Für die Republik

von Julia Korbik9.01.2015Europa, Gesellschaft & Kultur

Zwölf Menschen sind tot, aber die französische Republik lebt. Noch.

Der ermordete Chefredakteur Stéphane Charbonnier (alias Charb) sagte 2012: „Ich habe keine Angst. Ich habe keine Kinder, keine Frau, kein Auto, keinen Kredit. Es klingt aufgeblasen, aber ich will lieber aufrecht sterben, als auf Knien leben.“ Der deutsche Karikaturist Till Mette kommentierte im „ZDF-Morgenmagazin“, es könne als politischer Zeichner und Satiriker nicht die Lösung sein, sich in einer Art vorauseilendem Gehorsam selbst zu zensieren. Das gilt umso mehr für Frankreich, eine laizistische Republik, die Staat und Religion (und damit sind alle Religionen gemeint) strikt voneinander trennt.

Überzeugter Antiklerikalismus

Der Gedanke der Laizität (fr. laïcité, in Deutschland oft falsch mit Laizismus übersetzt) geht zurück auf die Französische Revolution. Einer seiner Vorreiter war der Marquis de Condorcet, der im Januar 1793 seinen Essay „Sur la nécessité de l’instruction publique“ (dt. Über die Notwendigkeit der Erziehung) veröffentlichte. Durch Erziehung, also Bildung, so Condorcet, könne man ein „erleuchtetes“ Volk erschaffen – denn nur aufgeklärte Bürger und Bürgerinnen könnten wirklich unabhängig und frei sein. Voraussetzung dafür sei jedoch die absolute Unabhängigkeit des Schulunterrichts von Autoritäten: der Regierung und der Kirche. Bei Condorcet lässt sich bereits feststellen, was Frankreich bis heute prägt: ein überzeugter Antiklerikalismus. Mit der sogenannten „Loi Combes“ wurde 1905 das Prinzip der Laizität endgültig etabliert. Heute ist es in Artikel 1 der Verfassung der Fünften Französischen Republik von 1958 festgehalten.

Laizität ist somit ein Grundprinzip der Französischen Republik. „Charlie Hebdo“, ob man dessen derbe Art von Humor nun mag oder nicht, hat diese Republik und ihre Prinzipien verteidigt, bis zum Tod.

Denn jedes Redaktionsmitglied von „Charlie Hebdo“ war und ist das, was der französische Philosoph Alain (1868-1951) als „freier Mensch“ bezeichnete. Dieser handelt nicht nach eigenen Interessen, sondern im Zweifelsfall sogar gegen diese, wenn es darum geht, die republikanischen Interessen zu verteidigen. Alain entwarf dieses Ideal des „freien Menschen“ in seinem Text „La République est difficile“ (dt. Die Republik ist schwierig), der im Mai 1935 erschien. Der damalige Kontext gleicht dem heutigen auf erschreckende Weise: Von 1929 bis 1933 dauerte die erste globale Wirtschaftskrise, gefolgt von einer politischen Krise in vielen Ländern. Frankreich erlebte einen Rechtsruck, die Arbeitgeber finanzierten faschistische Organisationen, die als einzige in der Lage schienen, die militanten und progressiven Gewerkschaften unter Kontrolle zu halten. Unterstützt wurden sie dabei von der Rechten, der Kirche und der Polizei. Es herrschte ein Klima der Sympathie für autoritäre Lösungen.

Die Republik ist eine schwierige Sache

Eine faschistische Gefahr lauert heute nicht, aber auch Anfang 2015 befindet sich Frankreich in einer politischen und wirtschaftlichen Krise. Marine Le Pens Front National gewinnt weiterhin an Schlagkraft. Einer Umfrage im August 2014 zufolge könnte Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen 2017 sogar als Siegerin der ersten Wahlrunde in die Stichwahl einziehen. Als Einziger ernstzunehmender Konkurrent gilt Nicolas Sarkozy – der als Innenminister 2005 sagte, man werde die Banlieus „mit dem Hochdruckreiniger“ von Gesindel säubern. Gesindel, damit dürften vor allem die vielen arabisch- und afrikanisch-stämmigen Bewohner der Banlieus gemeint gewesen sein. Dass der gescheiterte Präsident Sarkozy nun wieder so hoch im Kurs steht, sagt einiges über die Stimmung in Frankreich aus.

