Religionsfreiheit wäre ein hohler Begriff, würde sie nur für die Glaubensrichtungen gelten, mit denen wir einer Meinung sind. Mitt Romney

Scherbenhaufen der Aufklärung

Vor einigen Monaten noch wurden verschleierte Frauen in Kairo als Speerspitze der progressiven Reform gefeiert; inzwischen ist Europa zur Islamophobie zurückgekehrt. Unter dem Deckmantel der kontroversen Debatte werden Ansichten salonfähig, die in der pluralistischen Demokratie nichts verloren haben.

Nach der ägyptischen Revolution waren die Erwartungen hoch, dass dieses Großereignis auch das Islambild in Europa verbessern würde. Auf dem Höhepunkt der Revolution auf dem Tahrir-Platz in Kairo sprachen Journalisten im deutschen Fernsehen vom „großen ägyptischen Volk“. Solidarität und Euphorie waren mit Händen zu greifen, einer dieser Momente, in denen man wirklich an die Durchsetzung einer globalen Ordnung glauben möchte. Sogar öffentliche Selbstkritik an der egoistischen Nahostpolitik europäischer Staaten wurde geübt, Konsequenzen angemahnt – und wurden dann nie wirklich umgesetzt.

Bald schon war der Nahe Osten wieder fast vergessen, die Menschen in Europa kehrten zu ihrem eigenen Alltag zurück, in dem nicht die Demonstranten des Tahrir-Platzes sondern solche pauschalen Islamkritiker wie Thilo Sarrazin den Ton angeben. War nicht der Islam in Europa doch ein ganz eigenes Problem? Wie konnte es sein, dass verschleierte Frauen plötzlich als progressive Akteure gesellschaftlicher Prozesse betrachtet werden sollten? Und überhaupt: Araber und Demokratie? Würde da am Ende nicht doch der Islamismus obsiegen?

Anti-Islamismus wird salonfähig

Nur wenige Monate nach der glorreichen ägyptischen Revolution stehen wir in Europa einmal mehr vor dem Scherbenhaufen unseres unaufgeklärten Islambildes. Der islamfeindliche Massenmord in Norwegen, der Attentäter Anders Behring Breivik, die rechtpopulistischen Parteien und Bewegungen, in deren Internet-Foren er zu Hause war und für die er geschrieben hat, deren Parteiführer, wie den Niederländer Geert Wilders, er bewundert: sie alle haben uns auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

Nicht eine Verbesserung des Islambildes ist zu erkennen, Parteien in fast allen europäischen Ländern haben sich die Islamfeindlichkeit auf ihre Fahne geschrieben. Immer mehr rückt die These von der „Unterwanderung Europas durch den Islam“ in das Zentrum rechter Ideologien – und zwar von Oslo über Berlin und Budapest bis nach Paris. Dass Muslime nach allen Studien zwar religiöser sind als der Durchschnitt, aber die Verfassungswerte unserer Demokratie ebenso bejahen wie der Rest der Bevölkerungen, wird tunlichst ignoriert.

Europas Neurose

Rechtspopulistische Parteien, Bewegungen und Internetforen sind mit ihrem Trick, die demokratische Ordnung formal zu bejahen, sich sogar zu ihren Hütern und Bewahrern aufzuschwingen, weit gelangt. Nicht nur haben sie sich von den Verfassungsfeinden der „Neonazis“ abgesetzt. Sie haben es auch geschafft, unterhalb der formalen Anerkennung politischer Liberalität ein Klima der sozialen und kulturellen Verfolgung zu erzeugen, dass bis tief hinein ins europäische Bürgertum die Werte der Toleranz immer mehr zerstört. Die Mehrheit der europäischen Bevölkerungen hält nach allen Studien, die wir haben, den Islam für gefährlich und unvereinbar mit dem Westen. Nicht-Muslime meiden oft den Kontakt zu Muslimen, eine Tendenz zur Alltagsdiskriminierung ist zu erkennen und – schlimmer noch –, europäische Studien haben längst gezeigt, dass auch unterhalb der großen Massenmorde die Zahl der antimuslimischen Gewalttaten in Europa zunimmt.

Traurig aber wahr: unsere liberalen Demokratien und Gesellschaften sind zutiefst islamfeindlich und rassistisch. Zwar gibt es natürlich nach wie vor liberale Teile unserer Gesellschaft. Die Breiviks aber sind längst keine Einzeltäter mehr. Sie haben nur die paranoide und neurotische Islamangst in unseren Breiten konsequent zu Ende gedacht.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Julian Nida-Rümelin, Dietmar Bartsch, Vera Lengsfeld.

Leserbriefe

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