Nur Gott kann ohne Gefahr allmächtig sein. Alexis de Tocqueville

Hauptsache Brüste

Die Aktivistinnen von Femen ziehen sich aus, überall und immer. Wogegen sie protestieren, ist ihnen egal – und welcher Mittel sie sich dabei bedienen, offensichtlich auch.

Überall Benedikt XVI., der bald wieder Joseph Ratzinger sein wird. Papst, Papst, Papst – und mittendrin ein paar langhaarige, halbnackte Frauen. Die Reaktion: Nicht schon wieder.

Ich habe nichts gegen Nackte im Allgemeinen und auch nicht im Besonderen. Gegen Femen, die sich bei jeder Gelegenheit ausziehenden Frauen, habe ich allerdings eine ganze Menge. Das hat zum Teil, aber nicht nur, mit ihrer Nacktheit zu tun.

Dabei fand ich die Idee hinter Femen anfangs gut, die barbusigen Frauen mutig. Denn, das muss gesagt werden: In einem Land wie der Ukraine, wo die Bewegung entstand, eine derartige Form des Protestes zu organisieren, ist nicht ungefährlich. Das Land, in dem Julia Timoschenko immer noch im Gefängnis sitzt, ist nicht dafür bekannt, mit Oppositionellen oder Menschen, deren Meinung der Regierung nicht passt, zimperlich umzugehen. Zudem hat Nacktprotest eine lange Tradition (man denke an die 1968er) und kann tatsächlich dort das Auge auf politische Anliegen lenken, wo es sonst gelangweilt weiterwandern würde (und das ist durchaus im wörtlichen Sinne gemeint). Nacktheit spielt auch in der feministischen Performance-Kunst eine wichtige Rolle, zum Beispiel bei Valie Export. Alles Faktoren, die erst mal für Femen und ihre Form des Nacktprotestes sprechen.

Am Ende der Revolution: das Matriarchat

Dann allerdings las ich ein „Zeit“-Interview mit Alexandra Schewtschenko, einer der Anführerinnen von Femen. Was da stand, lässt einem tatsächlich die Haare zu Berge stehen. Nicht nur stellte Schewtschenko fest, sie als Ukrainerin unterscheide sich vor allem durch ihr Aussehen von deutschen Frauen, denn alle Ukrainerinnen würden nun mal „gut und sexy aussehen“ wollen, das gehöre zur Kultur. Nein, neben der Hoffnung, am Ende der „Revolution“ (welcher?) würde das Matriarchat stehen, sagte sie außerdem voraus, es werde Blut fließen – natürlich das der Männer. Vielen Dank, liebe Alexandra, dass du mal eben alle Versuche, den Feminismus nicht als Kampf „Frauen gegen Männer“ darzustellen, zunichte gemacht hast. Nach der Lektüre des Interviews hielt sich meine Lust, ein Femen-Brustabdruck-Plakat zu erwerben („Leute schreiben uns, dass sie einen Abdruck unserer Brüste haben wollen und bezahlen dafür. Dann bekommen sie ein Plakat zugeschickt.“) in engen Grenzen.

Vielleicht waren die Brust-Plakate ja die Idee des PR-Managers, den Femen angeblich beschäftigt:

[…] in jedem Fall ist der Umgang der Gruppe mit den Medien auffallend professionell. Das kommt nicht von ungefähr, weiß Kyryl Savin: „Die Mädchen haben sehr gute PR-Manager. Übrigens alles Männer.“ Einer von ihnen komme aus dem Showbusiness und plane die medienwirksamen Aktionen mit den Mädchen. „Sie protestieren nicht für Passanten, sondern für die Kameras, alles ist mehr oder weniger Schauspiel. Sogar die Miliz weiß das schon.“ Auf das angebliche PR-Management angesprochen, weicht Aktivistin Inna aus: „Dass wir einen PR-Manager haben, stimmt so nicht. Alles, was wir tun, ist die Arbeit der gesamten Gruppe.“

Eindeutig uneindeutig also. Ziemlich eindeutig ist hingegen, dass Femen eher wenig Unterstützung in der feministischen Szene genießt. Femen selbst hat die passende Erklärung natürlich parat, man kämpfe eben auf andere Art als andere Feministinnen, das ließe sich als „New Feminism“ bezeichnen. Aha, die feministische Szene kann also diese progressive Art des Feminismus einfach nicht nachvollziehen. Der oben bereits zitierte Kyryl Savin, Büroleiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Kiew, sieht das anders: Femen geht seiner Meinung nach „nicht in die Tiefe“, in Diskussionen würde sich schnell herausstellen, dass die Aktivistinnen „nicht Bescheid wissen“.

