Journalisten: Wegelagerer und Indiskretins. Helmut Schmidt

Filmkunst atmen

Heute startet die 65. Berlinale, das Kino regiert zehn Tage lang die deutsche Hauptstadt. Ein kleiner Ausblick.

Die Berlinale ist wohl das ungewöhnlichste Filmfestival aus der Reihe der A-Film-Festivals. Berlin ist nicht Cannes und nicht Venedig. Man könnte aber auch sagen: Cannes und Venedig sind nicht Berlin. Hier trifft Kunst auf Kommerz, Berlinale-Palast auf Kiez-Kinos, Stars auf Publikum und natürlich sind die Übergänge fließend. Für zehn Tage nimmt das Festival die Stadt ein, Berlin atmet Filmkunst.

Die Filmfestspiele von Berlin sind sicher nicht das glamouröseste Festival, gelten jedoch als das politischste. Ob das tatsächlich so ist, darüber lässt sich streiten. Was stimmt: Berlinale-Direktor Dieter Kosslick hat keine Angst vor ungewöhnlichen Filmen, aber eben auch keine vor solchen, die offensichtlich die Funktion des Publikummagnets erfüllen (dieses Jahr: die Verfilmung des Erotik-Bestsellers „Shades Of Grey“). Einen kleinen politisch motivierten Aufreger gab es immerhin schon: Nordkorea drohte der Berlinale wegen der Satire „The Interview“ – die allerdings gar nicht auf dem Festival läuft, sondern nur am Eröffnungstag in die deutschen Kinos kommt.

Nicht auf das Motto reduzieren

Als diesjähriges Motto hat Kosslick „Starke Frauen in Extremsituationen“ angekündigt und tatsächlich findet sich im Programm einiges, was dieses Kriterium erfüllt. Zum Beispiel der Eröffnungsfilm „Nobody Wants The Night“ mit Juliette Binoche als Arktis-Reisende zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Oder Nicole Kidman als „Queen Of The Desert“ Gertrude Bell, die 1920 nach Teheran reiste und den Zusammenbruch des Osmanischen Reichs erlebte. Oder „Ixcanul“, in dem es um die junge María geht, eine Kakchiquel-Maya-Frau, die mit ihren Eltern auf einer Kaffeeplantage am Fuße eines aktiven Vulkans lebt. Alle drei Filme laufen im Wettbewerb.

Aber auch in den Nebenreihen wird man fündig: „Diary Of A Teenage Girl“ erzählt die Geschichte der 15-jährigen Minnie, die eine Affäre mit dem Freund ihrer Mutter anfängt. Die Dokumentation „Haki. Ein Leben als Mann“ beleuchtet das Leben einer „Burrnesha“, einer geschworenen Jungfrau, die so in Albanien gesellschaftlich und sozial als Mann lebt.

Allerdings sollte die Berlinale nicht allzu sehr auf ihr Motto reduziert werden – denn natürlich laufen auch jede Menge Filme mit starken oder schwachen Männern. Und natürlich laufen zu viele Filme (insgesamt 441) in zu kurzer Zeit und theoretisch bietet jeder von ihnen, ob Langfilm, Kurzfilm oder Dokumentation, die Möglichkeit, sich als kleines (oder großes) Juwel zu entpuppen. Oder mindestens die Zuschauer nicht gelangweilt nach Hause zu entlassen.

Jugendlicher Geist

Denn das Publikum ist ein wichtiger Teil der Berlinale, gilt diese doch als größtes Publikumsfilmfestival der Welt. 65 Jahre wird die Berlinale in diesem Jahr und da muss der umtriebige Dieter Kosslick sich schon etwas einfallen lassen, um das Ganze frisch zu halten. Bisher klappte das ziemlich gut. Vor ein paar Jahren kam das „Kulinarische Kino“ hinzu – eine Reihe, die Schnittpunkt sein soll zwischen Film, Politik und Essen. 2015 ist die Berlinale dem Serien-Hype erlegen: Nicht nur sitzt „Mad Men“-Erfinder Matthew Weiner in der Internationalen Jury, auf dem Festival laufen auch Serien aus verschiedenen Ländern, u.a. die neue Serie der dänischen „Borgen“-Macher sowie „Better Call Saul“, ein Spin-off der Erfolgsserie „Breaking Bad“.

Was zeigt: Die Berlinale mag schon eine etwas ältere Dame sein – ihren jugendlichen Geist hat sie sich aber bewahrt. Und eine gewisse Schnodderigkeit sowieso.

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