Deutschland ist keineswegs unbesiegbar. Michael Heise

Mit Ausdauer und Charme

Die französische Schauspielerin Léa Seydoux ist ein Ausnahmetalent und hat sich durch kleine Rollen in Hollywood-Produktionen stetig nach oben gearbeitet. In ihrem neuen Film „Tagebuch einer Kammerzofe“ wirkt sie jedoch zu Tode gelangweilt.

Eigentlich sollte Léa Seydoux am Wochenende nach Berlin kommen, um ihren neuen Film „Journal d’une femme de chambre“ (Tagebuch einer Kammerzofe) vorzustellen, der im Wettbewerb läuft. Aber der Dreh für den neuen Teil der „James Bond“-Serie hatte Priorität – Seydoux spielt eines der beiden Bondgirls – und so fand die Berlinale eben ohne die französische Schauspielerin statt. Was vor allem deshalb etwas weh tat, weil die Berlinale zwar zu den internationalen A-Film-Festivals gehört, es offenbar aber schwieriger ist, als, sagen wir in Cannes, dies Prominenten zu vermitteln.

Goldene Palme für „Blau ist eine warme Farbe“

Einer größeren Öffentlichkeit wurde die heute 29-jährige Seydoux 2009 mit Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ bekannt, wo sie Charlotte LaPadite spielte – die Tochter des Milchbauern, der vom perfiden SS-Oberst Hans Landa (Christoph Waltz) nach dem Versteck einer jüdischen Familie befragt wird. Die Rolle der Charlotte war winzig, Seydoux hinterließ aber trotzdem einen bleibenden Eindruck. 2011 verpflichtete Woody Allen die Französin als sympathische Antiquitäten-Verkäuferin Gabrielle für „Midnight in Paris“. Wieder eine kleine Rolle, wieder glänzte Seydoux. Es folgten Auftritte in „Mission Impossible – Phantom Protokoll“ (2011) und „Grand Budapest Hotel“ (2014). Hollywood hatte offenbar von Mademoiselle Notiz genommen und Gefallen an ihr gefunden.

Der endgültige internationale Durchbruch gelang Seydoux jedoch mit einem französischen Film: Für „Blau ist eine warme Farbe“ erhielt sie in Cannes 2013 zusammen mit ihrer Kollegin Adèle Exarchopoulos und Regisseur Abdellatif Kechiche die Goldene Palme; ausnahmsweise wurde diese nicht nur an den Regisseur, sondern auch an seine beiden Hauptdarstellerinnen vergeben. In „Blau ist eine warme Farbe“ spielt Seydoux die Künstlerin Emma, die eine Beziehung mit der 17-jährigen Schülerin Adèle beginnt. Der Film wurde gefeiert, gelangte aber vor allem wegen seiner expliziten Sexszene in die Schlagzeilen – und wegen des Streits zwischen den Darstellerinnen auf der einen, sowie dem Regisseur auf der anderen Seite. Seydoux und Exarchopoulos erklärten, nie wieder mit Kechiche drehen zu wollen, da sie sich von ihm manipuliert fühlten und die Erfahrung „schrecklich“ gewesen sei. Seydoux sagte, während des Drehs der Sexszene hätte sie sich wie „eine Prostituierte“ gefühlt. Kechiche wiederum befand, Seydoux sei überempfindlich und „von Geburt an in Watte gepackt worden“.

