Bei den Grünen geht es auch ohne abgeschlossene Berufsausbildung | The European

Claudia Roth wird Kulturstaatsministerin - Es geht auch ohne abgeschlossene Berufsausbildung

Jürgen Fritz1.12.2021Medien, Politik

Zwei Dinge sind von entscheidendem Vorteil: a) das „richtige“ Geschlecht und b) der Eintritt in die „richtige“ Partei. Bringt man diese zwei Voraussetzungen mit, kann man ganz groß rauskommen, auch ohne eine abgeschlossene Berufsausbildung, wie die folgenden Beispiele eindrucksvoll zeigen. Von Jürgen Fritz.

Titelbild: Twitter-Screenshot, Jürgen Fritz

Ein interessantes Bild

Claudia Roth wurde zum dritten Mal nach 2013 und 2017 zur Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages gewählt. Ihre Partei Bündnis 90/Die Grünen gratuliert ihr auf Twitter mit den Worten:

Im Netz wurde sich insbesondere auch über das äußere Erscheinungsbild und die Kleidung der Damen, besonders die von Claudia Roth lustig gemacht.

Judith Sevinc Basad

Twitter-Screenshot

Man könnte nun lange darüber schreiben, was eine Person schon durch ihre Kleidung und ihr äußeres Erscheinungsbild zum Ausdruck bringt, auch darüber, ob der Aufzug von Claudia Roth der Würde des Amtes, in das sie gerade wieder gewählt wurde, entspricht oder nicht. Dieses Bild ist aber noch in einer anderen Hinsicht wirklich bemerkenswert, die mich noch mehr interessiert und die ich gerne etwas genauer beleuchten möchte, zeigt es doch vier Frauen, die durchaus einiges verbindet.

1. Katrin Göring-Eckardt

Ganz links sehen wir Katrin Göring-Eckardt, Jahrgang 1966. Diese absolvierte ein Theologie-Studium in Leipzig, welches sie 1988 nach vier Jahren erfolglos abbrach und die Hochschule ohne jede Berufsausbildung verließ. Anschließend soll sie als Küchenhilfe gearbeitet haben.

mit 24 - Küchenhilfe

Doch dann sollte sich alles ändern, als sie in die Politik ging. 1989 wurde sie Gründungsmitglied der in der DDR entstandenen politischen Gruppierung Demokratischer Aufbruch und 1990 der Bürgerbewegung Demokratie Jetzt und machte in den folgenden Jahren in Bündnis 90, die 1990 mit den Grünen fusionierten eine große Parteikarriere.

Bereits 1998 zog Göring-Eckardt als Abgeordnete in den Deutschen Bundestag ein, 2002 bis 2005 war sie zusammen mit Krista Sager Vorsitzende der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, 2005 bis 2013 wurde sie Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, 2013 bis 2021 neben Anton Hofreiter Fraktionsvorsitzende im Bundestag. Katrin Göring-Eckard wird inzwischen sogar als kommende Bundespräsidentin gehandelt.

2. Claudia Roth

Als zweite von links sehen wir auf dem Bild Claudia Roth, Jahrgang 1955. Claudia Roth begann in München ein Studium der Theaterwissenschaft, Geschichte und Germanistik, das sie nach einem Jahr abbrach. Auch sie blieb, wie Katrin Göring-Eckardt, ohne jede Berufsausbildung.

Aber auch sie machte den entscheidenden Schritt, als sie 1987 den Grünen beitrat, aus denen dann Bündnis 90/Die Grünen wurde. Schon 1985 bis 1989 fungierte Roth als Pressesprecherin der Bundestagsfraktion der Grünen. 1989 bis 1998 war Claudia Roth dann Abgeordnete des Europäischen Parlaments, wo sie ab 1994 Vorsitzende der Grünen-Fraktion war.

1998 zog sie für Die Grünen in den Deutschen Bundestag ein, und wurde 2001 (bis 2002) erstmals zur Bundesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen gewählt. Daneben war sie auch frauenpolitische Sprecherin der Grünen. 2004 bis 2013 war sie erneut Bundesvorsitzende ihrer Partei und seit 2013 ist sie, nun zum dritten Mal, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages.

