Zurück zum Ich

von Julia Korbik13.02.2015Gesellschaft & Kultur

Der Film „Sworn Virgin“ und die Dokumentation „Hakie – Haki. Ein Leben als Mann“ widmen sich beide albanischen Frauen, die gesellschaftlich als Männer leben. Und zeigen: Die Kategorie „Geschlecht“ ist verhandelbar.

„Jemand hat mir mal gesagt, dass wir freier sind, als wir denken“, sagt Mark zu seiner Nichte Jonida. Diese guckt nur verständnislos: „Frei wovon?“

Die Antwort auf die Frage weiß Mark (Alba Rohrwacher), der wieder Hana sein möchte, auch nicht. Als Teenager ist die Albanerin Hana vor ihrem Schicksal als Frau und Dienerin geflohen, indem sie eine „eingeschworene Jungfrau“ wurde: Das Gesetz der albanischen Berge, der Kanun, erlaubt es einer Frau, gesellschaftlich als Mann behandelt zu werden. Dafür muss diese einen Schwur ablegen, auf sexuelle Beziehungen, Ehe und Kinder völlig zu verzichten. Wer zur „eingeschworenen Jungfrau“ wird, erhält alle Rechte, die der Kanun sonst nur Männern zugesteht. Auf dem Balkan ist dieser Weg für Frauen oft der einzige, einer arrangierten Ehe zu entgehen oder ein fehlendes männliches Familienoberhaupt zu ersetzen.

Als Mann Anerkennung finden

Die italienische Regisseurin Laura Bispuri erzählt im Wettbewerbsbeitrag „Sworn Virgin“ die Geschichte von Hana/Mark, einer „eingeschworenen Jungfrau“, die keine mehr sein will. Nach Jahren als Mann ist die gewonnene Freiheit für Mark nur noch eine vemeintliche – er reist nach Mailand, zu seiner Schwester Lila (Flonja Kodheli) und ihrer Familie. Mark und Lila sind eigentlich keine richtigen Geschwister, aber es waren Lilas Eltern, die das verwaiste Mädchen Hana damals bei sich aufnahmen. Und es war Lilas Vater, der Hana dabei half, Mark zu werden. Lila ist wenig erfreut, Mark zu sehen. Sie, die mit ihrem heutigen Mann Stjefen (Luan Jaha) vor den strengen Regeln der albanischen Berge floh, kann nicht verstehen, warum Hana alles geopfert hat, um als Mann Anerkennung zu finden. Ähnlich geht es ihrer Teenagertochter Jonida (Emily Ferratello), die mit ihrem „Onkel“ Mark zunächst nichts anfangen kann. Irritiert fragt sie: „Bist du eine Lesbe?“ Später ist es ausgerechnet dieser mürrische Teenager, der erkennt, dass Mark mit seiner Identität kämpft, während Lila und Stjefen an „Mark“ festhalten – der Respekt vor den alten albanischen Traditionen ist auch in ihrem neuen Leben noch präsent.

Mark hat nicht nur die Grenze zwischen Albanien und Italien überquert, sondern auch die zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Mann und Frau. Langsam entdeckt er seine eigene, weibliche Identität unter den Männerklamotten. Als Lila ihn zum ersten Mal wieder „Hana“ nennt, lächelt Mark/Hana. Die Frau, die so lange ein Mann war, findet sich Stück für Stück wieder – und auch die Familie, die Lila für sie repräsentiert. Hana sammelt erste sexuelle Erfahrungen mit dem Bademeister Bernhard (Lars Eidinger), der von ihrer Andersartigkeit fasziniert ist. Eine der eindrucksvollsten Szenen ist die, in der Lila Hana ihren ersten BH anzieht. „Nicht so eng“, sagt Hana, die sich ein Jahrzehnt lang die Brüste mit Stoff so fest abgewickelt hat, dass ihr Rücken wundgescheuert ist. Lila schüttelt belustigt den Kopf: „Wir alle tragen es so.“ Ob Stoffbinde oder BH: Frei fühlt Hana sich mit keinem davon.

