Verstand und Gefühl

Julia Korbik8.08.2014Gesellschaft & Kultur, Medien

Sex, Sex, Sex. Dabei geht es in der Serie „Masters of Sex“ über zwei Sexualforscher im Amerika der 1950er-Jahre eigentlich um etwas ganz anderes.

Eine Münze, die in einen Schlitz gesteckt wird; eine sich öffnende Blume; Hände, die eine große grüne Gurke unter fließendem Wasser abwaschen; ein in Neonfarben aufblinkendes „Bingo!“. Unschuldige Bilder, die das Assoziationskarussell im Kopf jedoch sofort in Schwung bringen: Sex! Sex! Sex!

Vorspanntechnisch hat die US-Serie „Masters of Sex“ also alles richtig gemacht, denn es geht tatsächlich um Sex. Im Mittelpunkt stehen der Sexualforscher und Gynäkologe Dr. William Masters sowie seine Erst-Sekretärin-dann-Assistentin Virginia „Ginny“ Johnson. Diese beiden höchst unterschiedlichen Charaktere treffen in den späten 1950er-Jahren an der Washington University in St. Louis (Missouri) aufeinander: Masters (Michael Sheen) arbeitet an einer Studie zur menschlichen Sexualität, kommt damit aber nicht so richtig voran – die meiste Zeit beobachtet er in einem Schrank versteckt Prostituierte beim Verkehr mit Freiern und stoppt die Zeit bis zum Orgasmus. Wissenschaftlich-distanziert. Mit sozialer Interaktion und menschlicher Wärme hat Masters nämlich so seine Probleme; der Beischlaf mit Ehefrau Libby findet in der medizinisch besten Empfängnis-Position statt. Glücklicherweise gibt es noch Johnson (Lizzy Caplan), ehemalige Nachtclub-Sängerin und zweifach geschiedene alleinerziehende Mutter. Sie besitzt Einfühlungsvermögen, Humor und Bodenständigkeit – quasi alles, was Masters fehlt, um Leute zur Teilnahme an der Studie zu bewegen.

Lebende, kopulierende Objekte

_A match made in heaven_ also und das Ganze könnte schnell allzu klischeemäßig daherkommen: er emotional zurückgeblieben, sie die Wärme in Person. Das geschieht dank des nuancierten Spiels der Schauspieler aber nicht (Sheen und Caplan sind beide für einen Emmy nominiert) und auch das Drehbuch ist auf charakterliche Vielschichtigkeit angelegt. Der im Umgang mit seiner Frau kalt und abwesend wirkende William Masters kümmert sich verständnis-, oftmals liebevoll um seine Patientinnen und setzt sich dabei über gesellschaftliche Konventionen hinweg: So behandelt er beispielsweise eine Afro-Amerikanerin, obwohl diese wegen ihrer Hautfarbe eigentlich auf eine andere Station gemusst hätte.

Mit Virginia Johnson an seiner Seite kann Dr. Masters endlich eine richtige Studie an lebenden, kopulierenden Objekten durchführen. Freiwillige Probanden werden per Zufallsprinzip zu Sexualpartnern gemacht. Das Team Masters und Johnson verteilt großzügig Elektroden auf den nackten Körpern, beobachtet das Treiben und macht sich Notizen. Wo die Kinsey-Studie einige Jahre zuvor zwar erste Erkenntnisse über das menschliche Sexualverhalten lieferte, aber nur auf Befragungen basierte, da forschen Masters und Johnson am lebenden Objekt – mit spektakulären Ergebnissen, insbesondere, was den weiblichen Orgasmus betrifft. Und letztendlich kommt es, wie es kommen muss (unbeabsichtigtes Wortspiel): William Masters eröffnet Virginia Johnson, dass sie selbst auch Teil der Studie sein, sprich miteinander schlafen werden. Alles im Dienste der Wissenschaft, versteht sich …

Augenblick der Erkenntnis

„Masters of Sex“ basiert auf der gleichnamigen Biografie von Thomas Maier. Bisher halten sich die Serienmacher, was die Hauptcharaktere betrifft, relativ nah an die Vorlage der realen Masters und Johnson. Daneben aber hat Produzentin und Show-Writerin Michelle Ashford mit ihrem vorwiegend weiblichen Team eine Reihe fiktiver, dennoch sehr realer und komplexer Figuren geschaffen.

Der schwule Hochschulleiter Bart Scully zum Beispiel, dessen Familienidylle mit Frau und Tochter nur Schein ist. Seine Frau Margaret merkt zwar, dass im ehelichen Bett nichts mehr passiert, fühlt sich einsam und unattraktiv. Worum es eigentlich geht, davon hat sie jedoch keine Ahnung. Der Augenblick, in dem eine Prostituierte ihr die Augen öffnet, gehört zu den berührendsten Fernsehmomenten des letzten Jahres: Margaret Scully guckt erst ungläubig, dann lacht sie kurz auf. War das nun Erleichterung – oder die Erkenntnis, dass es für ihr Problem keine Lösung gibt? Die Auseinandersetzung mit Homosexualität könnte noch interessanter werden: Während die fiktiven Masters und Johnson nämlich Homosexualität als normalen Ausdruck von Sexualität sehen, versuchten sich ihre realen Vorbilder im späteren Leben an einer Umerziehungskur für Schwule und Lesben.

Gute Miene zum nervigen Spiel

Immer wieder beleuchtet die Serie Themen wie Sexismus und Emanzipation. Virginia Johnson muss darum kämpfen, ernst genommen und für ihre beruflichen Fähigkeiten anerkannt zu werden, statt für ihr hübsches Gesicht. Die Doppelbelastung aus Beruf und Familie treibt sie oft an den Rand ihrer Kräfte – während William Masters sich aus dem familiären Leben mit Libby und dem neu geborenen Sohn gleich ganz zurückzieht. Als weiblicher Gegenpart zu Virginia Johnson fungiert Dr. Lillian DePaul (über 40, kinderlos, alleinstehend), deren Ziel es ist, jeder Frau regelmäßige Pap-Abstriche zu ermöglichen. Die spröde und schroffe Art von DePaul passt so gar nicht in eine Zeit, in der Frauen vor allem hübsch und unterwürfig sein sollen. Hinzu kommt: Im Gegensatz zur kommunikativen Johnson ist die Wissenschaftlerin nicht bereit, gute Miene zum nervigen Spiel zu machen und potenzielle Unterstützer mit einem charmanten Lächeln für sich einzunehmen.

Man könnte meinen, in einer Serie, die „Masters of Sex“ heißt, gäbe es eine Menge Sex zu sehen. Tatsächlich ist das so, aber die gezeigten Sex-Szenen sind doch erstaunlich unvoyeuristisch und – ja – tragen zur Handlung bei. Denn vielmehr als um den Austausch von Körperflüssigkeiten geht es in der Serie um Intimität. Um das Verlangen danach. Und um die Unfähigkeit, sie zuzulassen.

_Die erste Staffel von „Masters of Sex“ läuft seit dem 5. August immer dienstags um 22.45 Uhr auf ZDFneo._

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