Gelangweilte Zofe

Tatsächlich ist Léa Seydoux die Enkelin von Jérôme Seydoux, dem Inhaber von Pathé, Frankreichs wichtigstem Filmverleih und wichtigster Produktionsfirma. Die Schauspielerin betont jedoch, sich alleine nach oben gearbeitet zu haben: „Mein Großvater hat nie das geringste Interesse an meiner Karriere gezeigt und auch keinen Finger dafür gerührt. Und ich habe ihn nie darum gebeten oder ihn irgendetwas gefragt.“

Das mit der Filmkarriere hat auch ohne grand-père gut funktioniert. In Frankreich ist Seydoux schon lange ein Star. Bereits 2009 wurde sie für ihre Rolle in „Das schöne Mädchen“ als beste Nachwuchsschauspielerin für den César, Frankreichs prestigeträchtigsten Filmpreis, nominiert. 2013 folgte die zweite Nominierung für den Film „Leb wohl, meine Königin“, der 2012 die Berlinale eröffnete. Léa Seydoux sieht nicht nur toll aus – ein ansprechendes Äußeres gehört schließlich zum Schauspielberuf. Im Gegensatz zu vielen anderen besitzt sie aber dieses gewisse Je ne sais quoi, Ausstrahlung und Präsenz. Sie ist vielseitig und (auch äußerlich) wandelbar, lässt sich nicht auf eine Rolle festlegen. Außerdem hat sie ein Händchen für tolle, im besten Fall außergewöhnliche Filme.

Allerdings: Auf „Journal d’une femme de chambre“ trifft das leider nicht zu. Nach Jean Renoir (1946) und Luis Buñuel (1964) hat nun auch Benoît Jacquot („Leb wohl, meine Königin“) Octave Mirbeaus Literatur-Klassiker von 1901 verfilmt. Schade, dass ihm nichts Neues zu diesem historischen Stoff einfällt. Léa Seydoux verkörpert die selbstbewusste Célestine, die um 1900 rum als Kammerzofe in die Normandie vermittelt wird – raus aus der Metropole Paris, rein in den ländlichen Mief (wobei in Frankreich generell alles außer Paris als Provinz gilt). Der Hausherr Monsieur Lanlaire ist lüstern, Madame Lanlaire eifersüchtig und schlecht gelaunt. Célestine weiß ihre Reize geschickt einzusetzen und ist entschlossen, sich von Madame nichts bieten zu lassen. Außerdem wäre da noch der mysteriöse Hausdiener Joseph, ein glühender Antisemit, der Célestine wie magisch anzieht.

Das Ganze hätte eine spöttische Kritik des französischen Bürgertums und der Gesellschaftsordnung sein können, begnügt sich aber damit, die gelangweilt dreinblickende Seydoux in Szene zu setzen. Der Charakter Célestines bleibt rätselhaft, ihre Motive im Dunkeln. Seltsam platzierte Rückblenden verwirren nur und tragen nicht dazu bei, Célestines Innenleben besser zu verstehen. Eher im Gegenteil. Ab und zu kommentiert die unzufriedene Zofe das Geschehen – aber eben nur ab und zu. Jedes Mal wirkt es so, als sei Jacquot plötzlich eingefallen, dass die Geschichte ja aus der Tagebuchperspektive einer jungen Frau erzählt wird und sie deshalb unbedingt ein paar erklärende Worte sprechen muss.

Nächste Station: Bond-Girl

Nein, „Journal d’une femme de chambre“ ist nicht Léa Seydoux’ bester Film. Egal, immerhin wird sie bald als Bond-Girl zu sehen sein, zusammen mit Monica Bellucci. Schon vermeldet „Bild“ atemlos: „Hat die eine der anderen den Mann ausgespannt?“ Und freut sich: „Das klingt nach Zicken-Krieg am Bond-Set!“ Angeblich hat Belluccis Noch-Ehemann, der französische Schauspieler Vincent Cassel, sich während der Trennung nach 14 Jahren Ehe mit Seydoux vergnügt, seiner Filmpartnerin aus „Die Schöne und das Biest“. Die ging auf die Gerüchte jedoch nicht ein. Nach eigenen Angaben hat sie einen Freund, der weder Schauspieler noch berühmt ist. Und ob nun Zicken-Krieg oder nicht: Dass Seydoux kein austauschbares, nur hübsch anzusehendes Bond-Girl werden wird, dürfte klar sein.

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