Aus dem Scheitern lernen

Julian Nida-Rümelin30.11.2009Gesellschaft & Kultur, Politik

An seinen eigenen Zielen gemessen, muss der Bologna-Prozess als gescheitert gelten. Schlimmer noch: Es drohen uns akademische Monokultur, verschulte Studiengänge, soziale Rücksichtslosigkeit und geistige Verödung. Bologna muss daher tief greifend reformiert werden. Oder europaweit beerdigt.

Ich nenne zunächst drei Thesen, warum der Bologna-Prozess nach seinen eigenen Zielen als gescheitert gelten muss. Dann messe ich den Bologna-Prozess an Zielen, die er zwar nicht selbst verfolgt, aber meines Erachtens verfolgen sollte. Auch dieses Ergebnis ist negativ. Es gibt daher nur zwei Möglichkeiten: entweder den Bologna-Prozess als ganzen zu beerdigen oder ihn tief greifend und rasch zu reformieren.

Beerdigung oder Reformation?

1. Internationale Konkurrenzfähigkeit. Die Bachelor-Abschlüsse, die wir jetzt produzieren, laufen in eine selbst gestellte Falle. Wir sind nämlich mit der Verkürzung der Schulzeit plus drei Jahre Bachelor nach 15 Jahren fertig, das transatlantische Konkurrenzmodell aber, mit vier Jahren Bachelor und 12 Jahren bis zum Highschool-Abschluss, erst nach 16 Jahren. Die Folge ist: Wir geben amerikanischen Universitäten ein einfaches Instrument in die Hand, sich die Billig-Konkurrenz aus Europa vom Leibe zu halten. Unsere BA-Abschlüsse sind transatlantisch nicht konkurrenzfähig. 2. Mobilität. Die Mobilität sinkt durch die Umstellung drastisch. Bologna-Befürworter wenden zwar ein, dass es zwischen Bachelor-Abschluss und Aufnahme des Master-Studiums jetzt eine neue, “vertikale” Mobilitätsphase gebe. Allerdings war die Umstellung doch so gemeint, dass das Gros der Studierenden die Universität nach dem Bachelor-Abschluss verlässt. Die jetzige Mobilität aber gilt nur für die, die weiterstudieren. 3. Abbrecherquote. Diese sinkt in einigen Fächern, unter anderem in meinem Fach. Im Schnitt aber steigt sie nach der Umstellung. Das ist ein Faktum. Es hat keinen Sinn, daran herumzureden.

Externe Ziele

Bislang habe ich Bologna nach seinen eigenen Kriterien beurteilt. Jetzt nehme ich noch drei Kriterien hinzu: Kriterien, die nicht in den Zielen der Bologna-Papiere formuliert sind, die ich aber für wichtig halte. 1. Sozialverträglichkeit. Eine große Mehrheit der Studierenden finanziert ihr Leben über Jobs neben dem Studium. Sie machen sich unabhängig von Stipendien und von ihren Eltern. Realitätskontakt ist wichtig, auch wenn es die Zeit, die man in den Bibliotheken verbringen kann, einschränkt. In den verschulten Bachelor-Studiengängen allerdings ist ein Nebenjob undenkbar geworden. 2. Die Vielfalt der Wissenschaftskulturen. Bologna heißt Verschulung der Studiengänge. Die Studierenden sitzen zwischen 30 und 40 Stunden in den Seminaren und Vorlesungen, für Selbststudium bleibt kein Raum. Die Vielfalt der Fächerkulturen ist bedroht. 3. Einheit von Forschung und Lehre. Jene Universitäten, die immer als Vergleich herangezogen werden, die “Ivy League” der USA, haben im Vergleich zu den europäischen Universitäten einen rund zehnmal so hohen Etat pro Student. Und sie haben eine andere Betreuungsrelation: zwei Seminare für die “full professors”, mehr nicht. 12 bis 14 Studierende, mehr nicht. Eher weniger. Wenn wir wirklich Spitze sein wollen, dann sollten wir nicht etwas kopieren, das es so gar nicht gibt. Es gibt kein Zurück zum Status quo ante, der auch seine Probleme hatte. Aber wir brauchen eine durchgreifende Reform der Reform, mit so viel Humboldt wie möglich, so viel akademischer Freiheit wie möglich und so viel Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse einer neuen Generation von Studierenden wie möglich. Wir sollten damit nicht zu lange warten. Den sich jetzt abzeichnenden Zustand akademischer Monokultur, Verschulung des Studiums, sozialer Rücksichtslosigkeit und geistiger Verödung können wir uns nicht lange leisten.

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