Der Mensch kann nicht in einem einzelnen Lebensbereich recht tun, während er in irgend einem anderen unrecht tut. Mahatma Gandhi

Oh, Mann

Wie kann moderne Gleichstellungspolitik aussehen? Das fragt Markus Theunert in seinem neuen Buch – und entlarvt dabei augenscheinlich pro-feministische Männer als Saboteure der Emanzipation.

Um den Mann an sich scheint es momentan nicht gut bestellt zu sein. Hanna Rosin sagt in ihrem viel beachteten Buch sein Ende voraus, die „Zeit“ befand 2012, Frauen würden in der Politik nun den Ton angeben. Der Mann, so hört man überall, befindet sich in der Krise, neue Bilder von Männlichkeit werden dringend gesucht. Brauchen wir, wie Ina Deter es in einem Song fordert, tatsächlich „neue Männer“? Wann ist der Mann ein Mann?

Einer, der sich seit Jahren mit dieser Frage beschäftigt, ist Markus Theunert. Berühmtheit erlangte der Schweizer, als er vom Kanton Zürich zum weltweit ersten staatlichen Männerbeauftragten ernannt wurde – und diesen Job nur drei Wochen später wieder los war. Als Präsident des Dachverbands Schweizer Männer- und Väterorganisationen ist Theunert weiter aktiv in Sachen Gleichstellungspolitik und hat genau zu diesem Thema nun ein Buch geschrieben. „Co-Feminismus. Wie Männer Emanzipation sabotieren – und was Frauen davon haben“ lautet der provokante Titel.

Gleichstellungspolitik als reine Frauenförderung

Theunerts kurze Karriere als staatlicher Männerbeauftragter sowie sein langjähriger Einsatz für Jungen-, Männer- und Väterrechte muss man bei der Lektüre des Buches vor Augen haben – stellenweise werden die daraus entstandenen Frustration und Verbitterung doch recht deutlich. Trotzdem schafft er es, größtenteils sachlich zu argumentieren. Er vertritt im Kern drei Thesen. Erstens ist Gleichstellungspolitik zur reinen Frauenförderung verkommen. Zweitens wird diese Art der Gleichstellungspolitik von Männern (den sogenannten Co-Feministen) gefördert, die dadurch tatsächliche Emanzipation sabotieren. Drittens basiert dieser Co-Feminismus auf einer generellen Unsicherheit in Bezug auf Männlichkeitsbilder.

Theunerts Argumentation, Gleichstellungspolitik sei zur reinen Frauenförderung verkommen, ist nicht neu. Auch unter Feministinnen gibt es Diskussionen darüber, wie moderne Gleichstellungspolitik aussehen sollte und welche Rolle Männern dabei zukommen könnte. Richtig ist aber auch: Frauen sind strukturell in vielen Bereichen noch benachteiligt, eine Tatsache, die Theunert nicht leugnet. Die unbedingte Gleichstellung um jeden Preis hält er allerdings für falsch, wünscht sich „Geschlechtergerechtigkeit“ statt „numerischer Gleichheit“. Erfreulicherweise geht er bei seiner Kritik differenziert vor: Statt sich mit Gebrüll auf den Feminismus zu stürzen, der Frauen fördert, wo es geht, und Männer dabei außen vor lässt, stellt der Autor fest, den Feminismus gebe es nicht. Seine Kritik gilt dem „Gleichstellungsfeminismus“, einer „geschlechterpolitischen Haltung, die auf der Prämisse einer umfassenden Benachteiligung der (Hervorhebung im Original) Frauen beharrt“. Damit verbunden ist das Gefühl, immer zu kurz zu kommen.

Auf Augenhöhe begegnen, das muss nicht sein

Es ist diese Art von Feminismus, den Co-Feministen stützen – eine These, die tatsächlich neu ist. Welche Rolle spielen also die Co-Feministen für den Gleichstellungsfeminismus? Theunert schreibt:

Sein innerer Widerspruch ist sein Kennzeichen: Der Co-Feminist findet Gleichstellung eine gute Sache, solange er damit nichts zu tun hat. Er ist sozusagen ein profeministischer Sexist. Aus Indifferenz, Angst oder Kalkül gibt er den Frauenversteher und drückt sich damit erfolgreich vor der Auseinandersetzung mit seinem Mann-Sein. Gleichstellung heißt für ihn Frauenförderung. Mit ihm als Mann – oder den Geschlechterverhältnissen – hat das aber gar nichts zu tun.

„Verbale Aufgeschlossenheit bei gleichzeitiger Verhaltensstarre“ ließe sich dieses Verhalten mit Ulrich Beck passend beschreiben. Die aktuelle Sexismus-Debatte hat so manchen Co-Feministen entlarvt. Männer wie Wolfgang Kubicki sind natürlich für Emanzipation und Frauenrechte, klar, aber Frauen sind für sie nun mal das „schönere Geschlecht“, haben Reize, denen „Mann“ sich nicht entziehen kann. Biology obliges. Auch der Gentleman der alten Schule würde alles für eine Frau tun, ihr in die Jacke helfen, die Tür aufhalten … nur ihr auf Augenhöhe begegnen, das muss doch nicht sein: „Im Kern bleiben die Lippenbekenntnisse patriarchale Überlegenheitsgesten.“

Es ist diese Gleichgültigkeit, durch die Co-Feministen Emanzipation sabotieren und die Theunert am meisten stört. Der Co-Feminist handelt nicht, er bringt sich nicht selbst ein, denn Gleichstellung erlebt er nicht als eigenes, als männliches Anliegen. Das liegt größtenteils am „androzentrischen Unbewussten“, wie Theunert es nennt (ein Begriff, den er anstelle von „Patriarchat“ verwendet und der auf beide Geschlechter anwendbar ist). Dieses weist „dem Männlichen die Fassade der Stärke und dem Weiblichen die Fassade der Schwäche zu“. Der Mann wird zur Norm. Theunert fasst es so zusammen:

