Zum Greifen nah

Kai Gehring16.03.2012Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Von der Öffentlichkeit wenig wahrgenommen, findet seit dem PISA-Beben 2001 eine Umstrukturierung des Lehrplans statt. Ein Schulfach Alltag brauchen wir deshalb nicht, stattdessen müssen die Schulen praxisnaher arbeiten.

In den vergangenen Jahrzehnten ist in Deutschland viel über Schulstrukturen gestritten worden. Es ging aber nie nur um Strukturen, sondern auch um innere Schulreformen und vielfältige pädagogische Wege. Allerdings ließ sich in der politischen und medialen Auseinandersetzung der Streit immer besonders gut in Schlagworten zuspitzen, die eine Schulform benannte. Das begann in den 1970er-Jahren mit der „Gesamtschule“. Dabei muss zugestanden werden, dass diese Auseinandersetzung vor allem in der alten Bundesrepublik stattfand. Von der Öffentlichkeit wenig wahrgenommen, haben Bildungspolitiker jedoch längst die Verbesserung der Bildungsinhalte in Angriff genommen.

Kein Schulfach Alltag

Das PISA-Beben 2001 hat viele alte Gräben zugeschüttet. Mit den Bildungsstandards ist die Konzentration auf Bildungsinhalte schon deutlich vorangeschritten. Wir Grüne stellen dabei die Kinder in den Mittelpunkt: Die Bildungswege müssen möglichst lange offen bleiben. Deswegen setzen wir in den Ländern und Kommunen auf eine „Ermöglichungsstrategie“: Die Schulwahl im Alter von zehn Jahren ist nur eine Entscheidung für den eigenen Weg, nicht für oder gar gegen einen bestimmten Schulabschluss. Jede möglichst selbstverantwortliche Schule muss die Möglichkeiten und Ressourcen für eine stärkere individuelle Förderung der Kinder und Jugendlichen haben. Gleichzeitig ermöglicht unser Konzept den lokal Zuständigen, auch in kleineren Orten eine weiterführende Schule zu erhalten. Von gutem längeren gemeinsamen Lernen profitieren alle Kinder und Jugendlichen. Dazu gehört auch das „lebensnahe Lernen“. Von einem zusätzlichen Schulfach „Alltag“ halte ich dagegen nichts. Es muss vielmehr darum gehen, Alltagserfahrungen und -praxis in den Unterricht einzubeziehen. Das gilt sowohl für den Fachunterricht als auch für fächerübergreifende Angebote. Gerade für lernschwächere Kinder und Jugendliche ist der Alltagsbezug eine wichtige Lernmotivation. Schnelle und anhaltende Erfolgserlebnisse im Alltag durch das Anwenden dessen, was in der Schule gelehrt und gelernt wird, tragen gerade für Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Familien dazu bei, Schule als positiven Ort zu erfahren.

Keine Vorteile, nur weniger Zeit

Wir erleben seit Jahren eine Inflationierung an Ideen für neue Schulfächer – von Finanzwirtschaft bis Verbraucherschutz. Dieser Inflation kann weder die LehrerInnenausbildung noch die Schule als Lernort entsprechen. Es brächte auch keine Vorteile für Schülerinnen und Schüler – nur eine noch vollere Stundentafel. Deswegen gehören lebenspraktische Fragen in die regulären Fächer und zu einem qualitativen Unterricht dazu. Für das, was Kinder und Jugendliche akut interessiert, wozu sie Fragen haben oder was sie mit ihrer forschenden Neugierde hinterfragen wollen, kann im individualisierten Unterricht, in Nachmittags-AGs oder Projektwochen vertiefend diskutiert werden. Alltag sollte stärker als bisher auch strukturell Teil von Unterricht und Schule werden. Beide müssen praxis- und lebensnäher werden, zum Beispiel indem sie sich ihrem Stadtteil und gegenüber außerschulischen Kooperationspartnern stärker öffnen.

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