Allerdings, es ist noch zu früh, um sagen zu können, was der Anschlag auf „Charlie Hebdo“ für die ehemalige „Grande Nation“ bedeutet. Wie Alain richtig feststellte ist die Republik eine schwierige Sache, ihre Werte aufrecht zu erhalten bedeutet einen ständigen Kampf. Wie leicht wäre es angesichts der Ereignisse, mit repressiver Politik, mit Einschränkungen der Bürgerrechte zu reagieren, sich radikalen Parteien zuzuwenden. Alain schreibt in Anspielung auf die Bibel: „Die Republik wird jeden Tag dreimal verleugnet, dreimal verflucht, dreimal betrogen, und das von ihren besten Freunden.“ Für ihn besteht ständig die Gefahr, die gewonnene Freiheit – in Form von freiem Denken und freier Meinungsäußerung – wieder zu verlieren. Gleiches gilt für die Gleichheit, denn für die Feinde der Republik und all dessen, wofür sie steht, ist diese Gleichheit ein Zeichen der Machtlosigkeit, eine Schwäche.

Stets unabhängig

Die Redaktion von „Charlie Hebdo“ hat sich die Freiheit genommen, die die Republik ihr und jedem anderen zugesteht: Die Freiheit, eine Meinung zu haben und diese auch zu äußern. „Charlie Hebdo“ war im besten republikanischen Sinne stets unabhängig – die Vorwürfe, das Blatt sei islamfeindlich und würde den Islam öfter als andere Religionen kritisieren, trifft einfach nicht zu. Vor den spitzen Federn von Cabu, Tignous, Charb und Wolinski war nichts und niemand sicher, und schon gar nicht das Christentum: Wo sie religiöse Verblendung und Fanatismus sahen, da zückten die Zeichner ihre Stifte. Vor allem der Papst und die katholische Kirche bekamen ihr Fett weg. Nur aufgeklärte Bürgerinnen und Bürger können frei sein. Was einmal errungen wurde, kann einem auch wieder weggenommen werden. Die Republik, sie ist eben ein ständiger Kampf.

Zwölf Menschen sind tot – die französische Republik lebt. Und „Charlie Hebdo“ ist unsterblich geworden.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Frau Weidel: Was hat es zu bedeuten, dass ich per Google nur Schweigen der AfD zu dieser Frage vorfinde?

Nach dem Attentat in Halle hat Boris Palmer (Die Grünen) an Alice Weidel (AfD) einen Offenen Brief geschrieben und fragt: "Wäre es nicht notwendig, dass Sie zu dieser Tatsache eine politische Bewertung abgeben? Wie stehen Sie dazu, dass Rassismus und Antisemitismus in Deutschland wieder zu Morden

Der Islam und das linke Weltbild sollen mit allen Mitteln geschützt werden

Montag am frühen Abend im hessischen Limburg: Ein großer LKW steht vor der roten Ampel. Plötzlich reißt ein Mann (ca. 30 Jahre, Vollbart) die Fahrertür auf, starrt den LKW-Führer mit weit geöffneten Augen an. Dann zerrt er ihn mit Gewalt aus seinem Fahrzeug, setzt sich selbst rein und fährt

Beim Kampf gegen Rechts sind dem ZDF alle Mittel recht

Schmierenkomödie beim ZDF. Im Kampf gegen Rechts hatte der Sender Monika Lazar als gewöhnliche Kundin in Szene gesetzt. Sie sollte den Beweis dafür liefern, dass Kunden des Leipziger Bio-Supermarkts hinter der Entscheidung von Biomare-Geschäftsführer und Grünen-Mitglied Malte Reupert stünden,

Erdogan will die Tore bis Wien öffnen

Trumps wilder Rückzug aus Syrien macht Erdogan den Weg frei für seinen historischen Masterplan: Ein Eroberungsfeldzug zur Wiederherstellung des Osmanischen Reiches. Nicht nur die Kurden sind in Gefahr. Auch Europa droht gewaltiges Ungemach.

„Das Volk gegen seine Vertreter“ lautet Johnsons Devise

Der Mann hat keine Skrupel. Er agiert in einem bemerkenswert polemischen Wahlkampfmodus. Da wird das Florett der Rhetorik beiseitegelegt und zum rostigen Beil gegriffen. Boris Ziel sind Neuwahlen, weil er hofft, dass ihm die Wähler Recht geben und sich gegen ihre Vertreter im Unterhaus wenden werde

Fünf Gründe warum die Linkspartei an Geltungskraft verliert

Einst regierte die LINKE den Osten unisono und war als Kümmererpartei allgegenwärtig. Der deutsche Osten der Puls und die Partei seine Herzkammer. Doch die Windrichtung hat sich geändert, die Herzen auch: Die LINKE ist im Abschwung und verliert an Atem, ihr droht der Infarkt, wenn nicht gleich de

Mobile Sliding Menu