Wie ehrlich kann man heute noch sein?

Jürgen Rixgens15.08.2018Gesellschaft & Kultur, Medien

„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Auch wenn er dann die Wahrheit spricht.“ Dieser bekannte Kindervers droht damit, dass Lügen hart und lebenslang bestraft werden. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass man mit Ehrlichkeit mehr erreicht. Die Erfahrung der Erwachsenen scheint allerdings eher dagegen zu sprechen, so Jürgen Rixgens.

H6. Der Ehrliche ist der Dumme. Der Lügner wird Präsident.

„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Auch wenn er dann die Wahrheit spricht.“ Dieser bekannte Kindervers droht damit, dass Lügen hart und lebenslang bestraft werden. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass man mit Ehrlichkeit mehr erreicht. Die Erfahrung der Erwachsenen scheint allerdings eher dagegen zu sprechen.

Vor Gericht – und da gilt ja bekanntlich die Wahrheit und nichts als die Wahrheit – sagte 1998 der damalige US-Präsident Bill Clinton über seine Sex-Affäre mit der damaligen Praktikantin Monica Lewinsky: „I did not have a sexual relationship with this woman. “ Das klingt so, als ob er keine sexuelle Beziehung mit der Frau gehabt hätte. Obwohl die Protokolle und Aussagen anderes vermuten ließen, entschied das Gericht: Stimmt. Juristisch gesehen war es keine sexuelle Beziehung.

Wie hätten Sie entschieden? Vermutlich wie die meisten Nichtjuristen: es war gelogen. Trotzdem blieb Clinton Präsident. Und auch heute noch glauben ihm viele. Manche bezahlen horrende Summen für einen Vortrag von ihm und in Befragungen schneidet er als überdurchschnittlich glaubwürdig ab. Trotz seiner Vorgeschichte.

20 Jahre später im Jahr 2018 ist in den USA mit Donald Trump ein Präsident an der Macht, der an einem einzigen Tag 77 Falschaussagen macht. Das zählte Glenn Kessler, einer der großen Pioniere der Fakten-Checker von der Washington Post. Verwunderlich hierbei: derselbe Präsident ist bekannt für den Ausdruck Fake-News – also gefälschte Nachrichten. Das wirft er vor allem den liberalen Medien in den USA vor.

Doch nicht nur in der Politik, auch im Wirtschaftsleben geht es mitunter unehrlich zu. Manche Lebensläufe werden aus Karrieregründen gründlich frisiert. Ein längerer Urlaub nach dem Abitur oder während des Studiums wird dann gern zum Praktikum oder als Forschungssemester aufgeblasen. Und aus den Top-Etagen der Konzerne berichten die Medien häufig von Lügen, Korruption und gefälschten Abgaswerten. Die Wirkung, die von solchen Meldungen ausgeht: viele sagen sich, den Umgang mit der Wahrheit nehmen all die anderen auch nicht so genau. Warum sollte ich das tun? Irgendwie ist doch der Ehrliche immer nur der Dumme. Und wer lügt, wird Präsident.

Die Schlussfolgerung: Wer Erfolg haben will, darf es mit der Wahrheit nicht immer so genau nehmen. Wenn es notwendig ist, also der Karriere dienlich, dann muss man schon mal lügen können. Etwas Anderes zu behaupten, wäre ja auch schlicht weltfremd und moralisierend und würde die Wirklichkeit des Wettbewerbs in der heutigen Zeit außer Acht lassen.
Außerdem könnte man die Argumentation dieser Leute noch erweitern. Denn manchmal muss man ja auch Lügen, um von anderen Schaden abzuwenden. Und dann gibt es ja auch noch Situationen, wo niemand zu Schaden kommt; bei sogenannten Notlügen.

Ist das wirklich so? Gehen wir der Sache auf den Grund und sehen uns an, warum und wie gelogen, die Wahrheit verbogen, die Unwahrheit gesprochen oder nur die halbe Wahrheit erzählt wird. Und was wir tun sollten. Doch zunächst einmal die Frage:

Was ist Wahrheit und Lüge?

Hier soll es nicht um die philosophische Wahrheit oder Wirklichkeit gehen, mit denen sich die antiken Philosophen befassten. Sondern schlicht um den Unterschied zwischen Fakten und Meinungen. Fakten sind nachprüfbar und objektiv. Und können deshalb als wahr oder falsch bezeichnet werden. Meinungen dagegen sind Interpretationen und die sind per se subjektiv.

Bei dem Begriff der Lüge ist zu beachten, ob jemand absichtlich und bewusst oder unbewusst eine falsche Aussage trifft. Ist es unbewusst, dann ist es keine Lüge, sondern eine Falschaussage. So nennt auch Glenn Kessler die Twitter-Meldungen von Donald Trump, die nachweislich falsch sind, keine absichtlichen Lügen, da Donald Trump im Moment der Äußerung vermutlich glaubt, was er twittert oder gegen jemanden wettert.

