Angela Merkels Verhalten zeigt, dass sie in der DDR viel gelernt hat. Thilo Sarrazin

Spielball der Wirtschaft

Ein Katalog menschenrechtlicher Standards wäre ein erster Schritt, um autoritäre Regime über sportliche Großereignisse positiv zu beeinflussen. So könnte eine Balance zwischen den wirtschaftlichen Interessen der Sportverbände und den humanitären Ansprüchen gefunden werden.

Mit der Austragung des Afrika-Cups in Äquatorialguinea, eines Formel-1-Rennens in Bahrain und der Fußballeuropameisterschaft in der Ukraine sind die Debatten über den Zusammenhang von Sport und Menschenrechten im Jahr 2012 verstärkt ins Blickfeld der Berichterstattung gerückt. Die Vergabe von Sportgroßereignissen an korrupte Diktaturen und autoritäre Regime wirft in weiten Teilen der Öffentlichkeit die Frage auf, inwieweit der Sport im politikfreien Raum agieren kann.

It’s business – as usual

Dass die Vergabe von Sportgroßereignissen zu wachsender Aufmerksamkeit geführt hat, ist dem Spannungsverhältnis von Politik und Ökonomie zuzuschreiben. Während die Staaten der OECD-Welt mittlerweile als weitgehend erschlossene bzw. gesättigte Sportmärkte gelten, wird Schwellenländern in Asien und Afrika erhebliches Wachstumspotenzial zugeschrieben. Es kann daher kaum überraschen, dass bei der Vergabe von Sportgroßereignissen vor allem solche Länder Berücksichtigung finden, deren Märkte ökonomische Perspektiven versprechen. Dass nicht wenige dieser wachstumsstarken Staaten bisweilen nur begrenzt demokratische Strukturen aufweisen, ist die Kehrseite der Medaille.

Augenfällig wurde einer breiteren Öffentlichkeit in Europa die Problematik, als nach der Inhaftierung der ehemaligen Regierungschefin Julia Timoschenko im Vorfeld der Fußballeuropameisterschaft massive Kritik an der Austragung des Wettbewerbs in der Ukraine einsetzte. Die Forderungen, namentlich aus den Reihen der westeuropäischen Politik, reichten von Kartenrückgabe bis hin zu Boykottdrohungen. Zahlreiche Politiker, darunter auch die gesamte EU-Kommission, bekundeten, nicht in die Ukraine reisen zu wollen. Ein Boykott des Wettbewerbs durch die teilnehmenden Mannschaften wurde jedoch nicht ernsthaft erwogen. Die Erfahrungen der weitgehend wirkungslosen Olympiaboykotte, vor allem bei den Spielen zwischen 1976 und 1984, standen hier noch deutlich vor Augen.

Vergabepraxis hinterfragen

Die Fußballverbände hielten sich mit politischen Stellungnahmen zurück, insistierten bemerkenswerterweise aber auch nicht mehr so geschlossen wie in der Vergangenheit auf der traditionell bemühten Trennung von Sport und Politik. Wie differenziert sich das Geschehen darstellte, machte das Statement des neuen DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach deutlich, der von der Schweigelinie der UEFA abwich, als er erklärte, dass es in der Ukraine humanitäre Probleme gebe und es jedem freistehe, sich kritisch zu äußern.

Ob sich hier bereits ein neues Selbstverständnis der Sportverbände abzeichnet, bleibt abzuwarten. Wenn der Sport – der selbst immer wieder sein Potenzial für Integrationsprozesse, internationale Verständigung oder Entwicklungszusammenarbeit betont – auch zum Instrument von demokratischen Entwicklungsoptionen werden will, dann muss die Sensibilität der Verbände, vor allem der internationalen Dachverbände, bei der Vergabe von Sportgroßereignissen vertieft werden. Sportliche Großereignisse können sicherlich eine Plattform für demokratische Reformen bieten – aber nur, wenn die Vergabepraxis hinterfragt und Menschenrechtsfragen diskutiert werden.

Zukünftig wird es verstärkt darum gehen müssen, eine Balance zu finden zwischen den legitimen Interessen der Verbände in ökonomischer Hinsicht und einer auch humanitäre und politische Aspekte berücksichtigenden Vergabepraxis. Die Debatte über einen Katalog von Standards, der nicht nur Transparenz- und Umwelt-, sondern auch Menschenrechtskriterien berücksichtigt, ist ein erster Schritt in diese Richtung.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Hajo Seppelt, Philipp Mißfelder.

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