Wer sich nicht verbiegt, muss auch mit Kritik leben. Björn Böhning

Faires Leder – Trugschluss oder Zukunftsperspektive?

Leder ist in einer Zeit, in welcher der Vegetarismus und Veganismus einen großen Hype erfahren, äußerst umstritten. Doch selbst Fleischliebhaber stehen dem natürlichen Material skeptisch gegenüber. Der Grund ist kein geringer: Die unhaltbaren Bedingungen, unter welchen Lederwaren hergestellt werden.

Leder gilt heute als wichtiges Rohmaterial in der Modeindustrie. Laut Südwest-Institut sind 21 Prozent der weltweit produzierten Schuhe aus Leder und generieren dabei 50 Prozent der Wertschöpfungskette. Auch die Nachfrage an Jacken, Taschen, Koffern und Kleinlederwaren ist anhaltend. So wurden 2015 Lederwaren im Wert von 2,5 Milliarden Euro an deutsche Kundinnen und Kunden abgegeben. Doch wie werden diese Waren produziert? Während man über die Zustände in der Textilindustrie regelmäßig informiert wird, sind kaum Hintergründe zu der Lederherstellung bekannt.

Von der Nähstube zum führenden Lederhersteller

Eine traurige Berühmtheit hat trotz allen dabei Bangladesch erlangt. Das südasiatische Land steht stellvertretend für viele Schwellen- und Entwicklungsländern. Fehlende Arbeits- und Umweltschutzbestimmungen und ein geringes Lohnniveau machen diese Regionen für westliche Modefirmen lukrativ. Von der einstigen Nähstube der Welt ist es zu einer festen Größe in der Lederindustrie geworden und will den Lederwarenexport bis 2020 auf fünf Milliarden Dollar anwachsen lassen. Daher erscheint es nicht ungewöhnlich, dass sich zum Teil 300 Gerbereien auf 25 Hektar drängen. In Hazaribagh, einem Vorort der Hauptstadt Dhaka und eines der wichtigsten Gerberviertel in Bangladesch, können in den Slums Wohnräume kaum noch von Gerbergruben unterschieden werden. 14 Millionen Tierhäute werden jährlich dorthin gebracht, um zu Taschen, Jacken und Schuhen verarbeitet zu werden. Archaisch und wie im Mittelalter muten die Zustände vor Ort an. Die Arbeiterinnen und Arbeiter stehen barfuß in chemischen Gerbergruben und wenden die Tierhäute mit bloßen Händen.

Gift im Wasser, in der Luft und im Boden

Ammonium, Ethylen und Schwefelwasserstoff – sie gehören zu den rund 300 anderen Produkten, die für die Gerbung hier notwendig sind. Leicht brennbar, hoch explosiv und ätzend steht auf den Hinweisschildern, die die Menschen zum Teil nicht lesen können. Für die Arbeit mit diesen Chemikalien wäre eigentlich eine Ausbildung nötig, die hier niemand hat und erhält. Die Männer ahnen nicht, wie gefährlich die Substanzen sind, mit denen sie täglich arbeiten und deren giftigen Dämpfe sie einatmen. Neben diesen Chemikalien wird auch Quecksilber für die Blau- und Schwarzfärbung eingesetzt. Das Metall dringt unbemerkt in den Körper ein und greift innere Organ an. Was in Europa längst verboten ist, scheint in Bangladesch kein Problem zu sein. Abwässer werden sorglos in angrenzende Gewässer entsorgt und gelangen in das Grundwasser und die Trinkwasserversorgung. Folgeerkrankungen wie Krebs scheinen dabei unvermeidlich. Die durchschnittliche Lebensdauer der Kinder, die in diesen Slums zwischen den Chemikalien aufwachsen, liegt bei 50 Jahren.

Ein Versuch, der Armut zu entfliehen

Die gesundheitlichen Schäden werden hingenommen. In einem Land, in welchem mehr 40 Prozent der Menschen in extremer Not leben, scheint ein Platz in diesen Gerbereien als Glücksfall, um die Familie ernähren zu können. Es hilft, das Überleben zu sichern. Die Flucht vom Dorf in die Stadt und die damit verbundene Hoffnung auf Arbeit tragen viele Menschen mit sich. Vor allem Tagelöhner ohne Ausbildung und Vertrag sind die Leidtragenden in diesem Geschäft, denn sie stehen 10 Stunden am Tag mit ihren Füßen in den chemischen Bädern. Sogar Kinder werden teilweise im Produktionsprozess als Arbeitskräfte eingesetzt. Ihre Körpergröße ermöglicht es, die behandelten Häute aus den Wasch- und Farbtrommeln herauszuholen. Direkter Kontakt mit chemischen Substanzen ist auch hier unvermeidlich. Bei den täglichen, unmenschlich anmutenden Herausforderungen scheint die Gewöhnung zu helfen. Die Ausweglosigkeit der eigenen Situation bewegt die Menschen zu dieser Arbeit. Unbezahlte Überstunden, fehlende Sicherheitsmaßnahmen und fehlende Toleranz gegenüber Krankheit – die Bestimmungen sind hart. Die Lederindustrie nutzt die Abhängigkeit und Armut der Menschen gezielt aus.

