Die Leute denken ich sei eine Figur aus der Fernsehserie Die Simpsons. Stephen Hawking

Das große Fressen

Auf Instagram wird viel gegessen und mit Essen posiert. Ein neuer Account macht sich darüber lustig – und zeigt mit dem Finger doch nur auf die Falschen.

Es reicht, auf Instagram ein paar Lifestyle- und Fashionbloggern oder Models zu folgen – köstliches Essen, wo man nur hinblickt. Mal erspäht das entzückte Auge einen glasierten Donut, mal ein üppig belegtes Sandwich, mal bunt leuchtende Macarons. Gerne werden diese Leckerbissen von schlanken Frauen bzw. trainierten Männern in die Kamera gehalten, stets strahlend und im Begriff, einen ordentlichen Happen zu nehmen. All das getaucht in das typische Instagram-Filter-Licht.

Bilder von Donuts, Burgern & Co.

Berechtigterweise melden sich bei solchen Fotos Bedenken an: Wenn die gut aussehenden, schlanken Menschen auf den Bildern all die Donuts, Burger & Co. tatsächlich essen würden, könnten sie ihre Figur doch garantiert nicht halten, oder? Seit einigen Wochen gibt es deshalb den anonymen Instagram-Account You Did Not Eat That, der sich über schöne Menschen und die von ihnen vermeintlich verzehrte Nahrung lustig macht. Das geht ganz einfach: Foto von schönen Menschen mit vermeintlich verzehrter Nahrung posten („regrammen“) und das Ganze mit sarkastischen bis zynischen Kommentaren versehen. Zugegeben: Das ist lustig!

Das „New York Magazine“ freut sich über den Account und schreibt: „Wir sehen dich in den sozialen Medien, wie du mit deinem absurd großen Burger posierst, mit deinen gesichtsgroßen Keksen und mit Pizzastücken, die so groß wie die Lücke zwischen deinen Oberschenkeln sind. Dieser Keks mag nur einen Millimeter von deinem Mund entfernt sein, aber willst du uns ernsthaft glauben machen, dieses buttrige Kohlenhydrat hätte es in deinen Magen geschafft?“ Im folgenden Interview sagt die anonyme Betreiberin von You Did Not Eat That, sie wolle keinen gesellschaftlichen Kommentar darüber abgeben, welche Kleidergröße jemand trage oder was er bzw. sie isst.

Essen, am besten ständig und viel

Genau das tut sie dann aber doch: „Wenn du eine Size Zero bist und in einem winzigen Bikini am Strand herumspringst, hast du wahrscheinlich die Donuts nicht gegessen, mit denen du mit Sonnenbrille posiert hast. Es geht nur darum, dieses kuratierte Leben zu zeigen, das schön und perfekt ist und total unrealistisch.“ Das Problem an You Did Not Eat That ist, dass es sich über einzelne Personen lustig macht, ohne auf das zugrunde liegende Problem hinzuweisen, welches vor allem Frauen betrifft: Dünnsein ist die Norm; es darf aber keinesfalls so aussehen, als hätte man sich für den perfekten Körper allzu sehr angestrengt.

Die Schauspielerin Gwyneth Paltrow wird belächelt, weil sie offen für Detox-Kuren und den Verzicht auf so ziemlich alles außer gedünstetem Gemüse und magerem Fleisch wirbt. Der Rest des weiblichen Hollywoods – zu 99 Prozent rank und schlank – ist hingegen damit beschäftigt, zu betonen, wie sehr er Essen liebt. Wie die „New York Times“ in einer schönen Geschichte darlegte&, ist es für Hollywood-Schauspielerinnen mittlerweile absolut notwendig, ständig und überall zu erwähnen, wie viel sie essen. Oder sogar tatsächlich zu essen, praktischerweise zum Beispiel während eines Presse-Interviews. Macht sich gut in jedem Porträt: der strahlend schöne, schlanke Star, der mit Appetit jede Menge fettiges Essen hinunterschlingt.

Alle verlieren

Die Botschaft an alle Normalos ist klar – sei schlank, aber tu bitte, bitte so, als wäre das von Natur aus so. Aktionen wie You Did Not Eat That tragen nicht dazu bei, dass eine wirkliche Debatte über Schönheitsnormen geführt wird. Stattdessen zeigen sie mit dem Finger auf Menschen, die im Prinzip nur das tun, was von ihnen erwartet wird (gut aussehen und dabei essen).

Immerhin wird so ein gestörtes Verhältnis zu Körpern und Nahrungsaufnahme deutlich. Normal gibt es nicht mehr, generelles Misstrauen macht sich breit, absurde Regeln gelten: Wer dünn ist, muss durch übermäßiges Essen beweisen, dass dieser körperliche Zustand naturgegeben ist. Wer dünn ist und zugibt, dafür einiges zu tun und auf Dinge zu verzichten, gilt als schlechtes Vorbild. Und Menschen, deren Körpermaße nicht den gängigen Schönheitsvorstellungen entsprechen, haben sowieso verloren.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Julia Korbik: Das A-Wort

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