Einig, nicht einig zu sein

von Julian Arni28.01.2012Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Absolute Wahrheit: wer kann das schon wirklich verstehen? Wenn man den Begriff nur lokal begreift, dann ist das Konzept durchaus sinnvoll und kann helfen, zwischen Kulturimperialisten und Sprachrelativisten zu vermitteln.

Einige Philosophen haben große Hoffnungen in die Wahrheit gesetzt und es gibt sogar die, die sie immer noch haben. Eine der besonders notorischen Annahmen in Bezug auf Wahrheit ist, dass diese, in welchem Sinn auch immer, absolut sein könnte. Um ehrlich zu sein, finde ich es schwierig, mir vorzustellen, was das genau sein soll. Mir erscheint es eher so, als ob die Diskussion um die absolute Wahrheit eine verschleierte Debatte über unser Vertrauen in den Fortschritt und letztlich in uns selbst ist. Für die, die gerne glauben wollen, dass unsere Kultur etwas Unantastbares hat und anderen Kulturen überlegen ist, für die ist die absolute Wahrheit ein gutes Argument. Wer aber an diesem Ansatz zweifelt – also einen relativistischen Standpunkt vertritt – der weist darauf hin, dass, wenn wir unsere Wahrheit als die eine absolute darstellen, wir uns über andere Kulturen stellen, die das Gleiche für sich behaupten (könnten). Und nur Chauvinismus kann zu so einer Einstellung führen.

Das Konzept lokaler Wahrheit

So mag diese Diskussion zwar der am häufigsten verwendete Begriff von absoluter Wahrheit in der akademischen Debatte sein. Ich möchte aber eine sinnvollere Verwendung des Begriffs vorschlagen. In meinem Verständnis ist die Aussage, Wahrheit sei absolut, so zu verstehen, dass ein Satz unabhängig vom Kontext oder den zugrunde liegenden Annahmen und Ansichten bewertet werden soll. Das ist eine sehr „lokale“ Sichtweise auf die Wahrheit. So müssen wir nicht über die einzelne Ansicht, die gerade bewertet wird, hinaus. Und so können wir auch einzelne Wahrheiten sammeln, ohne uns Gedanken darüber zu machen, ob sie zusammenpassen. Fortschritt in der Forschung ist so, ganz simpel, die Akkumulation von vielen einzelnen Wahrheiten. In diesem Sinne verstanden, steht Wahrheit über dem Verständnis, dass es nur die eine Wahrheit für alle gibt. Aber es ist natürlich schwer, die Zusammenhänge, die unsere Überzeugungen und einzelnen Wahrheiten haben, zu ignorieren. Nur weil wir uns einig sind, wie man Dinge messen kann, wie lang ein Meter ist und was den Eiffelturm an sich ausmacht, sind wir einig darin, dass der Eiffelturm 324 Meter hoch ist. Lässt man diese Thesen weg, wird die Aussage, dass es sich um 324 Meter handelt, bedeutungslos. Wenn man diese Annahmen ändert (z.B. durch die Neudefinition eines Meters), dann wird die Behauptung sogar falsch. Unsere Thesen und Theorien müssen, wie Willard Van Orman Quine einst sagte, vor dem Tribunal der Erfahrung als Ganzes bestehen. Wenn diese hintergründigen Annahmen also ausmachen, wie unsere Thesen zu deuten sind und ob sie wahr sind, kann man zumindest sagen, dass wir uns oft einig sind, uns nicht einig zu sein. Wenn ich sage, dass wir das Jahr 2012 haben, und Sie sagen, dass wir im Jahr 5772 sind, benutzen wir einfach verschiedene Kalender und können getrost getrennte Wege gehen, vollkommen unbeeindruckt von unserer Uneinigkeit.

Wir wollen einander verstehen

Wenn Aussagen nun nur wahr in Bezug auf eine bestimmte Art von Ansichten und Thesen sind, dann ist es eben eine willkürliche Konvention, dass wir im Jahr 2012 sind, und keine Tatsache. Unterschiedliche Menschen und unterschiedliche Kulturen haben verschiedene Konventionen, sodass es die einzige Antwort auf die Frage, welches Jahr es ist (letztlich für fast alle Fragen), nicht gibt. Eine an Selbstüberschätzung leidende Form des Relativismus mag über alle Debatten dieser Art erhaben sein. Diese vergisst aber: Sobald wir uns einig sind über unsere Hintergrundannahmen, gibt es auch ein Richtig und ein Falsch. Wir wollen einander verstehen und dies ist nur durch gemeinsame Konventionen erreichbar. Wenn wir uns nicht auf eine Definition des Meters einigen können, werden unsere Messungen nie für andere außer uns nutzbar sein. Der zu Recht geschmähte Kulturimperialismus, der nur auf einer einzigen Konvention für alles besteht, selbst dann, wenn mehrere harmlos sind (da die Übertragungen unter ihnen einfach sind), beinhaltet unbeabsichtigt eine viel wichtigere und gute gesellschaftliche Praxis in sich: die Einsicht, das eine Sprache der gemeinsamen Kommunikation nötig ist. Wie auch immer diese aussieht. _Übersetzung aus dem Englischen._

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Dann mach doch die B...

Frauen bestehen auf ihrem Recht, sexy zu sein – ganz für sich selbst, natürlich. Darauf reagieren darf Mann nämlich nicht, sonst folgt gleich der nächste #Aufschrei.

Diktatur des Feminis...

Die Frage nach einer Frauenquote ist eine Phantom-Debatte. Junge Frauen wollen ihre Karriere planen und nicht mit den alten Feministinnen mühsam über etwas diskutieren, das für sie keine Relevanz hat.

Rette sich, wer kann...

Peter Singer glaubt, im Namen der Ethik die Grenzen des Menschseins neu definieren zu können. Er irrt gewaltig. Wer Grundrechte für Affen fordert und gleichzeitig die Tötung von Neugeborenen verteidigt, ist vor allem eins: verwirrt.

Männer, die auf Bus...

Wer Sexismus noch nie erlebt hat, kann ihn auch nicht verstehen. Weiße Hetero-Kerle haben leicht reden.

Der Jude war’s...

In Berlin wird ein Rabbiner brutal verprügelt, weil er Jude ist. Indes werfen Experten schon die Frage nach dem Warum? auf, die zielsicher zum Juden anstatt zum Antisemiten führt.

Amerika und die deut...

Deutschland kämpft gerne für Toleranz und gegen Hass. Es sei denn, es geht um Amerika. Da macht jeder zweite Deutsche eine Ausnahme und suhlt sich in Amiphobie.

Mobile Sliding Menu