Richtig interessant wird es allerdings, wenn der Zuhörer etwas glaubt, was falsch ist. Woran liegt das? Hier kommt die besondere Rolle der Zuhörer zum Tragen. Was diese
wahr-nehmen, ist geprägt von deren Erfahrungen, Erwartungen, Werten und Stimmungen.

Die besondere Rolle der Zuhörer: Bestätigungsfehler

Wir hören, was wir hören wollen. Das nennt man in der Psychologie einen Bestätigungsfehler, da wir bestätigt wissen wollen, woran wir bereits glauben. Eine Nachricht, selbst eine falsche, wirkt wahr, wenn sie widerspiegelt, was wir denken. Wir glauben eher, was unsere Sicht der Dinge bestärkt. So sagt beispielsweise Trump seinen Unterstützern, was sie ohnehin hören wollen. Sie glauben nur allzu gern, dass es beispielsweise um die US-Wirtschaft vor der Wahl Trumps schlecht bestellt war. Nach der Wahl hingegen ging es der Wirtschaft plötzlich sehr gut. Es geht hier also um die gefühlte Wahrheit, ausgesprochen von einem Redner, der die gleichen Werte und Einstellungen teilt und deshalb als glaub- und vertrauenswürdig gilt.

Ähnlich gefühlte Wahrheiten bestehen auch bei der gesetzlichen Krankenversicherung in den USA. Für die Befürworter bedeutet sie Schutz vor Risiko. Bei den Gegnern hingegen wird sie als Zwangsabgabe interpretiert. Die empfundenen Wahrheiten beruhen auf unterschiedlichen Wertvorstellungen.

Und unterschiedlich sind auch die Beweggründe für falsche Aussagen.

Wann und warum wird gelogen?

• Als Zeichen des kindlichen Reifeprozesses. Es beginnt in der Kindheit. Ungefähr ab dem dritten Lebensjahr entwickeln Kinder die Fähigkeit zur Lüge. In diesem Alter sprechen Kinderpsychologen davon, dass die Fähigkeit zur Lüge ein wichtiger Schritt in der menschlichen Kindheitsentwicklung darstellt. Sie ist ein Zeichen geistiger Reife. Deutlich mehr geistige Ressourcen werden zudem gebraucht, um unterscheiden zu können, etwas Wahres oder bewusst etwas Falsches zu sagen. Daraus entwickelt sich der zweite Grund.

• Aus Spaß. Es macht einfach Freude, die Eltern oder die Geschwister mit kleinen Lügen aufs Glatteis zu führen. Allerdings merken die Kinder auch, dass die Eltern ab einem bestimmten Punkt dieses Lügen sanktionieren. Wenn also der kleine Bruder fälschlicherweise beschuldigt wurde, die Tasse Milch umgeworfen zu haben, wird er dafür bestraft. Auch lernt er irgendwann, dass Tassen umwerfen grundsätzlich auch schon bestraft wird. Und so lügt er vielleicht schon wieder.

• Aus Angst vor Strafe. Um dem Missmut der Eltern zu entgehen, versucht er den Unschuldigen zu spielen. Dieses Verhalten setzt sich später auch noch im Erwachsenenalter fort. Aus Angst vor sozialer Ausgrenzung oder aus Scham etwas nicht zu wissen, werden oft Falschaussagen getroffen beziehungsweise gelogen. Auch aus Angst andere zu verletzen, wird mit der Wahrheit oft etwas großzügiger umgegangen. Dazu gehören zum Beispiel falsche Komplimente („Mmmh, das Essen schmeckt wirklich prima, Oma!“). Man könnte natürlich auch sagen, dass aus Höflichkeit bewusst die Wahrheit verzerrt wird. Viele Notlügen laufen nach diesem Schema ab („Schön, Sie zu sehen.“). Aber das ist natürlich wieder eine Frage der Einstellung, der Werte und damit – eine Interpretation.

• Um das Image aufzupolieren. Vor allem Narzissten neigen dazu, ihre eigenen Leistungen zu überbewerten. Sie übertreiben und erfinden Leistungen, die sie nie vollbracht haben, um damit bei anderen Eindruck zu machen.

