gilt in Ländern wie Algerien, Tunesien, Syrien und dem Jemen als komplexes Tabuthema. Die Tabuisierung ergibt sich aus der konservativen und patriarchalischen Kultur, den neuen ultrastrengen Regeln der Islamisten und einem diskreten Puritanismus der verschiedenen Sozialismen dieser Region. Eine Kombination, die sich hervorragend eignet, um Begierde und Schuldgefühle zu unterdrücken, und jene an den Rand drängt, die gegen den Strom schwimmen. Sie ist meilenwert entfernt von der herrlichen Zügellosigkeit, die in den Schriften der muslimischen goldenen Zeit geschrieben steht. Man denke nur an Sheikh Nafzawis „Der duftende Garten der Wollust“, in dem Erotik und Kamasutra ohne Aufhänger bewältigt wird.

Heutzutage stellt Sex ein beeindruckendes Paradoxon in vielen Ländern der arabischen Welt dar: Man verhält sich, als würde er nicht existieren, und doch determiniert er alles Unausgesprochene. Geleugnet liegt die Verheimlichung schwer auf der Seele. Auch wenn Frauen verschleiert sind, sie sind das Zentrum unserer Verbindungen, Austauschbeziehungen und Sorgen.

Frauen sind ein wiederkehrendes Thema im täglichen Diskurs, denn der Anteil, den sie verkörpern – an Männlichkeit, Ehre und Familienwerten – ist enorm. In manchen Ländern dürfen Frauen nur in der Öffentlichkeit auftreten, wenn sie ihren Körper verstecken. Würde man(n) Frauen erlauben, ohne Bedeckung in die Öffentlichkeit zu treten, dann würde die unterdrückte und verleugnete Begierde der Islamisten, der Konservativen und der alleinstehenden jungen Männer enthüllt werden. Frauen werden als Quelle der Destabilisierung angesehen – manche behaupten, ein kurzer Rock löst Erdbeben aus – und werden nur als Eigentum, also als Frau von X oder Tochter von Y respektiert.

Diese Widersprüche bilden unerträgliche Spannungen. Begierde hat kein Ventil und kein Ergebnis. Eine Beziehung zweier Menschen ist nicht mehr ein intimer Raum, sondern Angelegenheit der gesamten Gruppe. Das daraus resultierende sexuelle Desaster kann in Absurdität und Hysterie abdriften. Auch hier hofft der Einzelne auf Liebe und trifft stattdessen auf verhinderte „Mechanismen der Liebe“. Die strenge Beobachtung von Frauen, die Besessenheit über ihre Jungfräulichkeit und Kontrollen durch die Sittenpolizei verhindern erste Treffen, unbekümmerte Flirts und geheimnisvolle Verführung. Das Ganze führt sogar so weit, dass gerissene Jungfernhäutchen operativ intakt gebracht werden.

In manchen muslimischen Ländern gleicht der Krieg gegen Frauen und Paare einer Inquisition. Während des Sommers werden Brigaden von Salafisten und Jugendlichen von radikalen Imamen und islamistischen TV-Predigten dazu ermuntert, weibliche Körper zu überwachen und kontrollieren. Die Polizei macht Jagd auf Paare, die sich auf öffentlichen Plätzen aufhalten. Sogar Verheiratete sind davon betroffen. Parks wurden zur No-Zone für Verliebte erklärt; Bänke werden auseinandergesägt, um zu geringen Entfernungen zwischen Menschen vorzubeugen.

Das Ergebnis dieser Maßnahmen sind Traumwelten, die entweder dem Westen mit seiner Demonstration von Ungehörigkeit und Wollust gleichen oder in das muslimische Paradies mit seinen Jungfrauen entführen.

Es ist eine Entscheidung, die sich am einfachsten an den Angeboten der arabischen Medien illustrieren lässt. Theologen und libanesische Sänger und Tänzer des „Silicone Valley“ gelten als der letzte Schrei und verstärken das Gefühl der Unerreichbarkeit von körperlicher Nähe und der Unmöglichkeit von Sex. Gleichermaßen extrem verhält es sich mit der Kleidung: Am einen Ende steht die Burka, der orthodoxe Ganzkörperschleier, und am anderen Ende die Hijab Moutabaraj („der Schleier, der enthüllt“), eine Kombination aus Kopftuch und knallengen Hosen. Am Strand kommt es zu einer Konfrontation aus Burqini und Bikini.

Nachdem Sextherapeuten in der muslimischen Welt eine Seltenheit darstellen und ihrem Rat selten Beachtung geschenkt wird, haben Islamisten de facto ein Monopol in der Diskussion um Körper, Sex und Liebe. Unterstützt durch das Internet und zahlreiche religiöse Fernsehsendungen, mutierte manche Rede in eine abscheuliche Form von Pornoislamismus. Religiöse Obrigkeiten erteilen groteske Fatwas wie zum Beispiel: Es ist verboten, nackt Sex zu haben, Frauen dürfen keine Bananen berühren, oder ein Mann darf nur mit einer weiblichen Kollegin alleine sein, wenn sie seine Mutter ist und ihn gestillt hat.

Sex ist überall. Vor allem nach dem Tod

Orgasmen sind nur akzeptiert, wenn zuvor geheiratet wurde – und unterliegen dann religiösen Diktaten, die Lust abschalten sollen –, oder auf die Zeit nach dem Tod zu verschieben. Das Paradies mit seinen Jungfrauen ist ein beliebtes Thema der Prediger. Sie präsentieren die Freuden des Jenseits als Belohnung für jene, die im Land des sexuellen Notstands verweilen. Selbstmordattentäter, die von diesen Aussichten träumen, sind einer schrecklichen surrealistischen Logik ausgeliefert: Der Weg zum Orgasmus führt durch den Tod und nicht durch Liebe.

Der Westen hat sich lange in seiner Fremdartigkeit in Sicherheit gewähnt. Die Orientalistik hat ihren eigenen Weg, um kulturelle Variationen zu glätten und jeglichen Missbrauch zu entschuldigen: Scheherazade, der Harem und Bauchtänzerinnen sorgten dafür, dass dem Westen die Misere muslimischer Frauen lange gar nicht bewusst waren. Doch mit dem aktuellen Zustrom von Immigranten aus dem Nahen Osten und Afrika trifft die krankhafte Beziehung, die manche arabischen Länder mit ihren Frauen pflegen, auf das offene Europa.

Was lange als fremdes Spektakel in fremden Ländern galt, fühlt sich jetzt an wie ein Clash of Cultures, der auf westlichem Boden ausgetragen wird. Unterschiede, die einst durch die Distanz und das Gefühl von Überlegenheit verborgen waren, haben sich jetzt zu einer immanenten Gefahr entwickelt. Menschen im Westen beobachten mit Angst und Sorge, dass der Umgang mit Sex in der muslimischen Welt krank ist und dass sich diese Krankheit auf das eigene Land ausbreitet.

_Aus dem Englischen von Bernadette Reichel, mit freundlicher Genehmigung der „New York Times“_

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