Viel Gesang um nichts

von Julia Korbik28.04.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Medien

Selbst wenn man den aktuellen politischen Kontext ausblendet, ist und bleibt der Eurovision Song Contest eine politische Veranstaltung. Fast alle Länder nutzen die Bühne zur Selbstdarstellung – und werden darin immer besser.

Der Eurovision Song Contest (ESC) ist völlig unpolitisch, schon klar. Zwar findet der Wettbewerb dieses Jahr in Aserbaidschan statt, wo Menschenrechte mit Füßen getreten werden und der Alijew-Clan mit nahezu diktatorischen Allmachten regiert – das möge man aber bitte im Geiste dieses fröhlichen Gesangswettbewerbs verdrängen. Immerhin schloss ARD-ESC-Beauftragter Thomas Schreiber aus, nach Minsk zu reisen, sollte Weißrussland je den ESC gewinnen. Ein Sangeswettbewerb in einer „reinen Diktatur“? Also, da hört der Spaß aber auf!

Lovely Lena, lovely Deutschland

Die Hartnäckigkeit, mit der ARD-Verantwortliche und Organisatoren des Events dessen politische Dimension leugnen, ist erstaunlich. Natürlich, in den ESC-Regeln heißt es ganz deutlich: „Texte, Ansprachen und Gesten politischer Natur sind während des Contests untersagt. Dies gilt ebenso für Texte oder eine Bühnenshow, die den Wettbewerb allgemein in Misskredit bringen könnten.“ Der ESC, so sehen es die Verantwortlichen, ist ein Wettbewerb der Mitgliedstaaten der Europäischen Rundfunkunion (RBU, European Broadcasting Union). Blendet man den aktuellen Kontext aus, nämlich dass Aserbaidschan nicht so viel von einer „reinen Diktatur“ unterscheidet, ist es trotzdem naiv anzunehmen, der Wettbewerb könnte tatsächlich unpolitisch vonstatten gehen. Die Künstler der verschiedenen Länder brauchen nicht einmal T-Shirts mit politischen Slogans oder bedeutungsvolle Texte, um ihre Botschaft loszuwerden. Sie selbst sind die Botschaft. So suchte Deutschland 2010 wochenlang nach dem nächsten ESC-Teilnehmer. Es gewann bekanntermaßen Lena Meyer-Landrut: jung, hübsch, nicht ganz blöd und dann auch noch mit einem Lied, welches von einem internationalen Komponisten-Team geschrieben wurde! Lena war so, wie Deutschland gerne wäre, andere Länder es aber nie sehen, nämlich lässig, cool und sich selbst nicht ganz ernst nehmend. „Satellite“, der spätere Siegersong, handelte davon, dass Lena sich für ihren Schwarm sogar ihre Haare schön gemacht hat. Die Botschaft kam trotzdem an: Nicht nur Lena, auch Deutschland ist lovely. Dieses Jahr darf Roman Lob das Mikro in die Hand nehmen und wieder ist die Aussage klar: In der Euro-Krise schwingt die eiserne Kanzlerin zwar streng das Zepter – aber mal ehrlich, angesichts der Lob’schen Rehaugen muss der Rest von Europa doch einsehen, dass die Deutschen an sich so fies gar nicht sein können.

Eine gern genutzte Bühne

Niemand lässt die Chance ungenutzt verstreichen, sich beim ESC möglichst vorteilhaft zu präsentieren. Besonders professionell gehen dabei ehemalige Ostblockstaaten vor, u.a. Aserbaidschan: Bereits beim ESC 2010 landete Safura mit „Drip Drop“ auf einem der vordersten Plätze. Genau wie der Siegersong 2011, „Running Scared“ von Ell&Nikki, handelte es sich dabei um ein aufwendiges und perfektioniertes Poperzeugnis, internationale Produzenten und Songschreiber hatten ihre Finger im Spiel. Auch Russland hatte bereits auf dieses erfolgreiche Konzept gesetzt und ließ 2008 Dima Bilans Siegertitel vom amerikanischen Hip-Hop-Produzenten Timbaland produzieren. Die Frage ist: Wozu der ganze Aufwand, wenn der ESC doch sowieso völlig unpolitisch und eine reine Spaßveranstaltung ist? Eben, er ist es nicht. Früher, da mag das mal so gewesen sein, als vermutlich nur die Jurymitglieder eines jeden Teilnehmerlandes die Veranstaltung verfolgten. Doch mit der Zeit wurde der ESC immer populärer – und somit zur gern genutzten Bühne. Aserbaidschan hat das begriffen und, um auf Herrn Schreiber zurückzukommen, vielleicht auch bald Weißrussland. Womit der ESC endgültig in der politischen Realität angekommen sein dürfte.

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