Man darf ihn jetzt nicht übers Knie brechen. Rudi Völler

Blumen stecken lassen

Wann ist der Weltfrauentag eigentlich zu einer Art zweitem Valentinstag geworden?

In meinem Italienisch-Kurs lernen wir gerade die Feiertage und kurz vor dem Weltfrauentag am 8. März stellte sich heraus, dass nur die meisten Kursteilnehmer – Männer und Frauen – keine Ahnung hatten, wann dieser Tag denn nun ist.

Würden Sie in Berlin-Mitte arbeiten, hätten Sie Ihre Antwort natürlich längst bekommen. Dort wirbt ein Kosmetikladen in der Nähe des Hackeschen Marktes mit dem Weltfrauentag. Die Idee dahinter geht ungefähr so: Da der Weltfrauentag der Tag der Frauen ist, sollen diese doch einfach in den Laden kommen, viel Geld für Kosmetikprodukte ausgeben in dem Wissen, dass sie als Frauen diese Belohnung verdient haben und sich ruhig mal was gönnen können. Ich meine, auf dem Plakat stand sogar etwas von „sich verwöhnen lassen“.

Für dich soll’s rote Rosen regnen

Dagegen ist nichts einzuwenden. Verwöhnen lassen klingt gut. Wenn frau Glück hat, bekommt sie an diesem, ihrem Tag vielleicht sogar ein paar Blumen geschickt – als Anerkennung ihrer Weiblichkeit quasi. Eine schnelle Google-Suche ergibt zudem eine Auswahl von passenden Grußkarten à la „Alles Liebe zum Frauentag“, besonders beliebt scheinen dabei Blumenmotive (genauer: Rosen) zu sein. War Valentinstag nicht schon im Februar?

Mal ehrlich: Vanillig duftende Körperlotionen, Blumen und Grußkarten helfen uns hier nicht weiter. Die immer noch bestehenden Benachteiligungen von Frauen lassen sich schlecht wegcremen (oder durch Rosenduft überdecken). Gerade hat die Europäische Agentur für Grundrechte eine internationale Erhebung präsentiert, laut der ein Drittel der Frauen zwischen 15 und 74 Jahren in der EU körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren haben. Die „Süddeutsche“ rechnet sehr schön vor, dass dies 62 Millionen Frauen sind: „Würden sie eine Nation bilden, wären sie hinter den Schwergewichten Deutschland und Frankreich die drittgrößte Nation der Europäischen Union.“ Traurig.

Wir leben also mitnichten in einer gleichberechtigten Gesellschaft – nicht, solange sexuelle und körperliche Gewalt sich in so großer Zahl gegen Frauen richtet. Und es gäbe noch mehr Beispiele: Gehaltsunterschiede, die niedrige Mütter-Erwerbstätigkeit, der allgegenwärtige Sexismus.

Auf Missstände aufmerksam machen

Deshalb: Blumen stecken lassen, Grußkarte in den Müll und das Geld für teure Kosmetik gespart. Am „Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden“ (so der Geburtsname des Weltfrauentags) geht es nämlich eben nicht um das Feiern der Frau und ihrer Weiblichkeit an sich. Sondern darum, auf Missstände, die Frauen weltweit betreffen, aufmerksam zu machen. In einigen Ländern ist der 8. März sogar ein gesetzlicher Feiertag, so z.B. im EU-Mitgliedstaat Zypern.

So vermessen, einen gesetzlichen Feiertag zu fordern, bin ich nicht (außerdem wohne ich in Berlin und da ist man mit Feiertagen allgemein ja extrem knauserig). Der Weltfrauentag ist nämlich kein Tag, an dem etwas gefeiert werden soll. Keine Blumen, keine Glückwünsche. Er ist ein Tag, an dem es sich anbietet, den Stand der Dinge zu analysieren. Und die Herausforderungen anzugehen. Womit ich nicht die Wahl der passenden, cremig-duftigen Lotion für raue Winterhaut meine.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Julia Korbik: Das A-Wort

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