Kein Land ist heute mehr autonom. Anthony Grayling

Wahlzeit statt Mahlzeit

Bürgerpflichten sind doof, und Wahlen ändern eh nichts? Bei der Europawahl ist wirklich für jeden Geschmack was dabei.

Erwischt. Ich war eine von denen, die den Tag der Bundestagswahl Burger essend auf dem Sofa verbracht haben. Ich starrte auf meinen Picasso-Druck – der dort steht, wo der Fernseher wäre, hätte ich denn einen – statt mich an der heiligsten demokratischen Zeremonie zu beteiligen: die Übertragung meiner demokratischen Macht auf vertrauenswürdige Parlamentarier meiner Wahl.

Die Idee, dass diese Parlamentarier tagein tagaus herumsitzen und meinen Willen verwirklichen, ist natürlich wenig mehr als ein schönes Märchen. Aber es war kein Anflug negativer Freiheit, der mich davon abhielt, zur Wahl zu gehen. Ich war vielmehr enttäuscht und verdrossen. Wieso bitte sollte ich mit meiner Stimme eine ideenlose Regierung und Opposition dafür belohnen, dass sie zu beschäftigt oder zu kampfmüde waren, um einen richtigen Wahlkampf zu führen? Und anscheinend auch die Grundidee der Repräsentanz, nämlich das Zurverfügungstellen neuer Ideen und Optionen, bereits vergessen haben?

Verstehen Sie mich nicht falsch. Konfetti und Tränen habe ich überhaupt nicht erwartet, nur jemanden, der endlich die bequemen Wahrheiten in Frage stellt, die Deutschland und Europa schon so lange davon abhalten, sich auf eine Weise zu verändern, die dringend nötig wäre. Die standen nicht zur Wahl, also saß ich daheim mit meinem Burger.

Zum Glück hat sich mittlerweile herausgestellt, dass ich danebenlag. Europa ist doch wandlungsfähig und kann sich neu erfinden. Denn die anstehenden Wahlen zum Europaparlament sind kein bloßes Abnicken bisheriger Institutionen. Sie sind vielmehr eine echte Inszenierung dessen, was Europa am meisten braucht: ein Aufeinanderprallen der Ideen und Ideologien. Jeder der Kandidaten steht dabei für ein anderes Modell eines künftigen Europas.

Bislang durften wir lediglich Ja oder Nein zu bereits etablierten Positionen, Regeln und Verträgen sagen. Im Gegenzug haben wir Präsidenten und Institutionen ertragen, die uns Rechte gaben und nahmen, wie es ihnen gerade passte. Die anstehenden Wahlen sind anders, denn es geht darum, ein Gesicht und eine Identität für Europa zu finden. Was mal wieder wie ein Märchen klingt, ist vielmehr eine Art Wegmarkierung, die anzeigt, in welche Richtung sich die Union entwickeln soll.

Wenn Sie Ideologien nicht verstehen oder glauben, wir hätten sie bereits hinter uns gelassen, dann stimmen Sie für den Menschen. Stimmen Sie für Martin Schulz, wenn Sie an nette Menschen und nette Ideen glauben. Stimmen Sie für Alexis Tsipras, wenn Sie bisherige Machtstrukturen und Institutionen wie die Troika verändern wollen. Stimmen Sie für die großartige Kombination aus Guy Verhofstadt und Olli Rehn, wenn Sie das nicht wollen. Oder stimmen Sie für Marine Le Pen, wenn Sie außer dem Hass auf Ihre Nachbarn wenig in Ihrem Herzen tragen.

Warum sollten wir auf unsere Ohnmacht beharren und schweigen, wenn uns tatsächlich mal jemand fragt, in welcher Welt wir eigentlich leben wollen? Ich wünsche mir, dass wir nicht nur wählen gehen, sondern Gefallen daran finden.

Übersetzung aus dem Englischen.

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 2/2014.

Darin geht es u.a. um die Liebe: Sie ist die letzte Unbekannte in unserer Welt. Wir lassen diskutieren, warum sie immer noch unser Leben diktiert. Weitere Debatten: das Erbe der Großen Koalition, die Grenzen des Teilens und warum die Renaissance des Kommunismus ausbleibt. Dazu Gespräche mit Sahra Wagenknecht, Marina Abramović, und Viviane Reding.

Sie können es hier direkt bestellen.

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