TrĂšs Bonn

von JĂŒrgen Nimptsch7.10.2012Innenpolitik

In Berlin ist die Republik oberflÀchlicher geworden. Zeit, sich an die alte Bundeshauptstadt Bonn zu erinnern.

Die “Talkshow ersetzt den Bundestag”:http://www.theeuropean.de/debatte/11638-politische-talkshows-in-der-ard, die Medienschlagzeile den politischen Diskurs – Politik findet vor den Kameras und Mikrofonen statt. Statt Nachdenken, Gedankenaustausch und Ringen um die besten Lösungen sind Lautsprechertugend und hektische Betriebsamkeit angesagt. Zeit also, sich das in Erinnerung zu rufen, worum es im Kern geht: um unsere Demokratie, um das Kostbarste, was unser Staat uns zu bieten hat. Weil Demokratie Freiheit bedeutet und MenschenwĂŒrde.

Um diese Begriffe ging es, als sich am 1. September 1948 der Parlamentarische Rat in Bonn zu einer konstituierenden Sitzung zusammenfand. Sie galt es mit Inhalt zu fĂŒllen, indem sie in einem Grundgesetz festgeschrieben wurden, auf dem Deutschland seine Zukunft grĂŒnden konnte. Die 65 Frauen und MĂ€nner des Parlamentarischen Rates berieten in einer Stadt, die ebenso vom Krieg zerstört war wie so viele andere deutsche StĂ€dte, deren ĂŒberlebende Bewohnerinnen und Bewohner versuchten, aus den TrĂŒmmern etwas aufzubauen, das tragfĂ€hig war, das ĂŒber den Tag hinausweist. Genau das war auch die Aufgabe des Grundgesetzes.

Demokratie muss immer wieder beatmet werden, sonst erstickt sie

Bonn ist deshalb untrennbar verbunden mit der Entwicklung der Demokratie und Freiheit in der Bundesrepublik. Der Name Bonn steht fĂŒr die friedlichste und stabilste Demokratie auf deutschem Boden. Bonn ist die Stadt unseres Grundgesetzes, das bis heute Vorbild fĂŒr zahlreiche Staaten in aller Welt ist. Von Bonn aus wurde der Ruf nach Freiheit und Demokratie in unserem Land zum Manifest.

Das ist fĂŒr Bonn eine Verpflichtung. Wir wollen auch heute Begeisterung fĂŒr Demokratie ausstrahlen. WĂ€hrend Bonn heute fĂŒr die Bundesrepublik eine neue Rolle als zweites politisches Zentrum und deutsche UNO-Stadt mit 18 Einrichtungen der Vereinten Nationen ĂŒbernommen hat, ist die Stadt zugleich der Ort, an dem das Wachsen und Werden unserer Demokratie sichtbar und erlebbar ist. Hier sollten alle Kinder und Jugendliche unseres Landes mindestens einmal gewesen sein, um anschaulich zu erfassen, wie Demokratie entstanden ist, und zu begreifen, dass man sie schĂŒtzen muss – jeden Tag. Hier kann man begreifen, dass Demokratie nicht selbstverstĂ€ndlich vom Himmel fĂ€llt, sondern immer wieder neu belebt und beatmet werden muss, weil sie sonst erstickt und stirbt.

Anschauungsobjekte fĂŒr das Gelingen einer Demokratie gibt es in Bonn reichlich. Wer die StĂ€tten der „Bonner Republik“ besuchen möchte, braucht sich nur auf den „Weg der Demokratie“ zu begeben, einen Rundgang zu den Orten und GebĂ€uden, von denen aus 50 Jahre lang unser Land gestaltet wurde, ehe die Öffnung der Mauer und der Einigungsvertrag die politisch-geografische Landkarte unseres Landes verĂ€nderte und Berlin Regierungssitz wurde – nach einer Entscheidung, die erst nach einem Ausgleich der Interessen zustande kam, also in bester demokratischer Manier.

HerzstĂŒck der „Bonner Republik“ war der Bundestag. Von der einstigen PĂ€dagogischen Akademie, in dem er bis Ende der 80er-Jahre untergebracht war, ist kaum noch etwas zu sehen. Der 1992 fertiggestellte neue Plenarsaal ist dagegen dank seiner lichtdurchfluteten Transparenz gebautes Symbol der demokratischen Verfasstheit unseres Landes.

Nachhaltigkeit, Frieden und Menschenrechte sind die Botschaften

Wer auf den StĂŒhlen des alten Plenarsaales Platz nehmen will, kann dies im „Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ tun, nur wenige Hundert Meter vom ParlamentsgebĂ€ude entfernt. Hier wird deutlich, wie aus den TrĂŒmmern des Zweiten Weltkriegs das Land seinen erfolgreichen Weg ging – ermöglicht durch eine demokratische Verfassung, um die uns Menschen in aller Welt beneiden. Hier wird Historie zur erlebten Zeit.

Im Museum Koenig ist Adenauers erstes Arbeitszimmer zu besichtigen, im Palais Schaumburg sein KanzlerbĂŒro. In der nahegelegenen Villa Hammerschmidt residiert der BundesprĂ€sident, wenn er Termine von seinem Bonner Amtssitz aus wahrnimmt. In das einstige Kanzleramt ist ein Ministerium eingezogen, der Kanzlerbungalow steht fĂŒr Besichtigungen und Konzerte bereit.

Eine BrĂŒcke von der „Bonner Republik“ zur neuen Rolle Bonns als deutsche UNO-Stadt schlĂ€gt der „Lange Eugen“, das ehemalige Abgeordneten-Hochhaus am Rhein. Heute arbeiten hier die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von 18 UNO-Einrichtungen. Nachhaltigkeit, Frieden und Menschenrechte sind die Botschaften, die von hier in die Welt hinausgehen.

Demokratie in Bewegung muss den Menschen folgen

Bonn erinnert auch mit dem Internationalen Demokratiepreis an die historische Bedeutung der Stadt als Wiege der deutschen Demokratie. Der Preis soll Menschen in aller Welt darin bestĂ€rken, sich fĂŒr Demokratie, Frieden, nachhaltige Entwicklung und Gerechtigkeit einzusetzen. VĂĄclav Havel war 2008 der erste PreistrĂ€ger.

Demokratie ist nicht etwas, das man einmal errungen hat und das dann bleibt. Demokratie muss immer wieder neu erobert und bekrĂ€ftigt werden. Demokratie in Bewegung muss daher den Menschen folgen. Das geht mit intensiver BĂŒrgerbeteiligung; BĂŒrgerinnen und BĂŒrger mĂŒssen in wichtigen Fragen – und das geht auf kommunaler Ebene besonders gut – auch zwischen den Wahltagen befragt werden. Nur wer mitbestimmen kann, wird auch mitgestalten wollen, und darauf sind wir angewiesen: auf die vielen Ehrenamtlichen, die gestalten und die den Herzschlag der Stadt ausmachen, weil sie sich engagieren. Die Menschen wollen mitreden und handeln, nicht nur behandelt werden. Sie wollen mehr Dialog, als Talkshows ihnen bieten. Sie wollen selbst Teil der großen „Show“ sein, und auf diesem Weg bringen sie ihre Tatkraft ein, um Demokratie zu erneuern.

Und das ist vielleicht die wichtigste Botschaft, die von der „Bonner Republik“ an die „Berliner Republik“ ausgeht: Sie muss ein bisschen „direkter“ werden. “Wagen wir wieder mehr Demokratie”:http://www.theeuropean.de/boris-palmer/12186-boris-palmer-ueber-stuttgart-21-piratenpartei-und-demokratie.

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