Martenstein über Geschlechtsunterschiede | The European

Schlecht, schlechter, Gender

Julia Korbik14.06.2013Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Männer sind anders, Frauen auch. Zu dieser Erkenntnis kommt Harald Martenstein in Der Zeit – und hat bei seiner Beschäftigung mit der Genderforschung doch erstaunlich wenig gelernt.

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LiliConCarne / photocase.com

Eins muss man dem „Zeit Magazin“ lassen, die Überschrift ist der Knaller: „Schlecht, schlechter, Geschlecht“ lautet das Motto, unter dem Kolumnist Harald Martenstein sich auf die Spuren der Genderforschung begibt (Ausgabe 24/2013). Martensteintypisch geht er dabei betont naiv vor. Schon ganz interessant, dieses Gender. Mal sehen, was es da so zu lernen gibt.

Generell ist es immer gut, wenn Journalisten sich bemühen, objektiv an eine Sache heranzugehen, Fakten und Meinungen zu sammeln, diese auszuwerten und der Leserschaft zu präsentieren. Martenstein ist nun aber kein Journalist im klassischen Sinne, geht es ihm doch um Meinung und nicht um Objektivität. Das ist im Rahmen einer Kolumne okay, nicht aber, wenn ein Gegenstand vermeintlich unvoreingenommen untersucht werden soll.

Brünftige Hirsche im Wald

Die Genderforschung, so viel wird recht schnell deutlich, findet Martenstein seltsam, geradezu lächerlich. Damit Leser und Leserinnen gar nicht erst in Versuchung kommen, mit diesem überflüssigen Wissenschaftszweig zu sympathisieren, hat der Autor gleich ein Beispiel parat: Gender-Mainstreaming habe zwar gute Ziele, letztendlich geht es dann aber nur um brünftige Hirsche im Nationalpark Eifel, mit denen Genderforscher_innen_ (auffällig hier die Wahl der weiblichen Form, ist es doch auch recht unwahrscheinlich, dass Männer sich mit solchen dummen Themen beschäftigen würden) ein Problem haben.

Über den Gender-Begriff hat Martenstein sich ein bisschen was angelesen und weiß immerhin, dass es dabei um das „soziale Geschlecht“ geht, also den Einfluss von kulturellen und sozialen Faktoren auf die Entstehung von Geschlechtsunterschieden. Er fragt sich, wo da die Hormone bleiben, denn: „Spielen nicht auch das Hormon Testosteron und die Evolution bei der Mannwerdung eine ziemlich große Rolle? Man hört so etwas oft, wenn man mit Wissenschaftlern redet, die keine Genderforscher sind.“ Weiter gehen die Ausführungen nicht. Wozu braucht man auch Fakten, wenn es doch ohne so schön geht?

Denn Fakt ist: Über die Rolle von Hormonen für die Entwicklung von biologischen Männern und Frauen herrscht alles andere als Einigkeit – selbst bei „seriösen“ Wissenschaftlern, die sich mit anderen Dingen beschäftigen als mit brünftigen Elchen im Park. Darauf kommt Martenstein natürlich mit keinem einzigen Wort zu sprechen, sondern präsentiert lieber nur die Wissenschaftler, die eine klare Anti-Gender-Haltung haben. Simon Baron-Cohen zum Beispiel, seines Zeichens Evolutionsbiologe und Cousin von Ali G bzw. Borat alias Sasha Baron-Cohen. Martenstein schreibt:

bq. Der Evolutionsbiologe Simon Baron-Cohen […] hat die Reaktionen von Neugeborenen erforscht, da kann die Gesellschaft noch nichts angerichtet haben: Mädchen reagieren stärker auf Gesichter, Jungen auf mechanische Geräte.