Die Gefahr im Chrom

Um die Tierhäute von Fettschichten, Haaren und Parasiten zu befreien und das Leder haltbar zu machen, wird im Gerbprozess in 85 Prozent der Fälle auf Chrom III gesetzt. Dieser Stoff wirkt innerhalb weniger Stunden, birgt aber auch ein gesundheitsgefährdendes Potential. Die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Gerbereien in Bangladesch sind nicht oder nur mäßig zu ihrem eignen Schutz ausgerüstet. Wenige binden sich improvisierte Schürzen aus Plastiksäcken um oder benutzen Gummihandschuhe. Hautausschläge und Asthma sind direkte Folgen. Doch nicht nur die Menschen in den Gerbereien sind gefährdet, sondern auch die Endkonsumentinnen und Endkonsumenten können betroffen sein. Im Gerbprozess kann sich durch Sauerstoffzufuhr aus Chrom III die Verbindung Chrom VI bilden, in dem Sauerstoffgruppen an das Chrom III Molekül andocken. Dieses Oxid ist bei direktem Hautkontakt höchst giftig. Es kann Allergien auslösen, zu Hautreizungen, -entzündungen und -rötungen führen, das Erbgut verändern und ist krebserregend. Chrom VI ist in Deutschland und der EU verboten, allerdings seien laut Stiftung Warentest besonders Kinderschuhe und Gartenhandschuhe immer wieder von einzelnen Fällen betroffen.

Auf der Suche nach einem Zertifikat

Viele Verbraucherinnen und Verbraucher ahnen nichts von diesem gefährlichen Potential. Prädikate wie „Echtes Leder“ und „Made in“ täuschen über den Ursprung und die Verarbeitung des Leders hinweg. Allerdings sagt „Made in“ nicht aus, wo das Leder herkommt, sondern wo es letztendlich zu dem Produkt verarbeitet wurde, welches man kaufen kann. Ein Siegel für fair gehandeltes Leder existiert noch nicht. Bisher wurde in den USA die Schuhfirma Oliberté als einzige weltweit vom US-amerikanischen Zweig der Organisation Fair Trade ausgezeichnet. In Deutschland existieren bislang keine Zertifikate für fair gehandeltes Leder. Verschiedene Unternehmen, wie der Ledertaschen-Onlinehändler Gusti Leder aus Rostock, versuchen durch transparente Kommunikation den Kundinnen und Kunden ihr Leder und dessen Ursprung und Verarbeitung nahe zu bringen. Eine unabhängige Organisation mit Zertifikatsvergabe, die die Zustände überprüft, hat sich noch nicht gefunden.

Alternativen zur Chemie

Doch nicht jedes Leder muss chemisch gegerbt sein. Man könnte es fast als “zurück zu den Wurzeln” beschreiben, wenn Lederhersteller ihre Produkte pflanzlich bearbeiten lassen. Bis in die erste Hälfte des 20 Jahrhunderts war es durchaus üblich, die Häute mit Tanninen aus Blättern, Rinden, Hölzern und Früchten zu gerben. Das Sortiment der Firma Gusti Leder aus Rostock besteht zu ca. 80 Prozent aus natürlich gegerbten Produkten. Herstellungsland ist Indien, womit das Unternehmen offen und transparent umgeht. Kleine Familienunternehmen sollen sicherstellen, dass die Produkte für die Marke „Gusti Leder nature“ von der Aufzucht der Ziegen in Freilandhaltung, über den Gerbprozess bis hin zur Verarbeitung fair und nachhaltig produziert werden. Eine unabhängige Kontrolle einer Organisation fehlt, dennoch wird durch regelmäßige Besuche vor Ort versucht, Zustände zu prüfen und Verstöße gegen Arbeitsschutz und Kinderarbeit zu ahnden. Das Unternehmen würde sich nach eigener Aussage gerne zertifizieren lassen, allerdings fehlen momentan in den Fair Trade Organisationen die Möglichkeiten, komplexe Lieferketten, wie jene von Leder, zu überprüfen. Dennoch erscheint dieses Vorgehen der offenen Kundenkommunikation als ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Michael Diederich, Matthias Weik, Gunter Weißgerber.

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