Ohne Europa gibt es keine Träume auf dem Balkan. Edi Rama

Kern der Spaltung

Japan steht vor einem Dilemma. Wirtschaftsbosse und Politiker fordern die Rückkehr zur Atomenergie, um die Wirtschaft anzukurbeln. Doch nach Fukushima haben die Bürger das Vertrauen in die Kernkraft verloren.

Noch heute, zwei Jahre nach der Katastrophe in Fukushima, sind die Stoßwellen des Entsetzens in Japan deutlich zu spüren. Im März 2011 erschütterte ein Erdbeben der Stärke 9 den Nordosten Japans, kostete 20.000 Menschenleben, zerstörte Dutzende Küstengemeinden und verursachte die dreifache Kernschmelze des Fukushima-Daiichi-Kraftwerks. Während Hilfsorganisationen und Militär versuchten, die Verletzten zu versorgen, offenbarte sich das Ausmaß der nuklearen Katastrophe und ließ Japan an seinem unerschütterlichen Glauben an die Atomkraft zweifeln.

In den zwei Folgejahren erlebte Japan die komplette Stilllegung der Atomkraft, einen begrenzten Neustart dieser sowie einen stufenweisen Abbau; und jetzt schließlich doch wieder Versuche, eine atombetriebene Zukunft aufzubauen – eine damals undenkbare Zukunft.

Von kleineren Unfällen und Sicherheitsbedenken abgesehen, gab es über die vergangenen Jahrzehnte wenig, was das Vertrauen in die Atomindustrie erschüttert hat. Kraftwerkbetreiber, Aufsichtsbehörden, Politiker und Wissenschaftler feierten die Atomkraft als einzige Antwort auf Japans Energienot.

Das Dreieck der Schuld

Aufgrund der nationalen Ressourcenarmut war Japan seit jeher auf Ölimporte aus dem Nahen Osten angewiesen. Wegen Ausbauungsverboten von Thermalquellen in Naturparks bleibt das enorme geothermische Potenzial des Landes auch weiterhin größtenteils unberührt. Dies soll sich jedoch in den kommenden Jahren ändern.

Für die Nachkriegsregierungen, unter Führung der konservativen liberaldemokratischen Partei, war Atomenergie die einzige tragfähige Ergänzung zum importierten Öl. Vor dem elften März 2011 deckten 54 Atomreaktoren ungefähr ein Drittel des japanischen Stromverbrauchs – geplant war sogar eine Ausweitung von über 50 Prozent bis 2030. Nach Fukushima platzten diese Pläne jedoch binnen weniger Tage.

Die Erklärung des Kraftwerkbetreibers TEPCO, dass die Kernschmelze durch eine unvorhersehbare Naturkatastrophe verursacht wurde, war schnell diskreditiert.

Berichte bestätigten, dass selbst TEPCOs interne Sicherheitsbeamte vor zu niedrigen Schutzufermauern rund um das Kraftwerk warnten. Zudem konnten Experten nicht nachvollziehen, warum die Notstromversorgung – deren Versagen zur Kernschmelze führte – nicht so angelegt war, dass sie selbst starken Erdbeben standhalten könnte.

Untersuchungen des Betreibers zufolge traf Zustand sowie Organisation des Werkes keine Schuld an der Katastrophe. Unabhängige Untersuchungen der lokalen Regierung kamen jedoch zu einer anderen Schlussfolgerung: Demnach liegt die Schuld in dem engen Verhältnis der Atomindustrie zu der damals zuständigen Sicherheitsbehörde sowie den gefälligen Politikern begründet, die TEPCO freie Hand bei Sicherheitsstandards gewährten.

Dramatische Wende

Nach dem elften März begann die Öffentlichkeit, sich gegen die Atomindustrie zu wenden. Die restlichen Reaktoren wurden vom Netz genommen und gründlich geprüft. Erst nach Bestehen allumfassender Stresstests kam eine Aktivierung wieder infrage.

Zum ersten Mal seit 50 Jahren war Japan nach dem Abschalten des letzten Reaktors vergangenen Mai nuklearfrei. Doch einen Monat später aktivierte der damalige Premier Yoshihiko Noda, auf Druck der Industrielobby, wieder zwei Reaktoren.

Kurz vor Abwählung seiner Partei im Dezember 2012 hatte Noda sich doch noch gegen die atomare Zukunft entschieden und kündigte den schrittweisen Abbau bis 2040 an. Dieser würde durch eine 30-prozentige Umstrukturierung auf erneuerbare Energien sowie fossile Brennstoffe unterstützt.

Heute, kurz nachdem die Katastrophe sich zum zweiten Mal jährte, hat sich die Atomdebatte in Japan dramatisch gewendet: Der neue Premierminister Shinzo Abe zeigt sich entschieden gegen die Abbaupläne seines Vorgängers. Die ökonomischen und ökologischen Konsequenzen eines atomaren Verzichts, so Abe, seien zu hoch für eine moderne Wirtschaft, die unter internationalem Konkurrenzdruck stehe.

Die Importkosten von Flüssig-Erdgas und fossilem Brennstoff haben die japanische Wirtschaft zusehends belastet und waren 2011 maßgeblich für Japans erstes Handelsdefizit seit über 30 Jahren verantwortlich.

Ob sich Japan an internationale Klimaschutzziele halten kann, scheint fraglich. Noch dieses Jahr soll über eine neue Kürzungsvorgabe des nationalen CO2-Ausstoßes entschieden werden.

Sicher zurück zum Atom

Während andere Länder ihre Atompolitik infrage stellen, ist Japan also wieder fleißig dabei, die Atomkraft in die nationale Energieversorgung einzubeziehen. Da aber eine Mehrheit der Japaner das Ende der Atomenergie fordert, hat Abe bereits eingelenkt: In Zukunft sollen Sicherheitsbestimmungen der Kraftwerke nicht einfach in die Hände der Betreiber gegeben werden.

Japans neue Atomaufsichtsbehörde (die NISA wurde im September 2012 aufgelöst) hat bereits Pläne vorgelegt, die unter anderem das Errichten einer zweiten Kommandozentrale vorsehen, von wo aus man im Notfall die Notkühlung steuern kann. Höhere und robustere Schutzmauern, zum Schutz vor Tsunamis, sind ebenfalls eingeplant. Abe hat die Errichtung neuer Kraftwerke nicht ausgeschlossen, gab aber sein Wort, dass keines dieser Werke an seismisch aktiven Orten gebaut wird. Daran zweifelt die Bevölkerung.

Atomgegnern bleibt noch Zeit, gegen das Vorhaben vorzugehen. Es wird Jahre dauern, bis alle Reaktoren die neuen Sicherheitsstandards erfüllen, was auch weiterhin den angeschlagenen japanischen Finanzhaushalt belasten wird. Für Japans aufgebrachte konservative Politiker und Wirtschaftsbosse bleibt billige und zuverlässige Energie – also Atomenergie – auch weiterhin der einzige Weg zur wirtschaftlichen Genesung.

Nach Fukushima wird aber jeder Ruf nach einer Lockerung der Sicherheitsbestimmungen unnachgiebig abgewehrt. Sollte Japan in Zukunft wieder mit Atomkraft betrieben werden, wird sich die Bevölkerung nur mit absoluten und glaubwürdigen Sicherheitsgarantien sowie einer korruptionsfreien Atomindustrie zufriedengeben. Alles andere kann nur zu Fehlern der Vergangenheit und zu weiteren nuklearen Katastrophen führen.

Übersetzung aus dem Englischen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Hans-Werner Sinn, Vera Lengsfeld, Vera Lengsfeld.

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