Unter Männern

Julia Korbik24.11.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Völlig zu Recht fordert der Verein Pro Quote mehr Frauen in der Jury des Henri-Nannen-Preises. Denn: Männer nehmen meist nur Männer als relevant wahr. Genau wie 2006 und 2007 war dieses Jahr keine einzige Frau unter den Preisträgern.

Am Dienstag war ich tatsächlich erstaunt. Auf „Spiegel Online“ musste ich “in einem Artikel”:http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/pro-quote-kritisiert-zusammensetzung-der-henri-nannen-preis-jury-a-868197.html lesen, dass in der “Jury”:http://www.henri-nannen-preis.de/hauptjury.php, die jährlich den Henri-Nannen-Preis vergibt, nur vier von 15 Juroren weiblich sind. Der Verein „Pro Quote“, der auch eine 30-prozentige Quote in den Medien fordert, kritisiert das heftig. Zu Recht. Viel erstaunlicher aber fand ich die Textstelle, in der es um die diesjährige Verleihung (im Mai) ging: In fünf Kategorien wurden 17 Journalisten ausgezeichnet – darunter keine einzige Journalistin. Auch die Preise in den zwei Spezial-Kategorien „Lebenswerk“ und „Pressefreiheit“ gingen an Männer.

Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis

Interessanterweise vergibt ausgerechnet der „Stern“ zusammen mit Gruner + Jahr den Preis. Jener „Stern“, der sich neuerdings für Frauen starkmacht und sich selbst zur Einführung einer Frauenquote verpflichtet hat. Chefredakteur Andreas Petzold sitzt sogar in der Jury. Die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis könnte also nicht größer sein: Auf der einen Seite hält der „Stern“ Journalistinnen offenbar für genauso gut wie deren männliche Kollegen und ist gewillt, sie deshalb zu fördern. Auf der anderen Seite scheint man aber der Meinung zu sein, dass es in Deutschland keine auszeichnungswürdigen Journalistinnen gibt.

Abgesehen davon, dass keine Journalistin in einer der fünf Kategorien gewonnen hat, standen auch nur vier Frauen überhaupt auf der “Nominierungs-Liste”:http://henri-nannen-preis.de/reportage_2012.php – dafür 26 Männer. Der Blick zurück ist ebenso unerfreulich: Seit 2005, als der Henri-Nannen-Preis das erste Mal vergeben wurde, haben ihn nur zehn Frauen erhalten. 2006, 2007 und 2012 waren gar keine Journalistinnen unter den Preisträgern. Wie kann das sein?

Frauen sind auf dem Vormarsch – theoretisch

Alexander Görlach hat ja schon vor Monaten in einem Beitrag “über die Frauenquote in den Medien”:http://www.theeuropean.de/alexander-goerlach/11513-zielsetzung-der-frauenquote sehr richtig geschrieben: „Es gibt mehr Hochschulabsolventinnen als -absolventen (nahezu überall die Voraussetzung, um festangestellt journalistisch arbeiten zu können), bei den Bewerbungen an den Journalistenschulen liegen Frauen vorne.“ Görlach benutzt diese Fakten allerdings, um seine These zu belegen, eine Frauenquote in den Medien sei unnötig, weil sich das Problem demografisch lösen würde. Frauen bilden ja aber nun nicht erst seit gestern die Hälfte der deutschen Bevölkerung, demografisch hat sich da bisher nichts von selbst geregelt. Sonst würden die Scharen an Frauen, die jedes Jahr ihren Abschluss an einer der Journalistenschulen machen, doch öfter auftauchen, genauso Preise abräumen wie ihre männlichen Kollegen. Denn eines ist doch wohl klar: Auch wenn der Henri-Nannen-Preis anderes suggeriert, sind Männer nicht die besseren Journalisten. Sie sind auch nicht die schlechteren Journalisten. Sie haben aber den Vorteil, dass sie in deutschen Chefredaktionen das Sagen haben, sind sie dort doch quasi unter sich.

