3-G-Regel: Wenn der Staat Behinderte behindert | The European

Wie 3G im Öffentlichen Nahverkehr Behinderte behindert

Julian Marius Plutz18.11.2021Medien, Politik

Julian Marius Plutz interviewte Ivonne Schneider. Die 34-Jährige ist schwerbehindert und sorgt sich, wenn 3G, also geimpft, getestet oder genesen, in den Öffentlichen Verkehrsmittel eingeführt wird, wie sie ihr Leben noch gestalten kann. Wenn der Staat Behinderte behindert.

Wie erschwert die 3-G-Regel den Alltag von Behinderten? Quelle: Shutterstock

Julian Marius Plutz: Hallo, Ivonne! Ich möchte mit dir heute ein Thema besprechen, das mir aufgefallen ist, weil du einen Tweet auf Twitter verfasst hast. Bevor sich jemand ob des „Du“ wundert: Wir sind befreundet und ferner bestückt und pflegt Ivonne die Rechercheplattform „Schandmale des Internets“.

Ivonne Schneider: So ist es.

Julian Marius Plutz: Du hast geschrieben: „3G im ÖPNV:
ich, schwerbehindert, GdB50 (Anm. der Redaktion: „Grad der Behinderung“) motorische Einschränkungen, auf ÖPNV angewiesen, müsste 1km zur Apotheke laufen um mich dort für den ÖPNV freizutesten, damit ich dann zu medizinisch notwendigen Behandlungen+Untersuchungen fahren darf.“

Bevor wir zum Thema kommen: Welche Art von Behinderung hast du?

Ivonne Schneider: Aufgrund eines Hirntumors, ein sogenannter Akustikusneurinom und einer OP Teilentfernung dessen, habe ich motorische Einschränkungen. Ich kann zwar laufen, aber nur eingeschränkt.

„Wenn das Wetter nicht mitspielt, habe ich keine Chance“

Julian Marius Plutz: Heißt?

Ivonne Schneider: Das kommt auf die Tagesform an. Ich habe zwar die Ausdauer und die Kraft, aber aufgrund der Ataxie, eine Störung der Bewegungskoordination, funktioniert das nicht so, wie bei „normalen Menschen“. Besonders herausfordernd ist das Fortbewegen, wenn es glatt ist, oder Schnee liegt. Das geht eigentlich fast gar nicht, da könnte ich gar nicht zur Apotheke zum Testen laufen. Auf gut Deutsch gesagt: Meine gesamte linke Körperhälfte hängt nach. In Verbindung mit der Parese manifestierte sich eine Ataxie, also eine Störung der Bewegungskoordination. Dazu kommen Gleichgewichtsschwierigkeiten und ein linkes Ohr, das komplett taub ist. Bei Überbelastung kann es zudem sein, dass mein Körper in bestimmten Gelenken mit einem Tremor, also ein unkontrolliertes Zittern, reagiert. Mein linkes Auge kann ich nicht schließen und es produziert auch keine Tränenflüssigkeit.

Julian Marius Plutz: Aber im Normalfall könntest du 1km zu Fuß schaffen?

Ivonne Schneider: An guten Tagen und bei gutem Wetter ginge das. Es braucht eben Zeit. 20 Minuten kann ich da schon einrechnen. Wenn ich aber einen schlechten Tag habe, was ich ja nicht planen kann, oder wenn das Wetter nicht mitspielt, habe ich keine Chance.

„Mit 1000 Euro Rente ist das teure Testen für mich nicht machbar

Julian Marius Plutz: Nun – und das war ja auch der Grund für den Tweet – plant die Regierung eine 3G Regel für den ÖPNV. Welche Auswirkungen würde das auf dein Leben haben?

Ivonne Schneider: Eine Option ist, mich testen zu lassen, bei der Apotheke, die, wie erwähnt, 1 Kilometer entfernt ist. Da die Regierung lediglich einen Test pro Woche kostenlos anbietet, komme ich in Schwierigkeiten.

Julian Marius Plutz: Inwiefern?

Ivonne Schneider: Neben Logopädie, habe ich mit Ergotherapie und Physiotherapie drei fixe Termine in der Woche, auf die ich angewiesen bin. Ohne diese Termine funktioniere ich schlicht nicht. Für mich hieße das, ich müsste, um diese Therapien wahrzunehmen, mich kostenpflichtig testen lassen. Zuzüglich kommen natürlich noch reguläre Arzttermine. Das ganze wäre für mich eine Mehrbelastung von 200 Euro im Monat und mehr. Bei einer Erwerbsminderungsrente von 1000 Euro ist das nicht machbar.

Julian Marius Plutz: Dann ist es möglich, dass du, gewissermaßen eine Triage vornehmen musst, welche Therapie du in Anspruch nehmen kannst, was am wichtigsten ist, obwohl alle wichtig sind, weil du dir das Testen nicht leisten kannst.

„Im Leben werde ich mich nicht gegen Corona impfen lassen“

Ivonne Schneider: Das ist die Konsequenz.

