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Ohne Handwerk und ohne Mittelstand geht es „Made in Germany“ an den Kragen

Julia Klöckner24.11.2022Medien, Politik

Qualität, Präzision, Verlässlichkeit: Unser deutsches Handwerk ist weltweit genau dafür bekannt. Sollte das Etikett „Made in Germany“ anfangs abschrecken – die Herkunftsbezeichnung wurde 1887 vom britischen Parlament vorgeschrieben, um „minderwertige“ Waren aus deutscher Industrieproduktion kenntlich zu machen als „billig und schlecht“ –, wandelte es sich im Laufe der Zeit zu einem anerkannten Qualitätslabel mit Tradition und zum Anfassen. Ohne Handwerk wird es auch nichts mit dem Erreichen mancher politischen Ziele: Weder Energiewende noch Digitalisierung gelingen ohne das Handwerk. Keine einzige Solaranlage wäre sonst installiert, keine einzige Glasfaserleitung verlegt. Von Julia Klöckner

CDU Rheinland-Pfalz

Unser Handwerk bezeichnet sich als „Wirtschaftsmacht von nebenan“ und das zu Recht: Über einer Million Handwerksbetriebe mit rund 5,6 Millionen engagierten Menschen erzielen einen Gesamtumsatz von rund 668 Milliarden Euro. Nicht das Studium alleine, sondern gerade das Handwerk bietet heute interessante berufliche Perspektiven, dafür stehen etwa 360.000 Auszubildende.

Familienunternehmen, die ihr Know-how von Generation zu Generation weitergeben trotzen globalen Auf und Abs. Regional verwurzelt und gesellschaftlich und sozial engagiert. Sportverein, Brauchtum, Kirche, Jugendarbeit, Feuerwehr, Kammerwesen – Handwerk geht meist mit Ehrenamt einher. Kurzum: Das Handwerk ist ein stabilisierender Anker vor unserer Haustür.

Und das ist umso bedeutender in Krisenzeiten. Erst Corona, jetzt die Energiekrise – unser Land geht durch schwere Zeiten.

Auf weltpolitischer Bühne ist Solidarität und Unterstützung gegenüber der Ukraine gefragt. Die Politik ist aber auch gefragt, konkrete Antworten auf die wirtschaftlichen Folgen des Ukraine-Kriegs in Deutschland zu finden. Steigende Energiepreise und unsichere Energieversorgung, gestörte Lieferketten und Materialengpässe sowie allgemein steigende Preise haben historische Ausmaße erreicht. Über zehn Prozent Inflation und im Durchschnitt etwa 60 Prozent mehr Kosten für Energie sind bislang nicht gekannte Rekordwerte.

Viele sind mit den deutlichen Preissteigerungen überfordert, die Kosten können nicht eins zu eins weitergegeben werden, zahlreiche Existenzen sind in Gefahr – und damit ganze dörfliche und städtische Strukturen.

Laut einer aktuellen Umfrage des Zentralverbands des Deutschen Handwerks sind etwa 60 Prozent der Handwerksbetriebe von Umsatzausfällen durch Kaufzurückhaltung, Stornierungen und Einschränkungen bei der Auftragserfüllung betroffen. Schon jetzt sehen rund 20 Prozent der Betriebe die eigene Liquidität gefährdet. Verschwinden die Handwerksbetriebe, verschwindet mehr als lediglich eine Unternehmensstruktur. Es verschwindet ein Stück Deutschland, ein Stück Bodenständigkeit. Einmal verschwunden, ist es nicht wieder herzustellen per Knopfdruck. Deshalb heißt es jetzt: Vorsorge treffen.

Die aktuelle Krisensituation müssen gerade unsere Mittelständler möglichst unbeschadet überstehen – auch in unser aller Interesse. Wir als Union haben genau dazu konkrete Vorschläge erarbeitet. Statt Ampel-Stückwerk ist ein Gesamtansatz, ein Plan aus einem Guss notwendig. Hierzu gehören insbesondere die konsequente und ideologiefreie Ausweitung des Energieangebots, vor allem die Verlängerung der Laufzeiten der letztverbliebenen Kernkraftwerke bis mindestens Ende 2024, um Preise zu senken, Abhängigkeiten zu reduzieren und die Versorgung zu sichern.