• Um Schaden von anderen abzuwenden. Vor allem werden aber in sogenannten moralischen Dilemmata Entscheidungen verlangt, die – egal wie die Entscheidung getroffen wird – negative Konsequenzen nach sich zieht. Es geht um ein Abwägen und um die Entscheidung für das vermeintlich kleinere Übel. Meist sind die Fragestellungen theoretischer Natur wie in der Moralphilosophie. Oder es geht im wahrsten Sinne des Wortes um kriegsentscheidende Ziele. Wenn das eigene Siegen oder Verlieren im Vordergrund steht, tritt die Wahrheit in den Hintergrund. Die „Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges”, sagte bereits der Brite Rudyard Kipling, Verfasser des Dschungelbuchs, zu Zeiten der britischen Kolonialkriege. Gezielte Desinformation gehört fast notwendigerweise zum Kriegshandwerk. Die Militärs wollen damit den Gegner verunsichern, die eigenen Truppen moralisch aufbauen und den Krieg vor der eigenen Bevölkerung rechtfertigen.

Außer bei moralischen Dilemmata lassen sich durchaus Ratschläge geben, ohne selbst in ein Dilemma zu geraten, was zu tun ist.

Was tun?

• Als Zuhörer: Prüfe kritisch – vor allem auch die eigenen Überzeugungen

In puncto Wahrheit und Lüge kann man sich auf beiden Seiten wappnen, um angemessen mit der Wahrheit umzugehen.

Zunächst einmal auf der Empfängerseite. Wichtig ist, kritisch zu prüfen und zu hinterfragen, was wir hören und lesen. Nicht nur bei Nachrichten, denen wir ohnehin misstrauen, sondern vor allem bei denen, die unsere Meinung bestärken. Hier besteht sonst die Gefahr des Bestätigungsfehlers. Wir glauben einfach zu gern, was unseren Vorstellungen und unserer Glaubenswelt entspricht. Außerdem sollten wir die Quelle prüfen. Woher genau stammt diese Nachricht? Welche Interessen stecken dahinter? Die wichtige Frage lautet: Qui bono? Also wem nutzt diese Information? Wer hat etwas davon?

Die Beantwortung dieser kritischen Fragen bewahren einen unter Umständen manchmal davor, einer Falschmeldung oder einer Lüge aufzusitzen.

• Als Redner: Walk the talk.

Die Wahrheit zu sagen, genügt nicht. Sie muss auch geglaubt werden. Dabei helfen Erkenntnisse aus Psychologie und Rhetorik. Um bei anderen glaubwürdig und vertrauensvoll wahrgenommen zu werden, ist es wichtig authentisch zu wirken. Für den Zuhörer heißt das, was gesagt wird und wie es gesagt wird, ist widerspruchsfrei. Der Gehalt der Information passt zu seiner Gestalt. Wenn ich jemanden herzlich begrüße, darf ich nicht dreinblicken wie 14 Tage Regenwetter. Mimik, Gestik, Stimme und Inhalt passen zusammen. Dann kommuniziere ich widerspruchsfrei und schaffe Glaubwürdigkeit.

Dazu gehört bei einem kritischen Publikum auch, dass ich deren ‚Wahrheit’ zuerst erwähne und nach Möglichkeit sogar begründe, warum dies sinnvoll sein könnte. Erst dann werde ich meine eigene Meinung zu einem Thema äußern. Der Vorteil: Durch das respektvolle Würdigen der Meinung des Publikums ist es viel eher dazu geneigt, eine neue, andere Meinung zu hören und vielleicht sogar zu akzeptieren.

Bei der gesprochenen Sprache ist es wichtig, einfach und klebrig zu reden. Soll heißen, verständlich, anschaulich und am Ende so formuliert, dass man es sich leicht merken kann. Dazu gehören konkrete Sprache, Bilder, Analogien und Geschichten. Das ist einfacher gesagt als getan, denn unsere Erfahrung ist eine andere. Vor allem an der Hochschule wird einem das einfache Reden nahezu abgewöhnt. Später im Beruf will man Kompetenz zeigen. Das geht vermeintlich am besten mit Fachwörtern, abstrakten Begriffen und Floskeln aus dem Betriebsalltag. Doch die Anstrengung lohnt sich. Wer einfach und bildhaft formuliert, erhöht die sogenannte ‚perceptual fluency’. Das ist die Verarbeitungsgeschwindigkeit beim Aufnehmen von Informationen. Je schneller ich neue Inhalte verstehe, desto eher glaube ich zu verstehen. So entsteht bei mir als Zuhörer leichter das Gefühl der Wahrheit.
Und bei der Wahrheit sollte ich auch immer bleiben. Jeder hat zwar ein Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten. Außerdem: ehrlich zu sein und die Wahrheit so gut wie möglich, also respektvoll auszudrücken, macht das Leben einfacher und weniger anstrengend. Denn dann muss man sich nicht daran erinnern, was man gesagt hat. Als Zugabe erhält man noch ein gutes Gewissen und kann besser schlafen. Und einem ‚ausgeschlafenen Kerlchen’ glaubt man auch eher.

In diesem Sinne: Auf eine ehrliche Rede und einen guten Schlaf.

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