Von Männern und Brüsten

Julia Korbik16.08.2014Gesellschaft & Kultur

Regisseurin Isabell Šuba wurde mit einem Kurzfilm nach Cannes eingeladen – und beschloss, die Gelegenheit für einen Filmdreh zu nutzen. Herausgekommen ist dabei ein feministisches Filmexperiment der besonderen Art.

Hach, Cannes. So glamourös, so mondän. Gut aussehende Menschen in teurer Abendgarderobe, türkis funkelndes Meer und Sonne, die all dies in perfektes Licht taucht.

Hach, Cannes. So … unglamourös und regnerisch. Das ist die Croisette, wie sie “Isabell Šuba”:http://www.isabellsuba.com/NEWS erlebt. Die junge Regisseurin wurde mit ihrem Kurzfilm „Chica XX Mujer“ – der sich dem Schönheitswahn in Venezuela widmet – zu den 65. Filmfestspielen 2012 nach Cannes eingeladen. Eine wunderbare Gelegenheit also, um den Film zu promoten, neue Kontakte zu knüpfen und Investoren für das nächste Projekt an Bord zu holen. Doch natürlich kommt alles anders.

Zunächst einmal beschließt Šuba, ihre Identität an Anne Haug abzugeben und sie in Cannes als Regisseurin Isabell Šuba auftreten zu lassen. An ihrer Seite: Produzent David Wendland, gespielt von Matthias Weidenhöfer. Das Duo lässt Šuba auf die Filmfestspiele los und dreht an fünf Tagen ihren ersten Spielfilm „Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste“. Der provokante Titel deshalb, weil in der 65-jährigen Geschichte der Goldenen Palme bisher nur eine einzige Regisseurin den Preis gewann (Jane Campion 1993) – 2012 lief sogar kein einziger Film einer Regisseurin im Hauptwettbewerb.

Typisch Mann, typisch Frau

Die Ausgangslage des Films ist denkbar simpel: Isabell und David sind in Cannes und versuchen, sich und ihren Film so gut wie möglich zu verkaufen. Klingt einfacher, als es ist, denn die beiden streiten die ganze Zeit. Isabell ist genervt von Davids Verplantheit und seinen Macho-Sprüchen, David fragt sich, warum Isabell rumstresst und nicht mal die nette, hübsche Regisseurin geben kann. „Alles, was wir zusammen angefasst haben, haben wir auch geschafft“, stellt David fest. Sieht Isabell natürlich ganz anders: „Ja, alles, was ich angefangen habe und du warst dabei, haben wir auch geschafft.“

Immer wieder eskaliert die Situation und immer wieder geht es dabei um scheinbar banale Dinge. Nach einem erfolglosen Tag versucht David es mit einem motivierenden „Morgen ist ein neuer Tag“. Und Isabell rastet aus: „Ich verstehe nicht, wie du das einfach so sagen kannst: Morgen ist ein neuer Tag. Das ist so typisch Mann, dass man nicht einfach zugeben kann, dass es heute scheiße war. Dass man nicht einfach sagen kann: Tschuldigung, es war mein Fehler.“ David findet, das wiederum sei typisch Frau, dieses Verallgemeinern.

„Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste“ hat ein eindeutiges Anliegen – nämlich die Unterrepräsentation von Filmemacherinnen. Dieses kommt zwar mit knallharter Power, aber auch einer großen Prise Humor daher. Das liegt vor allem an den Dialogen, die größtenteils improvisiert sind und die Sprache direkt und authentisch machen. So regt Isabell sich einerseits über die mangelnde Repräsentation von Filmemacherinnen auf. Als sie dann aber eine Journalistin direkt darauf anspricht, windet Isabell sich: „Ich möchte eigentlich nicht mit diesem Thema in Verbindung gebracht werden, weil ich meinen Weg gehen möchte durch Qualität und durch Inhalte und nicht dadurch, dass ich meine Brüste zeige.“ Was wunderbar den Zwiespalt vieler feministischer Frauen illustrieren dürfte: Frauenförderung ja, aber … David seinerseits hat das Gefühl, bei diesem Thema klar Position beziehen zu müssen: „Also, ich als Isabells Arbeitspartner und Frauenversteher finde es bedauerlich, dass hier auf dem Festival im Wettbewerb keine Frauenfilme laufen. Und Isabell Šuba, die ja nun andersherum ist, also vom anderen Ufer, der ist das natürlich …“ Die Situation endet damit, dass Isabell ihn als „Penis“ beschimpft und die genervte Journalistin das Interview abbricht.

Fantasie vs. Realität

Tatsächlich steht Isabells Homosexualität zwischen ihr und David. Der selbsternannte Frauenversteher David versteht nämlich eben nicht, warum Isabell lesbisch ist. In einer Szene flirten Isabell und David mit einer blonden, vollbusigen Touristin am Pool. Isabell bekommt zum Abschied einen Kuss, während der verheiratete David missgelaunt zuschaut. „Du bist so widerlich!“, sagt er Isabell dann und fragt sie später, wann man sich denn dafür entscheiden würde, „dass man nicht normal ist“. Die Szene mit der Touristin („I like women – who doesn’t like women?“) bricht den männlichen Blick auf ironisch-humorvolle Weise: Zwei sich küssende Frauen mögen eine Männerfantasie sein – die in der Realität jedoch nicht unbedingt funktioniert, zumal wenn eine der beiden Frauen lesbisch ist und ihre Sexualität nicht bloß zur Erregung anderer inszeniert.

Was Isabell und David bewegt, bleibt den ganzen Film über im Vagen. Als Zuschauer möchte man sie in nahezu jeder Szene an den Schultern packen, fest schütteln und fragen, was verdammt noch mal eigentlich ihr Problem ist. Man versteht nicht, was die beiden überhaupt verbindet und auch Isabell und David scheinen sich dessen zunehmend unsicherer. „Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste“ bleibt streng subjektiv, keine andere Figur ordnet das Verhalten der Hauptprotagonisten ein. Hat David wirklich so wenig zum Erfolg der gemeinsamen Filme beigetragen? Ist Isabell wirklich zu Unrecht so genervt? Fragen, auf die der Film seine Zuschauer eigene Antworten finden lässt.

Und so ziehen Isabell und David durch Cannes, sprechen – und streiten – über ihr nächstes Projekt, ein „Buddy Movie“ (David) bzw. eine „Western-Komödie“ (Isabell). Die Kamera nimmt dabei ihre Perspektive ein, schweift über die Reichen und Schönen, zoomt auf Bildschirme mit den Konterfeis bekannter Schauspieler und auf gut angezogene Menschenmengen. Isabell und David bleiben außen vor, stets mittendrin und doch kein Teil des Ganzen. Vielleicht ist „Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste“ nicht nur ein Film über das Filmbusiness. Sondern ebenso einer über Einsamkeit und das Gefühl, nie gut genug zu sein, sich immer verbessern und anpreisen zu müssen – und den Versuch, dabei trotzdem irgendwie authentisch zu bleiben.

_„Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste“ läuft seit dem 14. August im Kino._

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