Julian Marius Plutz: Jetzt würden Leute sagen: „Mensch, lass dich doch impfen!“

Ivonne Schneider: Das ist genau die Erpressung, die ich ablehne. Ich werde mich nicht gegen COVID-19 impfen lassen. Im Leben nicht.

Julian Marius Plutz: Warum?

Ivonne Schneider: Zwar bin ich körperlich eingeschränkt. Mein Immunsystem aber funktioniert. Hinzukommt: Ich habe sehr wahrscheinlich Ende 2019 diese Krankheit durchgemacht. Ich hatte einige Wochen gebraucht, mich zu erholen. Ich wüsste nicht, weshalb ich mich daher impfen lassen sollte. Ein wesentlicher Grund sind auch die ungeklärten Langzeitwirkungen. Vielleicht kann man nach fünf Jahren Impfung sagen, dass alles gut ist. Aber so lange das nicht geklärt ist, werde ich mich nicht impfen lassen. Ich habe mit meinen derzeitigen Einschränkungen, die bleiben werden, genug zu tun.

Julian Marius Plutz: Hinzu kommt auch, dass eine Nebenwirkung der Impfung eine sogenannte Fazialisparese (Anm. der Redaktion: Lähmung des Fazialis-/Gesichtsnervs) sein kann. Dann hättest du zwei.

Ivonne Schneider: Richtig! Ich weiß, was es heißt, mit einer Lähmung zu leben. Ich brauche nicht noch eine. Wie erwähnt: Sei das Risiko noch so gering, ich werde mich mit diesem Impfstoff nicht impfen lassen. Ich gehe brav zu allen Arztterminen, ich bin gegen alle möglichen Dinge, wie alle 10 Jahre die Tetanus-Auffrischung – geimpft. Aber diese Vakzine sind anders.

„Die Maskenpflicht erschwert massiv meinen Alltag“

Julian Marius Plutz: Nun hast du gesagt, dass du unter einer Lähmung, auch im Gesicht, leidest. Wie verträgt sich diese mit der Maskenpflicht?

Ivonne Schneider: Kaum. Da sich mein linkes Auge nicht schließen lässt, trage ich meist draußen eine getönte, sehr dicht anliegende Brille. Aufgrund der Maske beschlägt diese innerhalb weniger Sekunden. Auch die linke Nasenseite und mein Hals/Rachen linksseitig ist aufgrund der Parese gelähmt, was das Atmen unter der Maske verkompliziert. Ein großes Problem ist auch, wenn ich mich z. Bsp. aufgrund eines Staubkornes verschlucke. Das kann zu stundenlangem Husten führen. Die Maske erschwert dies zusätzlich.

Julian Marius Plutz: Bist du mit diesen offenkundigen Schwierigkeiten aufgrund der Maske zum Arzt gegangen mit dem Ziel, ein Attest zur Befreiung der Maske zu erhalten?

Ivonne Schneider: Ja. Zunächst bin ich zum Augenarzt gegangen, der schlicht meinte, er stelle per se keine Atteste aus. Anschließend war ich bei zwei weiteren Ärzten, unter anderem ein Neurologe, die sich nicht zuständig gefühlt hatten und mir auch das Attest verwehrten. Als nächstes rief ich beim HNO-Arzt an, man muss ja Kontakte vermeiden. Die Ärztin ließ via Arzthelferin ausrichten, sie stellte keine Atteste „mehr“ aus. Sie könne jedoch die Belastung der Maske nachvollziehen, aber weitergeholfen hatte sie mir auch nicht. Zu guter letzt ging ich zu meiner Hausärztin, die sich zunächst dumm stellte und meine Probleme schlicht nicht ernst nahm. Nachdem ich über zehn Minuten meine Situation schilderte, meinte sie: „Ich habe noch nie ein solches Attest ausgestellt. Das war noch nie nötig.“ Sie wüsste auch gar nicht warum und verwies mich, wenn es denn so schlimm sei, zum Lungenfacharzt.

Julian Marius Plutz: Und warst du beim Pneumologen?

Ivonne Schneider: Wozu? Ich bin nicht lungenkrank! Bei mir geht es um die oberen Atemwege und das Auge.

„Von der Politik erwarte ich mehr Feingefühl

Julian Marius Plutz: Was würdest du dir von der Politik wünschen?

Ivonne Schneider: Mir geht es weniger um mein persönliches Schicksal, als viel mehr um alle. Die Politik muss es, was das Impfen angeht, es den Menschen und ihrer persönlichen Nutzen-Risiko-Abschätzung überlassen, ob sie diesen medizinischen Eingriff mit sich machen lassen wollen. Aber auch, was die Maske angeht, erwarte ich mehr Feingefühl. Man kann nicht jedem eine Maske aufsetzen, die aufgrund von Behinderungen oder Erkrankungen damit Probleme haben. Diese Menschen müssen von der Politik gehört werden.

Julian Marius Plutz: Lieben Dank für das Gespräch!

Quelle: Neomarius

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