Das Internet ist für uns alle Neuland. Angela Merkel

Entblößt

Die Diskussion über den aktuellen Nacktbilder-Skandal geht am eigentlichen Thema vorbei.

Nacktfotos von zahlreichen prominenten Frauen – darunter Fußballerin Hope Solo, Model Kate Upton und Schauspielerin Jennifer Lawrence – sind im Internet verbreitet worden. Ein Hacker hat die intimen Bilder von Smartphones und Computern gestohlen.

Das Erste, was einem Bekannten dazu einfiel: „Wo kann man die Fotos denn sehen?“, gefolgt von herzlichem Gelächter (denn klar, er selbst würde sich so was ja nie, nie, nie ansehen). Dann ein ernster Gesichtsausdruck. „Nee, aber man ehrlich: Die Fotos sind doch nicht wirklich online. Also, die sind doch nicht öffentlich zugänglich. Oder?“ Oder? Doch, genau das sind sie.

Angriff auf Intimsphäre und Persönlichkeit

Nacktbilder, zumal von Prominenten, haben nun wahrlich keinen Seltenheitswert mehr. Immer mal wieder „leaken“ welche und natürlich fragt man sich oft, ob das nicht mit Absicht geschah.

Von Absicht kann im aktuellen Fall keine Rede sein: Die Frauen – und es sind ausschließlich Frauen – wurden Opfer eines Angriffs auf ihre Intimsphäre und Persönlichkeit. Das Mitleid hält sich jedoch eher in Grenzen. Reaktionen wie „Wer ist denn auch so blöd und macht Nacktfotos von sich? Selber schuld!“ ließen nicht lange auf sich warten. Wieder einmal werden die Opfer als Täter dargestellt.

Dabei hat höchstwahrscheinlich jeder irgendwo irgendwelche Bilder, von denen er nicht möchte, dass die Öffentlichkeit sie sieht. Rihanna, Kirsten Dunst, Hayden Panettiere und all die anderen betroffenen Frauen haben jedes Recht der Welt, sich nackt zu fotografieren. Offensichtlich glauben andere, nur weil diese Damen prominent sind, hätten sie ihrerseits jedes Recht der Welt, solche Bilder zu klauen und zu veröffentlichen. Sich der Körper dieser Frauen zu bedienen, sie zu entblößen. In der normalen Welt ist das Phänomen als „revenge porn“ bekannt: Männer, die aus Rache an einer Frau intime Bilder oder Videos von ihr online stellen.

Halbnackt im Magazin

Natürlich: Viele der genannten Promi-Frauen lassen sich freiwillig leicht bekleidet oder vielleicht sogar halbnackt für Magazine fotografieren. Kate Uptons nackte Rundungen beispielsweise zierten das Cover der „Sports Illustrated“ und überließen wenig der Vorstellung.

Aber es gibt einen eindeutigen Unterschied zwischen Fotos, die für ein Magazin gemacht wurden und damit für die Öffentlichkeit bestimmt waren, und solchen, die privat aufgenommen wurden und eben nicht dafür bestimmt waren, veröffentlicht zu werden. Das scheint einigen nicht bewusst zu sein. In einem Artikel auf faz.net schreibt der Autor zwar, bei den veröffentlichten Bildern handele es sich um einen Strafbestand – aber erst, nachdem er betont hat, dass man freizügige Fotos von Kate Upton durch simples Googeln sofort finden könne.

Häme und Zufriedenheit

Hat Upton dadurch ihr Recht auf Privatsphäre also verwirkt? Weil sie sich ja schließlich ständig auszieht? Nein, nein und noch mal nein. Die Diskussion ist von Häme durchsetzt, von einer gewissen Zufriedenheit, dass „die da oben“ – zumal hübsche Frauen – eben auch nicht perfekt sind. Und gehören solche Unannehmlichkeiten zum Berühmtsein nicht sogar irgendwie dazu?

Letztendlich geht es nicht um das Warum („Warum macht man Nacktfotos von sich selbst?“) oder das Wie („Wie konnte der Hacker die Bilder stehlen?“). Es geht um die gesellschaftliche Position von Frauen. Die US-amerikanische Autorin Roxane Gay bringt es auf den Punkt: Die Veröffentlichung der Bilder verweist Frauen auf ihre Plätze. Gay schreibt: „Don’t get too high and mighty, ladies. Don’t step out of line. Don’t do anything to upset or disappoint men who feel entitled to your time, bodies, affection or attention. Your bared body can always be used as a weapon against you. Your bared body can always be used to shame and humiliate you. Your bared body is at once desired and loathed.“

Diese Botschaften dürften Jennifer Lawrence und Co verstanden haben – so wie viele andere Frauen und Mädchen weltweit auch.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Julia Korbik: Das A-Wort

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