Wir haben das Kapitel Nationalmannschaft endgültig auf den Grund gefahren. Oliver Kahn

Mobile Revolution

Afrikas Entwicklung braucht neue, kreative Wege. Wo Wechselgeld gerade noch in Süßigkeiten rausgegeben wurde, schaffen Handys ein mobiles Finanzsystem.

Es ist nicht leicht, angesichts der Entwicklung des afrikanischen Kontinents optimistisch zu sein. Unwahrscheinlich ist, dass das nächste Jahrhundert ein afrikanisches wird. Angesichts der Herausforderungen ist der Mythos „Africa Rising“ so utopisch, dass sich eine ernste Wahrscheinlichkeitsrechnung kaum lohnt.

Dennoch können Afrikaner es sich nicht leisten, in „Afropessimismus“ zu verfallen. Und das Gegenteil ist auch derzeit der Fall: Führungskräfte und Regierungsmitglieder auf dem Kontinent entwickeln ein neues Bewusstsein für das Potential und die Bedeutung Afrikas sowie eine starke Tendenz zur Kooperation und afrikanischen Solidarität.

Entwicklung in Afrikas Händen

1999 wurde das Konzept der „Afrikanischen Renaissance“ ins Leben gerufen. Es basiert auf der Idee, dass Afrika in Zukunft wieder eigene Wege gehen und sich dabei auf eigene Ideen, Lösungen und Institutionen verlassen kann. Die kulturelle aber auch wirtschaftliche und wissenschaftliche Zukunft Afrikas sollte wieder in seinen eigenen Händen liegen.

Als Thabo Mbeki 1999 der zweite Präsident eines freien Südafrikas wurde, gründete er kurz darauf die Afrikanische Union (AU) sowie die Neue Partnerschaft für Afrikas Entwicklung (NEPAD). Beide passten zur Legende der afrikanischen Renaissance, da „Korruption, Krieg und wirtschaftliche Not nicht mehr von außen gelöst, sondern von innen bekämpft werden sollen.“

Auf dem afrikanischen Kontinent wird die AU daher mittlerweile als legitimer angesehen als manch andere internationale Organisationen. Es besteht ein gewisses Anspruchsdenken und das Wissen, dass Kritik auch gehört und zu Herzen genommen wird. Selbst wenn der AU die Mittel zur wirksamen Beendigung von Konflikten fehlen, findet der Kampf um die Zukunft des Kontinents, um seine Identität und um afrikanische Prinzipien und Werte hier statt. Und dies ist auch dringend notwendig. Die afrikanischen Staaten müssen sich gemeinsam aus ihrer Unmündigkeit befreien und gegenüber Drittstaaten und internationalen Konzernen stärker ihre Interessen durchsetzen. All das führt jedoch auch zu einer Haltung, die Kritik von außen zunehmend ablehnt und eigene Konzepte von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit entwickelt.

Wechselgeld in Süßigkeiten

Ein Beispiel für die Entwicklung eines Landes nach „afrikanischen Prinzipien“ ist Simbabwe. Robert Mugabe – einst gefeierter Freiheitskämpfer – hat es in 33 Jahren als Präsident (oder Diktator) geschafft, sein Land bis in die absolute Hungersnot herunterzuwirtschaften, Investoren zu vertreiben und die Mittelschicht auszurotten. Zimbabwe wurde von der Königin aus dem Commonwealth ausgeschlossen und Mugabe wird die Einreise nach Europa verweigert.

In Afrika wird er hingegen stets als Bruder (als Mitglied der „African Brotherhood“) behandelt. Thabo Mbeki überwachte seine Wahl und erkannte das Ergebnis an, lud ihn zu diversen Festen ein und verwies bei Kritik gerne auf seine „silent diplomacy, not loud-speaker diplomacy“. Vergangenes Jahr wurde in Simbabwe erneut gewählt und eins ist klar: Im südlichen Afrika heißt Demokratie, dass die Sieger, die „natural leaders“, an der Macht bleiben. Und zwar ohne Konsequenzen.

2009 lag die Inflationsrate des Simbabwe-Dollars bei mehreren Millionen Prozent. Die Währung wurde suspendiert und die Privatwirtschaft handelt nunmehr vor allem in US-Dollar. Dies führte zunächst zu einer Stabilisierung der wirtschaftlichen Lage. Der kleinste Schein, ein US Dollars, übersteigt jedoch in erheblichem Maße das tägliche Einkommen des durchschnittlichen Simbabwers und zwingt ihn zu Spontankäufen, um sein Wechselgeld in Süßigkeiten oder Ähnlichem zu erhalten.

Mobile Revolution

Seit September 2012 bietet das Unternehmen Ecocash den Simbabwern eine Alternative an. Sie können Geld auf ihre Mobiltelefone laden und fast alle Zahlungen oder Überweisungen damit erledigen. Ecocash ist mittlerweile nicht nur ein Zahlungsmittel (2013 kaufte Econet die TN Bank Zimbabwe), sondern eine anerkannte Währung, die weder von einer Zentralbank noch der Regierung kontrolliert wird. In einem Land, wo Infrastruktur und Bankautomaten weitgehend fehlen, aber über die Hälfte der Menschen Mobiltelefone haben, ermöglicht mobiles Geld vielen Simbabwern wirtschaftliche Partizipation und Freiheit – sowie die Möglichkeit, etwas Geld zu sparen oder nach Hause zu schicken. Diese mobile Revolution bedeutet, dass Simbabwe wieder an den internationalen Finanzmarkt angeschlossen ist und sich Investitionen (vor allem aus China) wieder lohnen.

Die mobile Revolution in Simbabwe (und auch Kenia) zeigt die Wirkungskraft von einfachen Lösungen, die auf Probleme und Bedürfnisse der Menschen zugeschnitten sind. Ecocash hat große Pläne. Es möchte Simbabwern zum Sparen und Investitionen animieren, mit Investoren auf Augenhöhe verhandeln und auch die Regierung zu einer nachhaltigeren Wirtschaftspolitik zwingen.

Schließlich stehen nun das Geld und die Zukunft der einfachen Bürger auf dem Spiel.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Petr Bystron, Open Doors, Alexander Vogel.

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