Wo Matthias Matussek irrt | The European

Gut gepöbelt ist nur halb gewonnen

Julia Korbik20.02.2014Gesellschaft & Kultur, Medien

Ob drohende „Instrumentalisierung von weiblichen Körpern“ oder sexuelle Umerziehung durch „schlechtgelaunte bärtige Sandalenträger“ – Matthias Matussek hat da einiges falsch verstanden. Eine Richtigstellung.

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Melanie Feuerbacher

Einige Menschen, darunter Matthias Matussek, sind der festen Überzeugung, “dass Homosexuelle keine Gleichberechtigung verdienen”:http://www.theeuropean.de/matthias-matussek/8042-homosexualitaet-als-fehler-der-natur, weil ihr Begehren widernatürlich ist und deshalb nicht zur Fortpflanzung führen kann.

Diese Menschen wird man nicht eines Besseren belehren können. Natürlich gibt es auch heterosexuelle Paare ohne Nachwuchs, gewollt oder ungewollt – dieses Argument kennen sie, es interessiert sie aber nicht. Ihnen geht es nicht um rationale Argumente. Es geht um eine bestimmte Weltanschauung und über die lässt sich schwer “diskutieren”:http://www.theeuropean.de/alexander-goerlach/8035-ich-bin-wohl-homophob-warum-matussek-sich-irrt. Manchmal bleibt nur die Einsicht, dass man sich nicht einig wird.

Feministische Schwachstelle

Diskutieren lässt sich allerdings wunderbar über Dinge, die schlicht und einfach sachlich falsch sind.

So freut sich Matussek, mal wieder eine Schwachstelle des Feminismus gefunden zu haben. Dass es Schwachstellen gibt, stimmt natürlich (und davon nicht wenige) – aber in diesem Fall liegt Matussek falsch. Er schreibt zum Thema Leihmutterschaft, dass „derartige Instrumentalisierungen von weiblichen Leih-Körpern vonseiten der Feministinnen bisher unbeanstandet blieben“. “Wie könnte der Feminismus sich nicht mit einem Thema beschäftigen, welches den Körper von Frauen betrifft?”:http://diestandard.at/1304553361935/Kritik-an-Leihmutterschaft-Es-geht-um-die-Macht-Leben-zu-machen Leihmutterschaft bietet einerseits emanzipatorisches Potenzial, weil mit ihr biologische Beschränkungen aufgehoben werden können. Andererseits stellt sich die Frage, ob die Bereitstellung der eigenen Gebärmutter nicht neue Abhängigkeiten erzeugt. Darüber diskutieren Feministinnen. Auch wenn Matussek das bisher – welch eine Überraschung – nicht aufgefallen ist.

Homosexualität ist therapierbar

Nachdem er den Bereich „Fortpflanzung“ abgehandelt hat, wendet Matthias Matussek sich der Erziehung zu. Und regt sich ordentlich über die „Handreichung für Lehrkräfte“ auf, in der es um „lesbische und schwule Lebensweisen“ geht. Es folgt ein Auszug aus dem Fragenkatalog, von dem Matussek vermutet, dass ein „paar schlechtgelaunte bärtige Sandalenträger in selbstgestrickten Pullovern“ ihn verfasst haben. Was der Autor nicht versteht, ist, dass es sich hier weder um einen Versuch handelt, einen „neuen Menschen“ zu erschaffen, noch darum, Teenager umzuerziehen.

Stattdessen soll jungen heterosexuellen Menschen vermittelt werden, welchen teilweise dumm-dreisten Fragen Homosexuelle sich ausgesetzt sehen – es geht um einen Perspektivwechsel, darum, sich in Homosexuelle hineinzuversetzen. Ein Heterosexueller wird noch nie gefragt worden sein, wann er denn gewusst hätte, dass er heterosexuell sei. Ein Homosexueller dagegen wird diese Frage schon viel zu oft gehört haben. Man könnte also sagen, es handelt sich bei dem Fragenkatalog um pure Satire – die den Finger tief in die Wunde legt.

Denn die von Matussek empört zitierte Frage 11 („Hast du schon einmal in Betracht gezogen, eine Elektroschock-Therapie zu machen?“) ist traurige Realität. Während Heterosexualität als „normal“ und „natürlich“ gilt, ist Homosexualität „das Andere“, eine Abweichung von der Norm – und warum sollte man diese Abweichung nicht irgendwie therapieren können? Es gab und gibt Therapien, die Homosexualität „heilen“ sollen. Die Verfasser der „Handreichung für Lehrkräfte“ drehen den Spieß einfach um und konfrontieren Heterosexuelle mit diesem abstrusen Gedankengang.

„Empfehlen“ heißt nicht „mögen“

Als abstrus erlebt Matussek ganz andere Dinge, nämlich dass er Opfer eines Shitstorms wurde (eine völlig überraschende Reaktion angesichts eines Titels wie „Ich bin homophob und das ist auch gut so“). Schließlich wurde der Artikel so oft auf Facebook empfohlen und es hagelte Likes. Dazu lässt sich sagen: Nur weil ein Artikel empfohlen wird, heißt das nicht unbedingt, dass man seinen Inhalt gut findet. Vielleicht findet man ihn einfach diskussionswürdig.

Diskussionswürdig sind Matthias Matusseks Texte. Immerhin.

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