Abgesehen davon verzichtet Laura Bispuri aber bewusst darauf, die _Wandlung_ von Mark zu Hana als _Verwandlung_ zu inszenieren. Weder lässt Hana sich plötzlich die Haare wachsen, noch trägt sie Kleider. Die Gleichzeitigkeit von innerlicher Veränderung und äußerlicher Kontinuität erlaubt es, in Hana beide Identitäten zu sehen: Mark und Hana.

Freiheit neu definieren

So sehr, wie „Sworn Virgin“ ein Film über Körper ist – über Körper, die männlich und weiblich zugleich sind – so ist er auch ein Film über Freundschaft. Hana und Lila sind Seelenverwandte – Lila ist die einzige Bezugsperson, die Hana hat. Szenen aus der Vergangenheit zeigen zwei junge Mädchen, die ganz verschieden und doch unzertrennlich sind. Beide lieben ihr Heimatland und beide können dort nicht mehr leben. Alba Rohrwacher spielt Mark/Hana als nahezu ätherisches Wesen, zerbrechlich und unsicher. Und doch mit einer inneren Stärke, die es ihrem Charakter letztendlich erlaubt, mit seinem Schwur zu brechen und ein neues Leben zu beginnen. Flonja Kodhelis Lila hingegen steht mit beiden Beinen fest im Leben: Sie versucht, mit ihrer aufmüpfigen Tochter klarzukommen und gleichzeitig ihren Job als Krankenschwester gut zu machen. Der Film will nicht die großen, dramatischen Entwicklungen zeigen, sondern die kleinen, inneren Konflikte. Wie es ist, Freiheit für sich neu zu definieren. Und vor allem, sich die Freiheit zu nehmen, sich zu ändern.

Als Ergänzung zu „Sworn Virgin“ könnte der Dokumentarfilm „Hakie – Haki. Ein Leben als Mann“ betrachtet werden, der in der Berlinale-Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ lief. Regisseurin Anabela Angelovska hat den 71-jährigen Hakie begleitet, der als „eingeschworene Jungfrau“ (albanisch „Burrnesha“) in den albanischen Alpen lebt. Einige Hundert dieser Menschen gibt es heute wohl noch in Albanien und im Kosovo. Von den Eltern hat Hakie – die ihren weiblichen Namen behalten hat, aber von vielen auch „Haki“ genannt wird – den Hof geerbt. Seitdem wohnt er dort alleine und selbstversorgend. Männer, berichtet Hakie, hätten ihn nie interessiert: „Ich fand das ekelig.“ Mit seinem Schicksal hat Hakie nie gehadert, denn dass es Schicksal war, davon ist er überzeugt: Vor seiner Geburt sei ein Derwisch gekommen und hätte seinen Eltern gesagt, sie sollten das ungeborene Kind machen lassen, was es wolle – es würde ihnen Tochter und Sohn zugleich sein. In Aussehen, Gestik und Mimik ist Hakie von Männern seines Alters kaum zu unterscheiden. Er trägt Arbeitskleidung, raucht stark und sein Gesicht ist von der vielen Arbeit im Freien geprägt. Hakie ist einerseits stolz auf seinen besonderen Status, andererseits kann er das große Interesse an den „Burrneshas“ nicht nachvollziehen. Ständig kämen Journalisten und wollten mit ihm reden!

Die Hartnäckigkeit archaischer Traditionen

„Sworn Virgin“ und „Hakie – Haki“ zeigen auf sehr unterschiedliche Weise, wie die Entscheidung, die weibliche Identität für eine männliche aufzugeben, sich auf die Betroffenen auswirkt und wie hartnäckig sich archaische Traditionen halten. Hana muss erkennen, dass sie sich nicht länger verstellen kann. Hakie hingegen hat sich mit seiner sozialen Rolle als Mann arrangiert. Beide Filme zeigen auch, dass „Geschlecht“ tatsächlich eine verhandelbare Kategorie ist und die Dichotomie „Mann/Frau“ in vielen Fällen nicht greift.

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