Ein Dummkopf sollte nicht zu viel Raum einnehmen. Bei gleicher Geistlosigkeit kommt es auf den Unterschied der Körperfülle an. Karl Kraus

Abgefrackt

Beim Fracking tritt der Umweltschaden des Rohstoffabbaus besonders deutlich zutage. Anstatt den weltweiten Energiehunger unter hohen Risiken weiter zu stillen, muss also das System überdacht werden.

Betrachtet man das Hydraulic Fracturing (Fracking) unter ökologischen, ökonomischen und ressourcenstrategischen Aspekten, ist das Urteil rasch gefällt. Nur die Senkung der Umweltstandards hat dem Fracking in den USA zu dem überraschenden Boom verholfen. Immer wieder kommt es in den Fördergebieten zu Unfällen; Folgeschäden und Umweltbelastungen geraten mehr und mehr in den Fokus von Behörden und Öffentlichkeit. Darüber hinaus bleiben die realisierten Förderzahlen hinter den Versprechungen zurück, mit denen einst Investoren angelockt wurden. Auch in Deutschland macht sich nach den ersten euphorischen Versuchen Ernüchterung breit. Insbesondere die Politik musste nach massiven Protesten zur Kenntnis nehmen, dass der Beitrag der Risikotechnologie Fracking zur Versorgungssicherheit mit Erdgas als eher gering anzusetzen ist.

Unsichtbare Folgen des globalen Energiehungers

Beleuchtet man jedoch die Motivationslage von Politik und Wirtschaft, überhaupt an der umstrittenen Technologie festzuhalten, wird beim Fracking wie unter einer Lupe ein globaler Trend offensichtlich, der sich durchaus als „Zurückschwappen“ der Globalisierungswelle beschreiben lässt. Zur Erklärung sei zunächst daran erinnert, dass mit dem Export ganzer Industriezweige in Billiglohnländer nicht nur Arbeitsplätze verschwunden, sondern auch die Umweltverschmutzungen dieser Produktionsstätten aus den Bilanzen der entwickelten Welt herausgefallen sind. Wer von der „Werkbank China“ spricht, dem muss auch klar sein, dass die dortige Produktion Ressourcen verbraucht und Ökosysteme zerstört. Ein Teil der Erfolge im europäischen Umweltschutz ist letztendlich auf eine Globalisierung ökologischer Risiken zurückzuführen.

Konsequenterweise hat der weltweite Energiehunger auch nicht abgenommen. Vielmehr erleben wir zurzeit einen Wettlauf um fossile Energiereserven. Energieunternehmen explorieren mit Macht hochriskante Fördergebiete wie z.B. die Polregionen, die Regenwälder Südamerikas und in Deutschland das Münsterland. Und der geplante massive Ausbau der Kernenergie in China und Indien wird auch deshalb benötigt, um den Hunger der entwickelten Länder nach Konsumprodukten zu stillen.

Die Lösung ist nicht Gas, sondern ein Überdenken des Systems

In diesen Prozessen drückt sich folgerichtig eine ökonomische Sichtweise aus, die konsequent auf ein Versagen globaler Energiesparkonzepte und ein rasantes Fortschreiten des Ressourcenhungers setzt. Die Rückkehr der Förderung fossiler Energieträger nach Mitteleuropa entzieht dabei dem Märchen von der sauberen Energie die Grundlage. Konnte man die ökologischen Folgeschäden bisher in den Weiten Sibiriens oder Alaskas noch gut verbergen, sind diese in den dicht besiedelten Regionen der westlichen Hemisphäre nicht mehr vom Tisch zu wischen.

Fracking steht in diesem Kontext symptomatisch für eine Entwicklung, welche in den nächsten Jahren tief greifende soziale, ökonomische und ökologische Veränderungen herbeiführen wird. Wenn es nicht gelingt, den globalen Ressourcenhunger rasch einzudämmen, wird es zu einer rücksichtslosen Ausbeutung aller verfügbaren Rohstoffe kommen, auch in Regionen, in denen sich die Bevölkerung gegen die Zerstörung tradierter Lebensumwelten oder ökologischer Refugien zur Wehr setzt. Halbherzige Maßnahmen werden nicht ausreichen, um die Wucht der von der Peripherie zurückschwappenden Globalisierungswelle zu brechen. Eingriffe tief hinein in die globalen gesellschaftlichen Betriebssysteme sind erforderlich, sollen die wertvollen ökonomischen und ökologischen Welt-Ressourcen nicht in einem finalen Gasrausch verschleudert werden.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jürgen Blümer, Jörn Krüger, Volker Wrede.

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