Ich bin von Clowns und Zombies umgeben, also mache ich am besten alles selbst. Nicolas Sarkozy

„Daten erzählen Geschichten“

Data Mining und die Erforschung von Netzwerken sind die Spezialgebiete des Computerforschers Jure Leskovec. Mit Lars Mensel und Florian Guckelsberger sprach er über das Verhältnis zwischen Daten und Wahrheit, die Erforschung der Arabischen Aufstände und den Spielfilm Matrix.

The European: Im Spielfilm „Matrix“ gibt es eine Szene, in der ein Datenhacker auf vorbeiziehende Symbole starrt und erkennt, welche Menschen dahinterstehen. Erkennen Sie Ähnliches?
Leskovec: Ja, das Bild stimmt. Daten erzählen Geschichten, man muss ihnen nur zuhören.

The European: Was war die überraschendste Entdeckung bei Ihrer Analyse von Daten in sozialen Netzwerken?
Leskovec: Gute Frage. Oft ist es so, dass man mit einer Vorahnung in die Analyse geht. In den meisten Fällen muss man die Intuition später revidieren, weil die Daten es nicht anders zulassen. Die wirklich überraschenden Fälle sind die, bei denen man etwas herausfindet, was einem Angst macht. Etwas, das der gängigen Auffassung der Wissenschaft völlig widerspricht. Bei solchen Entdeckungen muss man sich immer erst fragen, ob einem vielleicht nicht doch ein Fehler unterlaufen ist. Doch manchmal behält man recht. Wir haben beispielsweise herausgefunden, dass in größeren Netzwerken Bekanntschaftsketten kürzer sind. Mit anderen Worten: Je größer ein soziales Netzwerk ist, über desto weniger Ecken kennt man jedes beliebige Mitglied. Stellen Sie sich ein wachsendes Netzwerk vor, das doch irgendwie schrumpft. Ist das nicht seltsam, dass ein Objekt größer wird, wenn es gleichzeitig schrumpft?

The European: Sie schauen sich Daten an und lesen aus ihnen?
Leskovec: Genau. In diesem Fall war es einfach ein empirisches Phänomen, das wir beobachten konnten. Erst schien es rätselhaft, was da vor sich geht, aber dann haben wir es geschafft herauszufinden, warum sich Bekanntschaftsbeziehungen so verhalten.

„Wissenschaft kann für das Gute oder Böse verwendet werden“

The European: Ist tatsächlich alles Wissen über den Menschen aus Daten ableitbar? Ist die Wahrheit in Codes versteckt?
Leskovec: Diese materialistische Ansicht ist doch die Grundbedingung aller wissenschaftlichen Arbeit, besonders für Naturwissenschaftler. Wir wollen Phänomene beobachten und quantifizieren. Unser Ziel ist es, neue Fakten zu entdecken und sie zu erklären. Wichtig ist dabei, dass die Experimente wiederholbar sein müssen. Ich bin kein Philosoph, aber aus empirischer Sicht liegt die Wahrheit in den Vorgängen, die sich wiederholen lassen. Es muss etwas sein, das jeder beliebig häufig wiederholen kann, ohne das sich der Effekt verändert. Wenn man das auf das Internet und soziale Medien überträgt, bedeutet es, dass die Wahrheit darin besteht, was Menschen immer und immer wieder sagen. Denken Sie nur an Crowdsourcing. Wenn Sie auf einer Onlineplattform fragen, ob ein bestimmtes Restaurant gut ist, dann entsprechen die kumulierten Antworten, die Sie von der Internetgemeinschaft bekommen, der Wahrheit.

The European: Sie sagen, dass Sie die wunden Punkte jedes Netzwerks aufspüren können. Welche politische Dimension hat Ihre Tätigkeit?
Leskovec: Wissenschaft kann für das Gute oder Böse verwendet werden. Das Gleiche gilt für Netzwerke und Computerwissenschaften. Nicht zuletzt deswegen ist auch das US-Verteidigungsministerium so interessiert an unserer Forschung.