Die schnelle und wirksame Einsetzung einer Gas- und Strompreisbremse, der vollständige und rückwirkende Ausgleich der kalten Progression sowie die schnelle und pragmatische Auszahlung von Zuschüssen gehören ebenso dazu. Pragmatismus statt Bürokratie, Vertrauen statt Misstrauen, Tempo statt Zaudern, Professionalität statt Experimentieren. Unser Staat kann gewiss nicht alle Belastungen auffangen, aber er kann versuchen, diese zielgerichtet und so gut wie möglich abzumildern.

Mit Vorausschau die richtigen Weichen stellen, heißt: Rahmenbedingungen überprüfen und neue setzen, die Betriebe in die Lage versetzen, gerade jetzt mehr zu investieren, innovativ zu sein und Arbeitskräfte einzustellen. Es ist ein Geben und Nehmen: Die Politik hat das ambitionierte Ziel, die Wirtschaft ökologisch und digital zu transformieren – aber ohne eine Stärkung unserer Wirtschaft ist dieses Ziel nicht zu erreichen. Im Gegenteil: Wenn wir kein Rollenvorbild für die Transformation werden, werden wir ein abschreckendes Beispiel. Andere werden diesen Weg nicht mitgehen wollen.

Zentrale Maßnahmen sind der spürbare Abbau von zeitaufwendigen Dokumentationen und Regulierung, zielgerichtete Entlastungen von Steuern und Abgaben, flexible Arbeitsmärkte, leistungsfähige Infrastrukturen sowie eine sichere und bezahlbare Energieversorgung. Über Digitalisierung zu sprechen, ist das eine, sie auch voranzubringen das andere. Und was noch wichtig ist: Die Sicherung von Rohstoffen – aus den eigenen heimischen Vorkommen wie durch Handels- und Rohstoffpartnerschaften.

Die Fachkräftegewinnung muss rasch verbessert werden. Der Arbeitsmarkt steht durch den demographischen Wandel unter Druck, Handwerksberufe sind zudem weniger im Trend als akademische Berufe.

Seit Jahren geht die Zahl der Auszubildenden im Handwerk zurück. Deshalb gibt der aktuelle Anstieg der Auszubildendenzahlen keine Entwarnung. Im Handwerk erleben wir gerade einen akuten Personalnotstand. Qualifiziertes Personal wird dringend gesucht in Bereichen wie Hoch- und Tiefbau, Straßenbau, Ausbaugewerke, Sanitär, Heizung, Elektro, Lebensmittel, Metzger, Bäcker oder Orthopädie- und Rehabilitationstechnik. Es fehlen gut 250.000 Mitarbeiter, mit Folgen: Durchschnittlich liegt die Wartezeit, bis ein Auftrag begonnen werden kann, bei knapp neun Wochen, oftmals aber auch deutlich mehr. Immer wieder hören wir zwar, dass berufliche und akademische Ausbildung gleichwertig seien. Aber de facto sind sie es nicht: Studenten haben Vergünstigungen bei der Krankenversicherung, mit dem Studi-Ticket, bei den Wohnkosten, bei der Mensa. Unsere Azubis brauchen hier klare Anreize und Zeichen, dass wir es wirklich alle ernst meinen.

Es braucht jetzt Entscheidungskraft und Umsetzungsstärke.

Eine zentrale Rolle kommt den Arbeitsagenturen und Jobcentern zu, welche die Unternehmen bei der Einstellung von Personal stärker unterstützen müssen. Attraktivere berufliche Aus- und Weiterbildung, flexible und abschlussorientierte Nach- bzw. Teilqualifizierungen, eine persönlichere und individuellere Berufsorientierung sowie die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind gerade in Krisenzeiten ein Zeichen dagegen. Bei der Fachkräfteeinwanderung haben wir als Union in der vergangenen Legislaturperiode genau die richtigen Gesetze durchgebracht, die den Unternehmen helfen. Jetzt müssen aber auch die Verfahren beschleunigt und die Gesetzesmöglichkeiten angewendet werden.

Stimmen die aktuellen Bedingungen für Handwerk und Mittelstand in Deutschland noch? Lasst sie uns offen hinterfragen. In jeder Krise steckt auch eine Chance. Mit mutigen Richtungsentscheidungen, die sonst nicht denkbar wären, können wir gestärkt aus der Krise hervorgehen. Nutzen wir die Chance. Nutzen wir die Krise und den Druck. Dass wird den Unterschied machen. Für Handwerk, Mittelstand und Deutschland!

 

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