Wir unterschätzen die Macht der Mode. Joachim Schirrmacher

Janusz arbeitet, Olga kotzt

Małgorzata Szumowska ist mit „Body“ ein kleiner, berührender Film darüber gelungen, wie wir unseren Körper dafür benutzen, um mit bestimmten Dingen fertig zu werden.

Im Englischen gibt es den Begriff „able-bodied“. Er bedeutet so viel wie: einen starken, gesunden Körper haben, fit sein. Janusz und Anna sind so gesehen beide „able-bodied“. Ihre Körper ermöglichen es ihnen zuverlässig, arbeiten zu gehen, durch den Park zu laufen, auf dem Sofa zu sitzen. Auch Janusz’ Tochter Olga hat eigentlich einen gesunden Körper – den sie jedoch systematisch selbst zerstört.

Die polnische Regisseurin Małgorzata Szumowska erzählt in „Body“ von Körpern und unserem Umgang mit ihnen. Janusz (Janusz Gajos) ist Untersuchungsrichter, dessen Aufgabe darin besteht, am Tatort genau festzuhalten, wie der betroffene Mensch umgebracht wurde bzw. sich umgebracht hat. Janusz ist präzise und analytisch, selbst ein zerstückeltes Neugeborenes in einer Bahnhofstoilette hält ihn nicht davon ab, seinen Job zu machen. Mit toten Körpern kann Janusz umgehen, sie sind für ihn ein Untersuchungsgegenstand. Im Umgang mit dem sehr lebendigen Körper seiner Tochter Olga (Justyna Suwała) jedoch ist Janusz hilflos – er muss mitansehen, wie Olga das Essen verweigert, später heimlich in ihrem Zimmer Nahrungsmittel in sich hineinstopft, um dann alles wieder zu erbrechen. Olga ist dabei, ihren Körper zum Verschwinden zu bringen.

Seit Janusz Ehefrau, Olgas Mutter, vor Jahren tödlich verunglückte, existieren Vater und Tochter nebeneinander her, sind irritiert vom Verhalten des jeweils anderen. Janusz arbeitet, Olga kotzt – einen gesunden Umgang mit ihrer Trauer finden beide nicht.

Sehnsucht nach Nähe

Schließlich lässt Janusz Olga in eine Klinik einweisen, aus Sorge, sie könne sich umbringen. Dort arbeitet die Psychologin Anna. Behutsam und verständnisvoll geht sie mit ihren essgestörten Patientinnen um, versucht, ihnen auf dem Weg der Heilung zu helfen. Sie selbst hat vor Jahren ihr Baby durch einen plötzlichen Kindstod verloren und führt ein zurückgezogenes Leben. Nur ein riesiger Hund leistet ihr Gesellschaft. Das leere Kinder-Bettchen hat Anna auch nach all den Jahren nicht weggeräumt und ihrer Mutter präsentiert sie als deren Enkel ein Foto eines völlig fremden Jungen. Unglücklich ist Anna dennoch nicht, denn sie stellt ihren Körper in den Dienst anderer: Anna ist ein Medium, das Botschaften Verstorbener empfängt.

Das Zusammentreffen dieser drei Menschen, die alle einen geliebten Menschen verloren haben und einen so unterschiedlichen Umgang mit Körpern pflegen, inszeniert Szumowska in ruhigen Bildern: Nahaufnahmen von Gesichtern oder Essen wechseln sich ab mit dem Stadtbild des verregneten, grauen Warschaus. Trotz des ernstes Themas gibt es in „Body“ viel Situationskomik, etwa wenn Anna versucht, Janusz vom Glauben an Botschaften aus dem Jenseits zu überzeugen – und es in Janusz’ Gesicht vor unterdrücktem Lachen zuckt. Janusz Gajos spielt Janusz als bärigen Typen mit reduzierter Mimik. Maja Ostaszewskas Anna ist warmherzig und liebevoll, die Art von Therapeutin, die sich wohl jeder wünschen würde – wäre da nicht ihr Hang zur Esoterik.

Letztendlich haben Janusz, Olga und Anna alle Sehnsucht nach Nähe, aber ganz unterschiedliche Arten, dieser Sehnsucht Ausdruck zu verleihen. Małgorzata Szumowska ist ein kleiner, berührender Film darüber gelungen, wie wir unseren Körper dafür benutzen, um mit bestimmten Dingen fertig zu werden. Denn auch wenn ein Körper seine täglichen Pflichten erfüllt, kann er doch nur ganz gesund sein, wenn der dazugehörige Geist es auch ist.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Julia Korbik: Das A-Wort

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