Es geht hier nicht um eine Quote für den Henri-Nannen-Preis in dem Sinne, dass eine bestimmte Anzahl von Frauen den Preis bekommen muss. Der Verein „Pro Quote“ konzentriert sich stattdessen sehr richtig auf die Zusammensetzung der Jury, die bisher fast nur mit Alphamännern à la Giovanni di Lorenzo und Helmut Markwort bestückt ist. Wobei man di Lorenzo zugestehen muss, dass er Worten tatsächlich Taten folgen ließ und jüngst zwei seiner Redakteurinnen in Führungspositionen beförderte. In einer Jury, die einen der wichtigsten Journalistenpreise des Landes vergibt – ein Land, in dem Frauen die Hälfte der Bevölkerung stellen und im Jahr 2005 immerhin 37 Prozent der Journalisten weiblich waren – sollten Frauen angemessen repräsentiert sein. Denn für die Presse gilt, was eine der bekanntesten deutschen Bloggerinnen, Anne Roth, “über die Blogosphäre und männliche Alphablogger sagt”:http://www.cafebabel.de/article/34826/politik-bloggerinnen-deutschland-frankreich.html: „Als relevant wahrgenommen werden fast durchgängig Männer. Das sagt aber mehr über die Relevanz-Kriterien aus als über die Blogs. Und über das Selbstbewusstsein der Männer, die weniger Schwierigkeiten damit haben, sich wichtig zu nehmen.“

Nicht nur Männer produzieren preiswürdige Texte

Was nicht heißen soll, dass es nicht auch Frauen gibt, die sich wichtig nehmen. Bei vier Frauen in einer Jury von 15 Personen werden Journalistinnen – die gerne auch mal Frauen in den Medien wichtig nehmen wollen – es bei diesen Ausgangsvoraussetzungen allerdings schwer haben. Natürlich bedeuten mehr Frauen in der Jury nicht automatisch, dass dann mehr Frauen Preise bekommen. Aber zumindest haben gute Journalistinnen so mehr Chancen, bemerkt und für ihre Arbeit ausgezeichnet zu werden. Denn dass in Deutschland allein Männer preiswürdige Texte produzieren – das ist eher unwahrscheinlich.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Terror von Links wird nicht bekämpft

Nach den linksterroristischen Ausschreitungen an Silvester war Leipzig-Connewitz in aller Munde und vor allem in den Schlagzeilen. Dabei ging nicht nur unter, dass es bundesweit Ausschreitungen mit Angriffen auf Polizei und Rettungskräfte gegeben hat, sondern dass auch die Thomaskirche in Leipzig d

Die USA praktizieren den Terror

US-Präsident Trump will keinen Frieden im Nahen Osten, sondern Krieg. Aber selbst in deutschen Medien wird die gezielte Tötung des iranischen Generals Soleimani mit dem Kampf gegen den Terror gerechtfertigt. Eine besonders dreiste Lüge.

Warum bleibt die FDP so schwach?

Zu Beginn des Jahres 2020 wird in der Innenpolitik heftig über das Werben von CSU-Chef Markus Söder für einen Umbau der Bundesregierung debattiert. Über die verhaltene Reaktion der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer. Und über die Forderung des neuen SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borj

„Kosten- und Programm-Exzesse der öffentlich-rechtlichen Sender spalten die Gesellschaft“

Die konservative Basisbewegung innerhalb der CDU/CSU setzt sich dafür ein, die Finanzierung und Programmgestaltung der öffentlich-rechtlichen Sender wieder auf deren Kernaufgaben zurückzuführen.

Die Bundesregierung muss Donald Trump die Gefolgschaft verweigern

Dritter Tag im neuen Jahrzehnt und ein Krieg mit gigantischen Folgen droht. Die US-Morde an dem Kommandeur der iranischen Quds-Brigaden Qassem Soleimani und dem Vizekommandeur der irakischen Volksmobilmachungskräfte (PMF) Abu Mahdi al-Muhandis sollen offenbar einen US-Krieg gegen den Iran vom Zaun

Frau Merkel, treten Sie endlich zurück

Vera Lengsfeld hat einen offenen Brief an die Kanzlerin geschrieben. Und bemerkt: "Alle Fehler ihrer Kanzlerschaft aufzuzählen würde den Rahmen dieser Ansprache sprengen. Deshalb seien nur die verheerendsten genannt." Welche es sind, lesen Sie hier.

Mobile Sliding Menu