Die Welt ist so groß, dass alle Irrtümer darin Platz haben. Rudolf Augstein

Es bleibt alles anders

Gibt es einen chinesischen Weg? Wer die Geschichte des Landes mit all ihren Umbrüchen studiert, kann sich da nicht sicher sein. Entscheidend ist, dass wir China als modernes Land ernst nehmen.

China, ein Land im Umbruch: das ist nichts Neues. Seit der Revolution, die vor genau 100 Jahren zur Gründung der Republik führte, hat China permanent Umbrüche erlebt: das Ende des Kaiserreichs, einen radikalen Strukturwandel der Gesellschaft, Modernisierung aller Lebensbereiche, dann die Zerstörung all dessen in Krieg, Bürgerkrieg, und den mörderischen Kampagnen des Mao-Regimes – und seit gut 30 Jahren die Wirtschaftsreform, die allen Maoismus wieder rückgängig machen sollte. Allein in diesen 100 Jahren ist die Welt in China mehrmals untergegangen und neu entstanden – kann es angesichts dessen sinnvoll sein, von einem „chinesischen Weg“ zu reden?

Unser Chinabild hängt an traditionellen Mustern

Vielleicht sollten wir uns weniger um den Umbruch in China sorgen als um den in unserer China-Rezeption. Denn während die chinesische Gesellschaft – zumindest in den Städten – längst modern geworden ist, das heißt: sich auf permanenten Wandel eingestellt hat, hängt unser Chinabild oft noch an traditionellen Mustern. Gewiss, niemand spricht mehr ernsthaft vom „ewigen China“ oder gar vom „Land des ewigen Stillstands“. Aber in anderem Gewand spuken diese Klischees noch immer durch aktuelle Debatten: wenn etwa von einer unergründlichen „chinesischen Kultur“ die Rede geht, die uns grundsätzlich fremd sei, oder von der altehrwürdigen Philosophie, die noch heute Denken und Handeln „der Chinesen“ präge – oder wenn Sinologen als Kenner der „Tradition“ angesprochen werden, um die Situation des gegenwärtigen China zu analysieren. Vielleicht rührt daher das Unbehagen vieler Sinologen (oder ihr Schweigen, das ihnen jüngst vorgeworfen wurde) im Umgang mit aktuellen Fragen: denn diese lassen sich eben nicht aus der „Tradition“ beantworten.

Das moderne China ist – wie alle modernen Gesellschaften – durch einen Traditionsbruch entstanden. Um es recht einzuschätzen, sollten auch westliche Beobachter mit überlieferten Denkmustern brechen. Dazu gehört etwa das Geraune von der „konfuzianischen“ Gesellschaft – als ob China den „Konfuzianismus“ im 20. Jahrhundert nicht mehrfach in die tiefste Hölle verdammt hätte, als ob eine moderne Gesellschaft sich auf ein Denksystem reduzieren ließe. Gewiss, der „Konfuzianismus“ erlebt heute in verschiedenen Ausprägungen eine Renaissance – aber lediglich als ein Sinnangebot unter vielen, aus denen Chinesen heute wählen können. Dazu gehört die Vorstellung, dass die chinesische Wirtschaft offenbar anderen Gesetzen gehorche als die westliche und daher auf permanentes Wachstum programmiert sei – obwohl sie stark subventioniert ist, weitgehend von staatlichen Investitionen und Exporten abhängt, faule Kredite anhäuft und an enormen regionalen und sektoralen Differenzen laboriert.

Demokratie und Menschenrechte passen zum heutigen China

Dazu gehört auch der Mythos, dass Demokratie und Menschenrechte nichts für China seien. Für das alte China mag das zutreffen – auch in Europa galt bis ins späte 18. Jahrhundert Demokratie als Verfallsform einer guten Verfassung, und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte datiert gerade einmal von 1948. Aber Urbanisierung und moderne Medien haben auch in China eine Öffentlichkeit geschaffen, der die Regierung sich stellen muss, eines Tages sicher auch in Wahlen. Wenn nicht alles ganz anders kommt. Denn auch vom hartnäckigsten China-Mythos sollten wir uns trennen: dem der nationalen und staatlichen Einheit. Weder die chinesische Nation noch der Nationalismus ist historisch tief verwurzelt: jene ist vor rund 100 Jahren konstruiert worden, dieser dient seit Kurzem dazu, die sozialen und ethnischen Diskrepanzen der chinesischen Gesellschaft zu kaschieren.

Niemand kann vorhersagen, wie China sich entwickeln wird (außer Helmut Schmidt). Gerade deshalb sollten wir uns auf viele Möglichkeiten einstellen, und das heißt vor allem: China als modernes Land ernst nehmen, in dem nichts so bleibt, wie es war.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Wolf Achim Wiegand, Open Doors, Beatrice Bischof.

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