Andere Staaten haben die Chance, das amerikanische Schicksal zu vermeiden. Robert Reich

Vater und Sohn

Der rumänische Balkanwestern „Aferim!“ erzählt parabelhaft von Machtverhältnissen und Vorurteilen – skurril und unterhaltsam.

Costandin hat feste Meinungen zu allem, und an denen hält er fest. Guten Schnaps zum Beispiel kostet man nicht, man kippt ihn, Priester sind von Teufeln umgeben und generell sind alle, in denen nicht reinstes rumänisches Blut fließt, Abschaum. Zu jeder Situation fällt Costandin eine passende Weisheit ein und sein Teenager-Sohn Ionita nickt ergeben dazu.

Im rumänischen Wettbewerbsbeitrag „Aferim!“ (was so viel wie „Gut gemacht!“ bedeutet) sind Vater (Teodor Corban) und Sohn (Mihai Comanoiu) 1835 zu Pferd in der rumänischen Walachei unterwegs. Costandin ist Gendarm und hat die Aufgabe, den entlaufenen „Zigeuner-Sklaven“ Carfin (Cuzin Toma) seinem rechtmäßigen Herrn, dem Bojaren Iordache (Alexandru Dabija), zurückzubringen. Carfin soll sogar eine Affäre mit dessen Frau gehabt haben. Natürlich geht niemand davon aus, dass diese Geschichte stimmen könnte – schließlich sind die „Krähen“ genannten „Zigeuner“ bloßes Gesindel, nicht besonders intelligent, aber zum Arbeiten reicht’s. Ähnlich hoch angesehen sind Frauen: Ein paar Schläge tun ihnen gut, findet Costandin und zitiert auch gleich den betreffenden Gesetzes-Paragraf. Seine größte Sorge ist, dass sich Ionita auch etwas „weibisch“ verhält und – Gott bewahre! – ein „Sodomit“ sein könnte (Ionita: „Was ist das?“)!

Lektion mit dem Messer

Auf ihrer Reise begegnen Costandin und Ionita Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Religionen. Vorurteile haben sie alle und die Bereitschaft, diese zu hinterfragen, tendiert gegen null. In einer unterhaltsamen Szene steigert sich ein Priester dermaßen in seine Hass-Predigt gegen alle möglichen Völker dieser Welt hinein, dass er letztendlich nur noch sinnlos Wörter ausspuckt: „Franzosen – mögen Mode. Engländer – denken viel.“ Da kann Costandin ihm nur zustimmen.

Trotz seiner Verachtung für nahezu alle außer ihm selbst, ist Costandin der Meinung, man müsse Menschen „anständig“ behandeln. Im Falle des wiedergefundenen Sklaven Carfin bedeutet das, ihn erst vom Sohnemann anschießen zu lassen, um ihn dann wie einen nassen Sack übers Pferd zu hängen, inklusive Fußfesseln. So steht Costandins Selbstwahrnehmung als gerechter, umgänglicher Mann oft in skurrilem Kontrast zu seinem tatsächlichen Verhalten. Allerdings ändert sich das gegen Ende des Films: Das Vater-Sohn-Gespann hat den entlaufenen Carfin wieder bei seinem Besitzer abgeliefert – und ihn mittlerweile eigentlich ganz gerne. Es zeigt sich, dass Costandins Gesetzestreue, so archaisch diese Gesetze auch sein mögen, ihr Gutes hat: Ihm ist nun absolut daran gelegen, für Carfin eine gerechte, aber milde Strafe zu erwirken. Seine Befragung von Sultana (Mihaela Sirbu), der Frau des Bojaren, ergibt, dass sie Carfin verführt, der Sklave also die Wahrheit gesagt hat. Dumm nur, dass den Bojaren das nicht interessiert. Er greift zum Messer, um Carfin eine Lektion zu erteilen.

Rassismus gegen Juden und Roma

„Aferim!” ist als Mix aus Balkanwestern und Roadmovie in Schwarz-Weiß inszeniert: einsame Männer, die durch karge Landschaften reiten, käufliche Frauen und Treffen mit seltsamen Fremden. Regisseur Radu Jude hat historische Dokumente und Lieder verwendet, um ein wichtiges Kapitel Rumäniens zu erzählen: Die russische Besatzung von 1828 bis 1834 brachte verschiedene Reformen und ein Grundgesetz, welches die Organisation moderner Institutionen regelte. Trotz dieser Reformen blieb das tägliche Leben in Familie und Traditionen verhaftet, der Kirche kam dabei die zentrale Rolle zu. Zum täglichen Leben gehörte auch Rassismus gegenüber Juden und Roma – Juden ließen sich damals in der Walachei nieder, um Unternehmen zu gründen. Weil viele der Unternehmen vorher der Kirche gehörten, versuchte diese, die neue Konkurrenz zu vertreiben: Gerüchte wurden gestreut, Mythen über Juden erfunden. In Form einer parabelhaften Erzählung wirft „Aferim!“ einen schonungslosen Blick auf den Rassismus gegen Roma und Juden. Denn dieser ist im heutigen Rumänien nicht weniger verbreitet als damals.

Bevor man einen Menschen persönlich kennenlernt – so in etwa die Lehre – sollte man sich nicht von Vorurteilen leiten lassen. Der Umgang mit Minderheiten, nicht nur in Rumänien, zeigt: Vorurteile sind langlebig. Und schon ist wieder 1835.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Julia Korbik: Triumph der Meinungsfreiheit

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