Sexindustrie und Faschismus sind ein und dasselbe

Bescheid zu wissen scheinen die Femen-Frauen tatsächlich nicht – denn ohne einen Anfall geistiger Umnachtung oder absoluter Ahnungslosigkeit lässt sich diese Aktion nicht erklären. Um gegen Sexarbeit in Hamburg zu protestieren, zogen Aktivistinnen von Femen Germany durch die dortige „Bordellstraße“, die Herbertstraße. Wenig erstaunlich: Die Oberkörper der Frauen waren dabei nackt. Sehr erstaunlich: Die Frauen hatten die Tore, mit denen die Herbertstraße abgeschlossen ist und die von den Nazis installiert wurden, mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“ versehen. „Das ist ein Genozid an Frauen, was hier passiert.“ Dass Sexindustrie und Faschismus für sie ein und dasselbe ist, machte die Femen-Gruppe dann auch noch mit Plakaten deutlich, auf denen „sexindustry is fascism“ stand. Was genau hat Femen sich dabei gedacht? Eigentlich sollte heutzutage jedem bewusst sein, dass jedwede Analogie zum Holocaust unangebracht ist. Finden die Femen-Frauen natürlich nicht. In einem Interview erklärte Aktivistin Irina Khanova: „Außerdem wurden in KZs Menschen zerstört und die Prostitution zerstört auch die Seelen der Menschen.“

Der Vorfall hat mich weniger schockiert als fassungslos gemacht. Wobei – eigentlich war ich gar nicht so überrascht, ist Femen doch, wenn es um Mittel und Anlass des Protestes geht, nicht wählerisch. Ob Fußball-EM, Papst-Rücktritt, Karneval in Rio de Janeiro, IKEA oder Berlinale … Der Anlass ist schon fast egal und der Femen-Protest damit beliebig geworden. Wem nützt Protest, wenn keiner weiß, wogegen protestiert wird? Es drängt sich außerdem der Eindruck auf, die Femen-Aktivistinnen hätten sich erst die Form ihres Protests überlegt (nackte Brüste) und dann geschaut, wogegen man denn damit so protestieren kann. Hauptsache Brüste.

Auffällig ist außerdem, dass nahezu alle Femen-Frauen schlank, langhaarig und gutaussehend sind. Der Aufruf auf der Femen-Webseite „Come out, Go topless and Win!“ bezieht sich also offenbar nur auf einen bestimmten Typus Frau. Matriarchat ja, bei den Vorreiterinnen muss aber der Körperfettanteil stimmen.

Femen als feministischer Protest taugt nichts

All diese Berichte, Impressionen, Fakten fügen sich zu einem – zumindest für mich – doch sehr harmonischen Gesamtbild zusammen: Femen als politischer, explizit feministischer Protest taugt nichts. Nicht das Anliegen steht im Vordergrund, sondern die weibliche Brust. Dem Feminismus, für den die Aktivistinnen angeblich eintreten, erweisen sie so einen Bärendienst. Außer kruder Slogans („Sexindustry is fascism“), den immer gleichen nackten Protesten und seltsamer Ansichten über Männer (die wollen Frauen nämlich per se versklaven) hat Femen aus feministischer Sicht nicht viel zu bieten – und scheint das auch gar nicht zu wollen. Durchdachte Beiträge zu aktuellen Diskussionen? Eine Ansage, wofür Femen wirklich steht („SEXTREMISM“ zählt für mich als Agenda nicht so richtig)? Fehlanzeige. Trotzdem fragen sich vermutlich viele (Frauen und Männer): Warum kann feministischer Aktionismus nicht immer so sein, so bunt, provokant und sexy?

Ganz ehrlich: Wenn Femen das ist, was bei dem Wunsch nach einer solchen Art des Aktionismus rauskommt, verzichte ich liebend gerne.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Julia Korbik: Das A-Wort

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