Der co-feministische Mann weiß, wie Männer und wie Frauen ticken. Sie sind in seiner Wahrnehmung grundsätzlich andersartige Wesen. […] Der Co-Feminismus ist nicht in der Lage, Männliches und Weibliches wertschätzend zu integrieren. Er ist primär keine Frau und muss zwecks Bestätigung seiner männlichen Identität alles Weibliche von sich fernhalten. Gleichzeitig klafft in ihm wegen dieser Zweiteilung eine tiefe Sehnsucht nach dem ‚Anderen‘, nach ‚Vervollständigung‘, nach einem geradezu mystisch aufgeladenen Weiblichen.

Zwischen Frauenverstehern und Machos

Während jede der beiden ersten Thesen an sich schon diskutierenswert ist, wird bei der dritten aber deutlich, worum es Theunert im Kern geht: das Männerbild. Der Co-Feminist ist für Theunert die Art von Mann, der für sich selbst den denkbar schlechtesten Weg gewählt hat, mit Emanzipation, Feminismus und einem sich ändernden Männerbild umzugehen. Während der „Softie“ sich mit seinem Mannsein kritisch auseinandersetzt, sein Handeln als Mann reflektiert und dabei manchmal übers Ziel hinausschießt (weshalb ihm gerne beschieden wird, ein „Frauenversteher“ und „Warmduscher“ zu sein), betont der „Macho“ sein Mannsein, fühlt sich von gesellschaftlichen Veränderungen eher bedroht. Der Co-Feminist ist so gesehen etwas dazwischen: Frauenversteher nach außen, innen Macho.

Letztendlich ist dieses Verhalten jedoch nur Ausdruck seiner Verunsicherung – womit wir wieder bei der Krise des Mannes angekommen wären. Während Hanna Rosin dieses Szenario lediglich präsentiert, ohne aber nach Ursachen oder gar Lösungsvorschlägen zu suchen, tut Theunert genau das. Zwar vermeidet er es, von einer generellen Krise des Mannes zu sprechen, macht aber deutlich, dass in Zeiten, in denen Rollenbilder sich wandeln, auch über die Rolle des Mannes diskutiert werden muss. Gleiches gilt für die Geschlechterpolitik. Hier klingt Theunert fast schon revolutionär, wenn er schreibt, Geschlechterpolitik sei „fundamentale Systemkritik“ und mehr als nur die quantitative Umverteilung von Macht und Geld. Vor allem müssen bei Geschlechterpolitik auch Männer mitmachen dürfen, Männerinteressen ernst genommen werden – nur so kann laut Theunert ein neuer Geschlechtervertrag ausgehandelt werden.

Dem Vorwurf, er würde anti-feministische Männerpolitik betreiben wollen, versucht Theunert vorzugreifen – was ihm nicht ganz gelingt. Auf der einen Seite grenzt er sich von Männerrechtlern und Maskulisten, die im Feminismus den Grund allen Übels sehen, ab. Andererseits wird an mehreren Stellen deutlich, dass Theunert eher Sympathien für meinungsstarke Anti-Feministen hegt als für vermeintlich schwächliche Pro-Feministen (denn die sind ja im Prinzip nur verunsichert und engagieren sich deshalb feministisch, um sich ihrem eigenen Mannsein nicht stellen zu müssen). Die Dialogbereitschaft, für die Theunert plädiert, scheint bei ihm ein bisschen zu groß zu sein, wenn es um den Dialog mit Männerrechtlern und Maskulisten geht.

Wege aus dem Co-Feminismus

Die Lösung, die Theunert für das Problem des Co-Feminismus vorschlägt, ist letztendlich nicht wirklich überraschend: Männerpolitik. Diese, so Theunert, zeichne sich vor allem durch ihre Dialogbereitschaft aus, sowie durch die Anerkennung der Gleichwertigkeit der Geschlechter und die Geschlechterpolitik als angemessene Methode. Konkret nennt er drei Wege aus dem Co-Feminismus: Perspektivenwechsel (das Anerkennen der eigenen Betroffenheit), Meinungsbildung zu geschlechterpolitischen Fragen (d.h. überhaupt eine Meinung zu haben), Handeln (den Worten dazu passende Taten folgen zu lassen). Neu ist die Erkenntnis nicht, aber dennoch richtig: Der Weg aus der Passivität führt über Aktivität.

Geschlechterpolitik, wie Theunert sie sich vorstellt, ist kein Nullsummenspiel, in dem der eine gewinnt, was der andere verliert. Im Prinzip ist „Co-Feminismus. Wie Männer Emanzipation sabotieren – und was Frauen davon haben“ ein einziger Aufruf zum Perspektivenwechsel. Die Frage ist, ob es dafür wirklich die Figur des Co-Feministen braucht. Vielmehr wirkt die Figur wie ein Kunstgriff, um das eigentliche Anliegen Theunerts (Absage an die frauenzentrierte Gleichstellungspolitik und festgefahrene Bilder von Männlichkeit) noch deutlicher zu machen. Das ist ein bisschen schade, denn Theunerts Buch liefert auch so genügend Denkanstöße. Allerdings: Es bleibt der fahle Beigeschmack, dass emanzipierte Männerpolitiker à la Theunert sich im Zweifelsfall eher mit Maskulisten und Männerrechtlern an einen Tisch setzen würden als mit Pro-Feministen. Denn wann der Mann ein Mann ist, wissen Letztere ja offensichtlich nicht.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Julia Korbik: Das A-Wort

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