Triumph der Meinungsfreiheit

von Julia Korbik15.02.2015Gesellschaft & Kultur

Die 65. Berlinale ist zu Ende und der Iraner Jafar Panahi hat für „Taxi“ völlig zu Recht den Goldenen Bären bekommen. Auch mit ihren anderen Entscheidungen lag die Jury richtig.

Der wohl berührendste Moment einer sonst etwas hölzernen Preisverleihung war der, als Hanna Saeidi den Goldenen Bären für den Besten Film im Namen ihres Onkels entgegennahm – und dann ihre Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Ihr Onkel, das ist der iranische Regisseur Jafar Panahi, der in seiner Heimat seit 2010 unter Berufsverbot steht und das Land nicht verlassen darf. Am Samstagabend wurde er deshalb in Abwesenheit für seinen Film „Taxi“ ausgezeichnet. Die diesjährige Berlinale-Jury unter Vorsitz von Darren Aronofsky hat damit eine politische Wahl getroffen. Gleichzeitig ist es aber auch eine Entscheidung für die Macht der bewegten Bilder, für die Liebe zum Film.

Buntes Kaleidoskop Teherans

In „Taxi“ setzt Jafar Panahi sich hinter das Steuer eines eben solchen und fährt durch Teheran. Gefilmt wird das Ganze von einer Kamera, die vorne im Auto angebracht ist und wahlweise den Fahrer, die Fahrgäste oder Szenen außerhalb des Taxis filmt. Panahi nimmt ganz verschiedene Menschen mit, vom Schwarzmarkthändler, der westliche Filme auf DVD vertickt („Ich habe sogar DVDs von Filmen, die noch gar nicht gedreht wurden“), über zwei abergläubische ältere Frauen („Diese Goldfische müssen wir unbedingt um 12 Uhr in den Brunnen lassen!“) bis hin zu seiner Nichte Hanna, die sich selbst spielt. Hanna soll für die Schule einen Film drehen, was sich deshalb schwierig gestaltet, weil die von der Lehrerin diktierten Regeln so widersprüchlich sind: „Ich soll die Realität so zeigen, wie sie ist. Wenn die Realität aber schlecht ist, dann soll ich sie nicht zeigen.“ Mit ihrer kleinen Foto-Kamera nimmt Hanna ihren berühmten Onkel auf, nicht ohne dabei alles und jeden zu kommentieren.

Jafar Panahis Film ist ein buntes Kaleidoskop Teherans und der iranischen Gesellschaft. Trotz der kritischen Töne, die sich in einige der Dialoge mischen, bleibt „Taxi“ leicht, mit viel Situationskomik und einem feinsinnigen Humor. Panahi selbst sagt: „Nichts kann mich davon abhalten, Filme zu machen […] Trotz der ganzen Einschränkungen, wird die Notwendigkeit, etwas zu gestalten, nur noch drängender.“ Weil seine Filme ein realistisches Bild vom Leben in der Islamischen Republik Iran zeigen, werden sie dort nicht im Kino gezeigt. Dass „Taxi“ also gedreht wurde und es bis zur Berlinale geschafft hat, ist ein kleines Wunder. Und dieses kleine Wunder hat die Jury völlig zu Recht mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet.

„45 Years“: Emotionale Wucht dank Andrew Courtenay und Charlotte Rampling

Auch bei den Silbernen Bären traf die Jury die richtigen Entscheidungen: Welch eine positive Überraschung, dass sowohl Andrew Courtenay als auch Charlotte Rampling “für ihre Darstellung eines alternden Ehepaars in „45 Years“ 5 als beste Darsteller geehrt wurden. Der Film hätte seine emotionale Wucht nicht derart entfalten können, hätte die besondere Dynamik zwischen Courtenay und Rampling nicht bestanden. „45 Years“ ist über weite Strecken ein Kammerspiel, getragen von seinen großartigen Hauptdarstellern.

Regie-Bären gab es für den Rumänen Radu Jude („Aferim!“) und die Polin Małgorzata Szumowska („Body“): Jude schickt in seinem Balkan-Western ein Vater-Sohn-Gespann im 19. Jahrhundert auf die Jagd , Szumowska erzählt vom Umgang verschiedener Menschen mit Verlust . Beides kleine, feine Filme, die mit schwarzem Humor und Skurrilität arbeiten.

Die deutsche Filmbranche konnte sich über eine Auszeichnung für Sebastian Schippers „Victoria“ 5 freuen: Sturla Brandth Grøvlen erhielt den Silbernen Bären für seine Kameraarbeit – „Victoria“ wurde in Echtzeit in zweieinhalb Stunden an einem Stück gedreht. Sebastian Schipper erinnert sich, dass sein Kameramann nach dem Dreh ausgesehen hätte, „als wäre er gerade einen Marathon gelaufen […]. Sturla sah nicht nur so aus: Er hatte gerade einen Marathon hinter sich. So wie wir alle.“ Von der „Gilde deutscher Filmkunsttheater“ erhielt „Victoria“ außerdem noch den „Gilde-Preis“.

Weitere Preise der Jury https://www.berlinale.de/en/das_festival/preise_und_juries/preise_internationale_jury/index.html gingen an den chilenischen Regisseur Pablo Larraín für „El Club“ (Großer Preis der Jury), den guatemaltekischen Regisseur Jayro Bustamante für „Ixcanul“ (Alfred-Bauer-Preis), den chilenischen Dokumentarfilmer Patricio Guzmàn für „El Bóton de Nacár“ (Bestes Drehbuch) und die russischen Kameramänner Evgeniy Privin und Sergey Mikhalchuk für „Under Electric Clouds“ (Herausragender Künstlerischer Beitrag).

Gerade die letzte Entscheidung kann auch als eine politische gesehen werden: „Under Electric Clouds“, eine bildgewaltige Parabel auf das Leben im modernen Russland, wurde u.a. in der Ukraine gedreht. Bei der Preisverleihung wollten die Produzenten Artem Vasiliev und Andrey Saveliev, die den Bären stellvertretend entgegennahmen, zum politischen Kontext aber nichts sagen. Schade eigentlich, versucht „Under Electric Clouds“ doch, die russische Mentalität in vielen kleineren Kapiteln als großes Ganzes darzustellen.

Schmachten nach dem Gatten

Insgesamt wird die Berlinale “ihrem Ruf als „politischstes Festival“ 5 in diesem Jahr jedoch gerecht. Ihrem Motto „Starke Frauen in Extremsituationen“ hingegen eher halbherzig. Ja, es gab viele Frauen in widrigen Umständen – Nicole Kidman in „Queen Of The Desert“ oder Juliette Binoche in „Nobody Wants The Night“ 5 beispielsweise. So richtig emanzipiert kamen die Damen aber nicht daher: Während die eine mehr an ihrem feschen Begleiter interessiert war als an Forschung, schmachtete die andere in der Arktis ihrem Gatten hinterher.

Überhaupt fielen die großen, aufwendig produzierten Filme 2015 durch – und kleine Perlen wie „Taxi“ oder „Body“ konnten glänzen. Es war ein gutes Jahr mit vielen positiven Überraschungen (z.B. „Victoria“, „Sworn Virgin“ , aber auch einigen Enttäuschungen (z.B. „Tagebuch einer Kammerzofe“ . Letztendlich zählen eben die Bilder, die Geschichte – und nicht ein möglichst großes Budget und/oder Promi-Besetzung.

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