The European: Sie werden vom Verteidigungsministerium unterstützt?
Leskovec: Ja, sie finanzieren eine Menge. Aber ihr Betrachtungswinkel hat sich verändert. Bis vor wenigen Jahren wollten sie noch die digitalen Netzwerke von Terroristen verstehen, besonders nach den Terroranschlägen vom 11. September. Alles drehte sich darum, wo die Terroristen ihre Informationen tauschen und Verbindungen knüpfen. Der Fokus unserer Arbeit war, Netzwerke effizient zu stören. Wenn sie heute darüber sprechen, geht es um gesellschaftliche Dynamiken. Es geht darum, die Aufstände in Nordafrika zu verstehen und neue Medien für sich selbst nutzbar zu machen. Zumindest in der Kommission, die die Fördergelder verteilt, hat sich die Einstellung der Leute verschoben. Früher sollten wir Netzwerke zerstören, heute gilt es herausfinden, welche Wahrheiten sie zutage fördern können. Sie haben erkannt, dass Menschen in der Lage sind, sich selbst zu organisieren.

The European: Sie behaupten, mit ausreichend großen Datensätzen 40 Prozent unserer Freundschaftsvorschläge auf Facebook voraussagen zu können. Ist der Mensch tatsächlich so rational?
Leskovec: Natürlich sind Menschen in manchen Situationen irrational. Aber in großen Populationen lassen sich aus unserem Verhalten Regelmäßigkeiten ablesen. Denken Sie an Bewegungsmuster oder Schlafrhythmen. Bei einer ausreichend großen Zahl von Individuen ist ihre Periodizität sehr klar definiert. In digitalen Netzwerken gibt es eine Menge guter Anhaltspunkte für unser Verhalten und unsere Präferenzen. Wenn Sie Menschen ähnlich sind, folgen Sie ihnen. Je mehr Freunde Sie mit einer Person gemeinsam haben, desto wahrscheinlicher ist es, dass Sie sie treffen oder schon kennen. Wir versuchen nicht vorherzusagen, dass Sie die Person auf einer bestimmten Party treffen werden. Alles, was wir tun, ist, Wahrscheinlichkeiten für Ihr Zusammentreffen zu errechnen. Da muss man zwischen Korrelation und Kausalität unterscheiden.

„Der Computer ist die fantastischste Maschine, die der Mensch je erfunden hat“

The European: Was würden Sie eigentlich tun, wenn wir 20 Jahre früher leben würden und es all die Technologie noch nicht gäbe?
Leskovec: Vermutlich würde ich genauso mit Kalkulationen und Modellierungen arbeiten und spannende Fragen lösen. Das ist, was mich interessiert. Die fantastischste Maschine, die der Mensch erfunden hat, ist der Computer. In seinem Inneren spuken ein paar Nullen und Einsen herum und heraus kommt pure Abstraktion. Wir haben es geschafft, den Zahlen Bedeutung zu geben. Jede Nutzung moderner Computer, unser ganzer Alltag basiert auf diesem System.

The European: Gibt es irgendeinen Mythos, den Sie in Ihrer Forschung noch aufklären wollen?
Leskovec: Ja, es gibt da wirklich ein Phänomen, was mich sehr interessiert. Es ist zwar etwas banal, aber Menschen behaupten häufig, schlechte Nachrichten würden sich schneller verbreiten. Ich würde gerne herausfinden, wie schnell.

The European: Und was sagt Ihre Intuition?
Leskovec: Das weiß ich noch nicht. Erst einmal müssen wir definieren, was schlechte Nachrichten sind und was schnell heißt. Es gibt noch viel zu tun, aber es ist machbar.

Dieses Interview entstand im Rahmen der DLD-Konferenz 2012 in München. The European ist Medienpartner der Veranstaltung.

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