Das Wir zählt

Kaija Landsberg2.04.2012Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Immer wieder kommt die Frage auf, ob in der Schule das Richtige gelernt wird. Wir fragen, wer in Deutschland überhaupt etwas Richtiges lernt; von wem hier richtig gelernt wird und wie ein richtiger Lernprozess aussehen könnte.

Was brauchen wir denn zum „richtigen“ Leben? Glücklich und erfolgreich ist bei einem alten Griechen (Aristoteles), wer ein gelingendes Leben aktiv führt. Er und sie zeichnen sich aus durch Vertrauen in sich selbst. Das aktive Selbstvertrauen lässt diese Menschen dynamisch, motiviert und ausdauernd Dinge zu Ende bringen und dabei Hindernisse überwinden. Einen Schulabschluss, eine Lehre, ein Studium. Sie schreiben ein Gedicht, erfinden den iPod oder gründen eine KFZ-Werkstatt. In unserem reichen Land lernen oft die gut, deren Eltern auch schon gut gelernt haben. Beladen mit Paketen wie Armut, fremden Wurzeln oder mangelnder Fürsorge, lernt man bei uns vieles nicht. Nach zehn Jahren Schulbesuch hat ein Schüler manchmal die gleich großen Pakete auf dem Rücken und dabei nur geringe Chancen auf ein selbstgestaltetes, gelingendes Leben. Gilt, wer einmal Pech hat, bleibt dabei? Schickt man diese Pechvögel dann auf Pechvogelschulen und überlässt sie ansonsten sich selbst? Chancengerechtigkeit radikal gedacht könnte heißen, Schulplätze zu verlosen. Goodbye Pakete.

Entscheidend ist die Lust aufs Lernen

Von wem wird gelernt und wie? Man lernt entweder aus Zwang oder aus Begeisterung. Entweder man lernt zum Test und es zählt, was prüfbar ist – wo und wie gelernt wird, spielt keine Rolle. Ganz anders, wenn der Antrieb Enthusiasmus ist. Da ist etwas, das ich können will – Breakdancen, einen Rock nähen oder Bruchrechnen. Und da sind Leute, die es schon können oder zumindest ein bisschen besser können als ich. Die frag ich einfach. Lernen vom Vorbild, durch Nachahmung und Beispiel. Entscheidend ist die Lust aufs Lernen und die entfachen ganz unterschiedliche Lernbegleiter. Lehrer, Klassenkameraden oder außerschulische Praktiker. Wichtig sind der gegenseitige Respekt als Vorbild und Nachahmer. Wie lernen wir am besten? Durch Erfolgserlebnisse. Unterfliege ich beim Hochsprung die Latte immer meterweit, dann schwindet der Mut, den nächsten Versuch zu wagen. Bemerke ich jedoch (unter Anleitung): die Technik stimmt, ich muss nur weiter trainieren, um immer minimal höher zu kommen, dann wächst mein Ehrgeiz, meine eigene Grenze Zentimeter um Zentimeter zu verschieben. Lernen findet im Kleinen statt. Im geschützten Rahmen. Die Grundsätze sind einfach: Ich gebe mein Bestes. Ich rede mich nicht heraus. Wenn ich hier bin, nehme ich aktiv teil. Das gilt für Vorbilder und Nachahmer, für Lernbegleiter und Lernende. Denn beide haben beide Rollen zur gleichen Zeit inne.

Anstrengung und Unterstützung

Leben ist in der Schule und außerhalb der Schule, vorher und nachher. Fragen wir trotzdem: Wie übertragen wir die Erkenntnisse auf alle Schulfächer, auf alle Schüler, egal mit welchen Paketen, und auf das Leben außerhalb der Schule und danach? Der Satz des Pythagoras lehrt, dass ich Aufgaben mit der richtigen Technik lösen kann. Manchmal denke ich mir diese Technik selbst aus. Manchmal suche und finde ich den richtigen Lehrer oder das richtige Buch dafür. Genau das kann und soll in der Schule passieren. Alle schaffen es, wenn sie sich anstrengen, ihr Bestes geben und Unterstützung erfahren. Das Schulleben bereitet so auf das „richtige Leben“ richtig vor. Denn wenn Schüler sich auf sich selbst und ihren Verstand zu verlassen lernen, haben sie auch den Mut, um kompetente Starthilfe zu bitten, wenn sie vor zunächst unlösbaren Aufgaben stehen. Gehen können sie dann selbst. Egal, ob es um den Mietvertrag geht, darum, eine Website zu programmieren oder zu wählen und sich aktiv in die Politik einzubringen. _Dieser Kommentar ist in Zusammenarbeit mit Elisabeth Raschke entstanden, Fellow des ersten Jahrgangs von Teach First Deutschland._

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