Da krieg ich so den Ball und das ist ja immer das Problem. Gerald Asamoah

Die Gespaltenen Staaten

Michael Brown ist mehr als ein weiterer toter, schwarzer Teenager. Er ist ein Symbol für Amerikas Rassimus-Problem und das Scheitern von Obamas Vision.

Ich wuchs in Südafrika auf und meine Eltern kannten jemanden, der versehentlich einen schwarzen Jungen überfahren hatte. Mitten in der nacht, zur Zeit der Apartheid. Es war ein schrecklicher Unfall, doch er musste dafür nicht ins Gefängnis. Anstatt einen Bericht anzufertigen, kratzte die Polizei den Jungen vom Asphalt und ignorierte den Vorfall ansonsten.

Ich habe keine Ahnung von Karma oder übernatürlicher Gerechtigkeit im Jenseits, doch insgeheim hoffte ich, dass dieser Freund der Familie seit damals keinen glücklichen Tag mehr hatte. Das ist die Art von Schuld und Trauma, mit der man lernen muss zu leben, in einer zerrütteten Gesellschaft. Der Gerechtigkeit wird nicht genüge getan, die Vorfälle nicht aufgerollt. Nichts erinnert an sie.

„Zuerst und zuvorderst“

In seiner Rede nach dem Jury-Urteil zur Anklage von Darren Wilson – dem Polizisten, der Michael Brown im August erschoss – rief US-Präsident Barack Obama sowohl Ferguson als auch den Rest Amerikas zur Ordnung: „Zuerst und zuvorderst“, sagte er, „sind wir ein Rechtsstaat. Deshalb müssen wir akzeptieren, dass die Jury die Entscheidung zu treffen hatte.“ Zuerst und zuvorderst ist das jedoch eine sehr formelle und knappe Definition von dem, was es heißt, ein Rechtsstaat zu sein. Die Herrschaft des Gesetzes soll der Gerechtigkeit dienen und nicht der Fortschreibung ihrer Dysfunktion und der, der Gesellschaft. Zweitens, können rechtliche Entscheidungen auch falsch sein, egal ob sie von Richtern, Tribunalen oder einer Jury getroffen werden – sowohl im rechtlichen als auch im moralischen Sinne. Solche Entscheidungen können für eine bestimmte Nation in einer bestimmten Situation sogar barbarisch oder aus der Zeit gefallen sein.

Verurteilungen von Polizisten gibt es nicht oft in einem Amerika, wo weiße Privilegien und der Einsatz roher Gewalt durch Ordnungshüter an der Tagesordnung sind. Aber dieses Mal hätte es anders sein können. Die Tragödie von Ferguson hätten ein Moment sein können, in dem das Leben von Schwarzen etwas zählt. Ein Mann, der einst durch die Gegend lief und von Hoffnung und Wandel sprach, hätte das wissen können.

Obama will noch immer, dass Amerika sich verändert. „Jedoch“, sagt er, „dass werde nicht durch das Schmeißen von Flaschen und dem Zerstören von Autoscheiben geschehen, nicht dadurch, diese Ereignisse als Ausrede für Vandalismus zu nutzen und ganz sicher nicht dadurch, Menschen zu verletzen.“ Was soll das einer Gemeinschaft von Bürgern zweiter Klasse, die keine Mitspracherecht in der amerikanischen Gesellschaft haben und außerdem auch keinen Beweis, dass Wandel ohne Gewalt wirklich möglich ist, sagen?

Nur eine Seite der Geschichte

Das sind Bürger, die nahezu täglich durchsucht und belästigt werden. Bürger, die nicht gefragt werden, bevor man sie auf den Boden drück, ausfragt oder observiert. Bürger, die zu Recht Angst davor haben, am helllichten Tag erschossen zu werden, ohne dass es jemanden juckt. Bürger (und zahlreiche Augenzeugen), deren Version der Geschichte vor Gericht nicht gehört wird.

Ohne Anklage wird die einzige Version der Geschichte die sein, die Wilson selbst erzählt:

Er drehte sich und schaute mich an. Er grunzte und legte los, drehte sich und kam direkt zurück auf mich zu. Es wirkte, als ob er losrennen wollte. Seine linke Hand ballte sich zu einer Faust und wanderte zur Seite, seine Rechte Hand griff unter sein Shirt, dann unter seinen Hosenbund und er rannte auf mich zu.

Es bleibt nur die Erinnerung an einen weiteren Toten. Das ist nicht die Geschichte eines Mannes, der von der starken weißen Hand des Gesetzes genervt ist. Das ist die seines Gegners, der ihn als Wilden darstellt.

Vielleicht wird irgendwann, irgendwer die Ungerechtigkeit von Ferguson in Worte fassen. Und vielleicht ändert sich eines Tages etwas. Bis es soweit ist, bleibt uns nur die Erinnerung an einen weiteren Toten: „Als er fiel, fiel er auf sein Gesicht. Und ich erinnere mich, wie seine Füße weiter traten, als ob er so viel Schwung hatte, als er fiel. Sein Fuß kam noch einmal hoch, dann lag er ruhig da.“

Übersetzung aus dem Englischen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Wolf-Christian Weimer, Slavoj Žižek, Tobias Endler.

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