Ist das so? Tatsächlich weisen Vertreter des Biologismus (zu denen ich Martenstein bisher nicht unbedingt zählte) immer auf die Säuglings- und Kinderforschung hin – schließlich kann man hier soziale Faktoren ausschließen. Elizabeth Spelke, Fachfrau für die Kognition von Kindern und Professorin an der Harvard-Universität, hat die von Martenstein erwähnte Studie gründlich untersucht. Baron-Cohen zufolge sind weibliche Gehirne einfach so angelegt, Beziehungen zu anderen zu knüpfen, männliche hingegen darauf, mit Systemen zu arbeiten statt mit Menschen. Spelke kritisiert, dass es sich bei diesem Experiment um ein einzelnes, isoliertes handelte. Es wurde unsauber durchgeführt und steht im Gegensatz zu zahlreichen anderen Studien, die sich ebenfalls mit solchen Aspekten der Kognition beschäftigten und die keinerlei Unterschiede zwischen dem männlichen und dem weiblichen Gehirn feststellen konnten. Die Studie wurde mehrfach wiederholt, ohne dass dabei das von Baron-Cohen festgestellte Ergebnis herausgekommen ist. Vielleicht hätte Harald Martenstein mal einen Blick in Cordelia Fines lesenswertes Buch „Die Geschlechterlüge“ werfen sollen, in dem die Autorin wissenschaftlich (!) Studien und Untersuchungen analysiert, die sich mit Fragen von Gender und Biologie beschäftigen. Und dabei oft feststellt, dass Studien unsauber durchgeführt wurden oder ihre Ergebnisse sich in anderen Studien nicht bestätigen.

„Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“

Im ganzen Martenstein-Text wird hingegen der Eindruck erweckt, allein Gender-Forscher und –Forscherinnen würden nie wissenschaftlich arbeiten und seien generell unglaubwürdig. Dazu lässt sich sagen: Die Genderforschung ist ein recht neuer Wissenschaftszweig, der noch dabei ist, sich zu professionalisieren, seine Methodik zu entwickeln. Die Kommunikationswissenschaften zum Beispiel brauchten in Deutschland Jahrzehnte, bis sie als Wissenschaft halbwegs anerkannt waren. Wissenschaft ist ein Prozess, keine Wissenschaft ist von Anfang an perfekt. Und wie der Fall der populären Baron-Cohen-Studie zeigt, arbeiten auch „seriöse“ Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nicht immer unbedingt fehlerfrei. Der größte Vorwurf, den Martenstein der Genderforschung jedoch macht, ist der, dass sie „bestens belegbare Erkenntnisse der naturwissenschaftlichen Geschlechterforschung“ ablehnt. Da Martenstein offensichtlich auch besagte Studie von Simon Baron-Cohen zu diesen „bestens belegbaren“ Erkenntnissen zählt, ist fraglich, wie belegbar die anderen Studien sind, auf die er sich in seinem Text bezieht. Und könnte man der Wissenschaft nicht allgemein den Vorwurf machen, dass sie sich zu oft auf eine Meinung versteift, ohne neue Erkenntnisse anzuerkennen?

Natürlich muss Kritik erlaubt sein, gerade auch an einer jungen Disziplin wie den Gender Studies. Nur so kann sie besser, wissenschaftlicher werden. Die Martenstein’sche Aufteilung in „unseriöse“ Wissenschaften (Genderforschung) und „seriöse“ Wissenschaften (alles andere) ist jedoch unfair und negiert vor allem, dass es über die Rolle der Biologie für die Entwicklung von vermeintlich geschlechtstypischen Eigenschaften tatsächlich eine interdisziplinäre wissenschaftliche Diskussion gibt. Die ist aber natürlich kompliziert, da greift man doch lieber zu „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“. Oder, wie Martenstein glaubt, „Warum Mann besser den Kofferraum belädt, während Frau noch schnell ein Gespräch mit einem schwierigen Handwerker führt, bevor es in den Urlaub geht“. Denn aus seinen umfangreichen Recherchen zieht Martenstein letztendlich das erhellende Fazit, dass Frauen und Männer in einigen Bereichen gleich, in anderen verschieden seien. Wer hätte das gedacht?

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