"Die Lockdown-Liebhaber lassen wieder bitten" | The European

Hendrik Streeck als Feigenblatt

Julian Marius Plutz15.12.2021Medien, Politik

Viele der neuen Coronaexperten, die die neue Regierung beraten sollen, sind auch die Alten. Doch einige frische Gesichter bietet das Gremium. Neben der Ethikratvorsitzende Buyx findet auch der Virologe Hendrik Streeck platz, was pikant ist. Denn er ist als einzige des 19-Köpfigen Gremiums nicht per se für schärfere Pandemiepolitik. Ist er nur das Alibi für Scholz und Co? Von Julian Marius Plutz.

Prof. Hendrik Streeck Virologe, Foto: imago images / teutopress

Im Februar dieses Jahres formierte sich das erste mal ein sogenannte „Corona-Expertenrat“, der die Bundesregierung im Kampf gegen das erste und einzige Killervirus, das keine Übersterblichkeit erzeugt, beraten sollte. In dieser beispiellosen Placebokrise hörten Jens Spahn, Merkel und Konstorten auf eben die Fachleute, die die eigene Politik bestätigten, welche im Wesentlichen auf Repression, Abschottung und Panickmache bestand – also Mittel aus der Zeit von König Artus, Ritter von Lanzelott und „the Marshal“.

Der Infektiologe Matthias Schrappe meinte im März, die Kanzlerin leide am „Kuba Syndrom“ – sie lasse nur die eigene Meinung zu und umgibt sich nur mit Menschen, die ihre Haltung vertritt. Gut, das wissen kritische Geister bereits seit der Finanzkrise; nichts neues also. Neu war, immerhin, dass der Focus diese Stimme zuließ.

Zehn Monate später, am 11.12. 2021 präsentierte die neue Bundesregierung rund um den neuen Bundeskanzler Olaf Scholz. Man wolle sich wissenschaftlich „breiter“ aufstellen, was einzig und alleine auf eine einzige Personalie des 19-köpfigen bezogen ist. Doch dazu später mehr. Denn vor allem bedeutet das Team eines: Kontinuität der bisherigen restriktiven Politik.

Endlich auch mit Frau Buyx

Leute wie Christian Drosten, Michael Meyer-Herrmann, Cornelia Betsch, Melanie Brinkmann und Lothar Wieler dürfen zukünftig erneut auf der Anwesenheitsliste des Gremiums unterschreiben. Jenseits der Kompetenzen und jenseits der politischen Haltung, wie die Damen und herren zu den zukünftigen und vergangenen Lockdowns stehen, wundert mich immer wieder die Personalie des RKI-Chefs. Das Robert-Koch-Institut ist eine Behörde, die dem Gesundheitsministerium unterstellt ist. Das heißt, Gesundheitsminister Lauterbach – diese Formulierung fühlt sich an wie angeschossen werden – ist der Chef von Wieler. Lothar ist Karl weisungsgebunden. Wie in aller Welt kann man so objektiv beraten? Lauterbach kann ihn im Zweifel maßregeln, abmahnen oder gar absetzen. Ein Irrer, wer Kalkül denkt.

Neu im Konglomerat der Entlauchten ist die Vorsitzende des Ethikrates, Alena Buyx (gesprochen „Buigs“). Die Medizinethikerin schlug unlängst vor, man solle „die Maßnahmen“ gegen Ungeimpfte „hocheskalieren“. Henryk Broder schrieb hierzu:

Eskalation bedeutet Steigerung oder Überhandnahme – mehr Gewalt, mehr Arbeitslosigkeit, mehr Inflation – also in der Regel nichts Gutes. Kein Mensch spricht von einer Eskalation des Friedens oder der Nächstenliebe. Auch eine Eskalation des Wohlstands wäre ein Novum. Und solange man nichts „runtereskalieren“ kann, kann man auch nichts „hocheskalieren“. Es sei denn, der Deutsche Ethikrat übernimmt jetzt auch die Verantwortung für etymologische Kommando-Unternehmen.

Achgut.com

Ein Feigenblatt aus Bonn

Doch der Alibikritiker ist Hendrik Streeck. Nun muss ich dazu sagen und das mag den einen, oder anderen Leser überraschen, mir gefielen viele Auftritte des Professors. In erster Linie nicht unbedingt aufgrund seiner Inhalte, auch wenn die Heinsberg Studie wichtige Anhaltspunkte über die Mortalität von COVID aussagt, sondern eher aufgrund seiner positiven Art. In Zeiten der steten Panikmache, Mr „Es wird gefährlich“ Karl Lauterbach, oder „Dr. Es sieht nicht gut aus“ Christian Drosten sind Mut machende Worte, ohne Angst lüsternde Professoren Gold wert. Vielleicht liegt es auch daran, dass Streeck aus der HIV-Forschung kommt und mit vielen Probanden zu tun hat, für die eine Infektion mit diesem Virus eine echte Herausforderung darstellt. Und immerhin kann er zwischen Infektion und Erkrankung unterscheiden, etwas, was die allermeisten Experten inzwischen verlernt zu haben scheinen.

Aber wir müssen fair bleiben: Auch Streeck forderte, wenigstens einige der stattgefundenden Lockdowns und verließ damit den wissenschaftlichen Standard der deskriptiven Aussagen, (sagen, „was ist“) und begab sich in die politische Welt der normativen Aussagen (sagen, „was sein soll“).

Doch was noch viel schlimmer ist: Herr Streeck macht sich zum nützlichen Idioten der neuen Regierung. Er ist gewissermaßen Onkel Toms Virologe. Nun kann sich Scholz und Lauterbach hinstellen und sagen: „Da, seht. Wir haben doch sogar einen kritischen Wissenschaftler im Expertengremium. Die Betonung liegt erstens auf „einen“ und zweitens: So wahsinnig kritisch ist Henryk Streeck schon lange nicht mehr.

Die neue Regierung knüpft also an die alte Regierung an. Nicht, dass uns das großartig überrasdchen sollte. Aber um so unehrlicher und schmieriger sind die die Aussagen der Regenten, es würde ein echter Neuanfang beginnen. So bedauerlich es auch sein mag, zeigen uns die Tage vor allem eines: Noch nie hat sich eine Partei, die Lindner-FDP, diskredieiert. Den Schaden werden die Liberalen schon bald spüren.

Im Expertengremium fehlen wieder echte Volkswirte. Es finden sich auch keine Pädagogen, keine Philosophen. Keine Handwerker, keine Hoteliers; überhaupt keine Unternehmer. Der Kreis bleibt wie er ursprünglich von Angela Merkel angelegt war: Ein Team, das die Rechtfertigung der längst beschlossenen Maßnahmen auf eine diffuse, pseudowissenschaftliche Art legitimieren soll. Wissenschaftlich wäre es, echte widersprüchliche Meinungen in einem Gremium abzubilden, als die immergleichen Professoren mit den immerselben Standpunkten aufzuwerten. Die professoralen Kopfnicker lassen wieder bitten.

Quelle: Neomarius

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