„45 Years“ auf der Berlinale 2015 | The European

Zu zweit allein

Julia Korbik7.02.2015Gesellschaft & Kultur

Charlotte Rampling und Tom Courtenay spielen in „45 Years“ ein Ehepaar, das sich der Vergangenheit stellen muss.

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Agatha A. Nitecka/45 Years Film Ltd

Manchmal wirft ein Film so viele Fragen auf, dass die Zuschauer ratlos zurückbleiben. Und manchmal wirft ein Film gerade so viele Fragen auf, dass die Zuschauer zum Nachdenken angeregt werden, in einem Schwebezustand des „Könnte seins“ gelassen werden.

Zunehmende Entfremdung

Letzteres trifft auf „45 Years“ zu, den neuen Film des britischen Regisseurs Andrew Haigh. Charlotte Rampling und Tom Courtenay spielen Kate und Geoff Mercer, die kurz vor ihrem 45. Hochzeitstag stehen. Der soll groß gefeiert werden – Geoffs Bypass-Operation hatte fünf Jahre zuvor die Feierlichkeiten zur Rubinhochzeit verhindert. Das britische Ehepaar, beide in Rente, lebt zufrieden und kinderlos nach seinen täglichen Routinen. Die eheliche Idylle wird jedoch jäh zerstört, als Geoff einen Brief aus der Schweiz erhält: Die Leiche seiner Freundin vor Kate, Katya, wurde gefunden.

Katya fiel 1962 während eines Wanderurlaubs mit Geoff in eine Gletscherspalte und Geoff gilt nun als ihr nächster Angehöriger, da das Paar sich als Eheleute ausgab. Während Kate weiter die Party vorbereitet – Musik muss ausgesucht, die Tischordnung festgelegt werden – beschäftigt ihr Mann sich immer mehr mit seiner Vergangenheit und Katya. Er überlegt, in die Schweiz zu reisen, fängt wieder an zu rauchen und sucht auf dem Dachboden nach alten Erinnerungsstücken. Kate beunruhigt dieses Verhalten zunehmend. Und nach und nach kommen Dinge ans Licht, die sie lieber nicht gewusst hätte. Das Paar findet keine gemeinsame Sprache, um das Erlebte zu diskutieren.

„45 Years“ ist die Geschichte zweier Menschen, die fast ihr gesamtes Leben miteinander verbracht haben und nun feststellen müssen, dass sie über entscheidende Dinge nie gesprochen haben. Das tägliche Leben geht weiter, aber Geoff und Kate entfremden sich zunehmend voneinander – Kate fühlt sich als zweite Wahl, zumal Geoff zugibt, dass er Katya wohl geheiratet hätte, wäre sie nicht tödlich verunglückt. Lol Crawleys Kamera fängt jede noch so kleine Emotion auf den vom Leben gezeichneten Gesichtern Courtenays und Ramplings ein, teilweise hat die Inszenierung etwas von einem Kammerspiel.

In der Schwebe

Am Ende feiern Geoff und Kate ihren Hochzeitstag mit Freunden und Familie – geklärt ist jedoch nichts. Werden die beiden die Vergangenheit hinter sich lassen können? Hat Geoff, wie dezent angedeutet wird, tatsächlich ein Alkoholproblem? Und ist die Ehe auch deshalb kinderlos geblieben, weil Katya schwanger war, als sie in den Gletscher stürzte? „45 Years“ hat kein Interesse daran, dies eindeutig zu beantworten. Es ist ein unaufgeregter, leiser Film, der dennoch an die Essenz geht. Und die Frage aufwirft, wie wir mit einmal getroffenen Entscheidungen umgehen.

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