3. Ricarda Lang

Die Zweite von rechts auf dem Bild ist Ricarda Lang, Jahrgang 1994. Ricarda Lang studierte sieben Jahre lang Rechtswissenschaften, zunächst in Heidelberg (2012 bis 2014), dann in Berlin (2014 bis 2019). Dann brach auch sie ihr Studium nach sieben Jahre ab und blieb ohne jede abgeschlossene Berufsausbildung.

Aber auch sie brauchte gar keinen erlernten Beruf, denn auch sie war längst Bündnis 90/Die Grünen beigetreten. Wir sehen, mit diesem Prinzip kann man seit mehreren Jahrzehnten sehr erfolgreich sein in Deutschland. Statt Studienabschluss wurde Ricarda Lang nämlich zuerst zwei Jahre lang Sprecherin der Grünen Jugend und seit 2019 ist sie nun stellvertretende Bundesvorsitzende und frauenpolitische Sprecherin der Grünen. Bei der Europawahl 2019 verpasste Lang zwar den Einzug ins Europäische Parlament und konnte bei der Bundestagswahl 2021 auch ihren Wahlkreis Backnang – Schwäbisch Gmünd nicht gewinnen, aber sie zog über die Landesliste der Grünen in den Bundestag ein und ist nun ebenfalls Bundestagsabgeordnete.

Und hier erkennen wir nun auch, dass sich dieses Prinzip, um das es mir hier geht, schon über vier Jahrzehnte hinzieht (Claudia Roth, Jahrgang 1955, bis Ricarda Lang, Jahrgang 1994).

4. Annalena Baerbock

Ganz rechts auf dem Bild oben sehen wir schließlich Annalena Baerbock, Jahrgang 1980. Annalena Baerbock begann im Jahr 2000 an der Universität Hamburg ein Studium der Politikwissenschaft, das sie nach 4 Jahren ohne Abschluss abbrach. Anschließend erwarb sie in London einen fragwürdiger Master innerhalb von nur einem Jahr, in einem Studiengang, in den man sich gegen eine fünfstellige Summe einkaufen musste. Ihre Master-Arbeit, die wohl nur einen Mini-Umfang hatte und nie irgendwo veröffentlicht wurde, ist laut der Hochschule in London nicht mehr auffindbar, gilt als verschwunden.

2009 begann Baerbock an der Freien Universität Berlin eine von der grünen Heinrich-Böll-Stiftung aus öffentlichen Mitteln geförderte Dissertation. Nach drei bis vier Jahren brach Annalena Baerbock auch ihre Promotion ab, legte niemals eine Dissertation vor. Doch auch sie brauchte diesen Abschluss niemals, denn auch Baerbock war schon 2005 Bündnis 90/Die Grünen beigetreten und wurde 2008 bis 2013 Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Europa ihrer Partei. 2009 bis 2012 wurde sie Vorstandsmitglied der Europäischen Grünen Partei, 2009 bis 2013, in den Jahren, als sie an ihrer Dissertation arbeitete und hierfür drei bis vier Jahre gefördert wurde, Landesvorsitzende der Brandenburger Grünen.

2013 zog sie dann in den Bundestag ein. Zwar erhielt sie in ihrem Wahlkreis nur 7,2 Prozent der der Erststimmen, zog aber über die Landesliste der Grünen ins Parlament ein. 2018 wurde Baerbock Bundesvorsitzende der Grünen und 2021 Kanzlerkandidatin. In der neuen Bundesregierung wird sie sicherlich Bundesministerin werden, eventuell Außenministerin.

Fazit

Zwei Faktoren scheinen diese vier Personen zu verbinden: Sie sind weiblich und sie sind Mitglieder bei Bündnis 90/Die Grünen. Über diese Partei machten alle vier eine große Karriere, was ohne diese Partei respektive außerhalb dieser nicht unbedingt zwingend ersichtlich gewesen war.

Quelle: Jürgen Fritz

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