Wirkliche Demokratie gibt es im Kapitalismus ebenso wenig wie in der DDR. Sahra Wagenknecht

Mythos Bullerbü

Wenn ein Tag alles verändert: In ihrem neuen Roman erzählt die schwedische Autorin Maria Sveland die Geschichte eines Missbrauchs. Konsequent und düster.

Julia hasst die Stille. „Ich mag Geräusche“, sagt sie. Denn wenn es still ist, passieren schreckliche Dinge. Dinge, über die Julia nicht sprechen möchte, nicht einmal mit ihrer besten Freundin Emma. Die beiden 13-Jährigen wachsen im Schweden der 1980er-Jahre auf, Julia in einer unterkühlten Familie mit Mutter, Vater und Bruder, Emma bei ihrer alleinerziehenden, warmherzigen Mama Annika. Doch ein heißer Sommertag wird alles ändern, Dinge an die Oberfläche schwemmen und den kleinen Ort, in dem die Mädchen leben, zum Brodeln bringen.

Distanz statt liebevoller Gesten

Bereits in ihrem Debütroman „Bitterfotze“ (2007) nahm Autorin Maria Sveland die Bilder vom pittoresken Astrid-Lindgren-Schweden und warf sie mit Karacho an die Wand. Wer hinter die Kulissen von Bullerbü blickt, entdeckt Schreckliches – das gilt noch viel mehr für „Häschen in der Grube“, Svelands neuen Roman. Der beginnt beschaulich: Es ist Sommer, Emma und Julia spielen im Wald. Doch dann begegnen sie dort einem Exhibitionisten samt seinem steifen „Rhabarber“ und nichts ist mehr, wie es vorher war. Zwar zögern die Mädchen nicht, attackieren den „Rhabarbermann“ mit Schokoladenpudding und brechen ihm die Nase – doch wie sich zeigen wird, lassen sich andere Männer nicht so leicht vertreiben. Und die Männer in Svelands Schweden verachten Frauen. „Ihr seid bloß zwei jämmerliche Fotzenmädchen“, schreit der Exhibitionist Emma und Julia hinterher. Und Julias Vater Carl schleudert seiner Frau Gisela entgegen: „Herrgott noch mal, kannst du nicht mit deinem kompensatorischen Gebrabbel aufhören?“

Carl ist ein distanzierter und kalter Mann, der für Gisela nichts als Verachtung übrig hat. Die wiederum flüchtet sich in Putz- und Schminkorgien. Bei Julia zu Hause wird nie gelacht, gibt es keine liebevollen Gesten. Außer der, dass Carl seine Tochter gerne mal mit in die neu gebaute Sauna nimmt. Julia ist viel lieber bei Emma zu Hause, wo Annika Rotwein trinkt und laut Musik hört. Dort fühlt Julia sich geborgen – bei Carl und Gisela nicht, vor allem nicht bei Carl.

Der Leser ahnt von Anfang an, was mit Julia los ist. Die tiefen Ränder unter den Augen, ihre Apathie, das ständige Betteln, Emma möge doch bei ihr übernachten. Ungefähr nach der ersten Hälfte des Romans scheint sich dann alles zum Besseren zu wenden: Carl fliegt auf, seine Frau und die beiden Kinder ziehen erst mal zu Annika und Emma. Der Kindesmissbrauch wird angezeigt, Julia muss endlich keine Angst mehr haben. Vorerst. Doch Maria Sveland lässt ihre Protagonistinnen nicht zur Ruhe kommen, keine einzige von ihnen. Nicht Emma, die sich zum ersten Mal verliebt hat. Nicht Annika, der ihr Einsatz für Julia noch zum Verhängnis werden wird. Nicht Gisela, die sich zwar von Carl getrennt hat, dann aber eine Dummheit begeht und im Gefängnis landet. Und am allerwenigsten Julia, die sich immer öfter ins „Mondland“ zurückzieht, passiv und unfähig, ins Leben zurückzufinden.

Mit dem System kann etwas nicht stimmen

Schweden mag als fortschrittliches Land gelten. Wer die Bücher von Maria Sveland liest, weiß, das stimmt nicht. In der ihr eigenen, klaren Sprache seziert sie die schwedische Gesellschaft, Bullerbü stürzt in sich zusammen. Dass die „Häschen in der Grube“-Protagonisten zu Beginn doch stark eindimensional angelegt sind, lässt sich verschmerzen, steht doch jeder Einzelne von ihnen ganz im Dienste der Botschaft. Wovon Sveland erzählt, sind nicht nur tragischen Einzelfälle, denn das Private ist politisch, es hat gesellschaftliche Relevanz. Was im Mikrokosmos passiert, hat Auswirkungen auf den Makrokosmos. Mit dem System kann etwas nicht stimmen, wenn Täter ungeschoren davonkommen und Opfer ihre Lebensgrundlage – nicht nur im materiellen Sinne – verlieren. Wenn jeder Versuch, eine Vergewaltigung anzuzeigen, zum endlosen Kampf mit den Behörden wird. Svelands Botschaft ist düster und hoffnungslos, aber notwendig. Denn „Häschen in der Grube“ wird man nach dem Lesen nicht einfach zur Seite legen können. Die Bilder bleiben – genauso wie das Gefühl, dass etwas schiefläuft. Gründlich.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Julia Korbik: Das A-Wort

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