Gott nützt mir letztlich nur, wenn er ist. Walter Kasper

Massenmigration löst Altersarmut nicht

Die meisten Kinder werden derzeit nicht von Deutschen geboren. Aber woher stammen diese und was bedeutet dies für die Zukunft der Bundesrepublik, fragt Jürgen Fritz?

„Seid fruchtbar und mehrt euch und regt euch auf Erden, daß euer viel darauf werden.“ (1. Mose 9,7) – „Was fruchtbar ist, allein ist wahr.“ (Johann Wolfgang von Goethe) – „Bereits mehr als ein Sohn pro Vater erzeugt Spannungen. Die Eifersucht oder gar tödliche Feindschaft zwischen beiden ist seit Kain und Abel der Stoff zahlloser Werke der Literatur geworden. Schon dort, wo über mehrere Generationen zwei Millionen Väter drei Millionen Söhne hinterlassen, gibt es Schwierigkeiten. Wo gar sechs oder neun Millionen Jungen bei zwei Millionen Vätern heranwachsen, wird es ganz ernst.“ (Gunnar Heinsohn)

Wie viele Kinder braucht es, damit eine Gesellschaft ihren Bestand erhalten kann?

Im 19. Jahrhundert waren wegen der höheren Kindersterblichkeit noch 3,5 Geburten pro Frau erforderlich, um den Bestand der Bevölkerung zu sichern. Mit dem Sinken der Kindersterblichkeit im 20. Jahrhundert sank diese Zahl auf 2,1 Kinder pro Frau. Das reicht seither bereits aus, dass die Gesellschaft weder immer weiter wächst noch schrumpft. 100 Frauen müssen also im Laufe ihres Lebens 210 Kinder lebend zur Welt bringen. Warum nicht genau 200, werden Sie vielleicht fragen: auf jede Frau einen Jungen und ein Mädchen, so dass auf jede Frau wieder genau eine folgt.

Das hängt zum einen damit zusammen, dass die Verteilung der Geschlechter bei der Geburt nicht 50:50 ist. Es kommen mehr Jungen als Mädchen zur Welt. Weibliche Embryonen und Föten neigen zu einer etwas höheren Sterblichkeit als die von männlichen. Das führt dazu, dass von 100 lebend geborenen Kindern ca. 51 bis 52 männlich sind und nur 48 bis 49 weiblich. Anders ausgedrückt auf 100 Mädchen kommen ca. 105 Jungen.

Hinzu kommt zweitens, dass nicht alle Kinder beziehungsweise nicht alle Mädchen die Geschlechtsreife erreichen, da ja auch Kinder und Jugendliche manchmal versterben, und drittens dass nicht alle Frauen fruchtbar sind. 210 Kinder pro 100 Frauen (2,1 pro Frau) bedeutet also, dass unter diesen 210 Kindern ca. 108 Jungen und 102 Mädchen sind, so dass also nach Abzug der kindlich Verstorbenen und der Unfruchtbaren tatsächlich auf jede Frau wieder eine folgt, die die Geschlechtsreife erreicht. Wird diese Geburten- oder Fertilitätsrate eingehalten, dann bleibt eine Gesellschaft zahlenmäßig dauerhaft stabil.

Durch den Pillenknick fiel die durchschnittliche Zahl der Kinder pro Frau innerhalb von 30 Jahren von 2,54 auf 1,24

Nun liegt die Anzahl der Geburten pro deutsche Frau seit Jahrzehnten viel zu niedrig. Bekamen 100 deutsche Frauen Mitte der 1960er Jahre noch ca. 250 Kinder, erzielten also – wenn Sie mir den Ausdruck gestatten – einen Überschuss von ca. 40 Kindern pro 100 Frauen, so ging diese Zahl ab 1965 zunächst langsam, dann immer mehr zurück (Pillenknick). Der Jahrgang 1964 war nochmals ein enorm starker. Hätten die Menschen sich so weiter vermehrt, wären auf 100 Frauen 254 Kindern gekommen, doch bereits 1971, also nur sieben Jahre später, fiel die Zahl erstmals unter 200. Und diese Marke sollte sie in all den folgenden Jahrzehnten nie wieder erreichen.

Wenn Sie nun fragen, was unsere Politiker seit 1970 dagegen getan haben – denn es war damals schon klar, dass dies die Gesellschaft in enorme Probleme führen würde -, dann stellen Sie eine sehr gute Frage. Wir haben es, wenn wir exakt sein wollen, seit 1970 (203 Kinder auf 100 Frauen) Jahr für Jahr mit einer – ich bitte den technischen Ausdruck zu entschuldigen, er bringt das Problem aber auf den Punkt – permanenten Unterproduktion zu tun.

1975 fiel die Anzahl der Geburten erstmals sogar auf unter 150 Kinder pro 100 Frauen (auf 145). 1984 wurde ein neuer Tiefpunkt erreicht mit 129 Kindern und 1994 der absolute Tiefpunkt mit 124 Kindern. Wir erinnern uns: 210 Kinder pro 100 Frauen sind notwendig, um die Gesellschaft zahlenmäßig stabil zu halten. 124 Kinder bedeutete also, dass pro 100 Frauen 86 Kinder fehlten, mithin 42 Mädchen. Und diese 42 Mädchen pro 100 Frauen, die niemals geboren wurden, die können natürlich auch niemals Kinder bekommen. Das heißt, das Problem pflanzt sich potenziert bzw. sogar exponentiell fort.

Logische Folge der permanenten Unterproduktion: Probleme bei der Altersversorgung

Ab 1994 stieg die Geburtenrate in Deutschland zwar wieder an, aber nur sehr moderat. An die 2,1 Kinder pro Frau bzw. 210 pro 100 kamen wir nie wieder auch nur annähernd heran. 2015 waren es wenigstens 1,5 Kinder pro Frau und 2016 lagen wir dann bei 1,59, wobei diese Zahl noch genauer zu untersuchen sein wird, wer primär für den Anstieg sorgte. Davon abgesehen heißt dies, dass noch immer mehr als 50 Kinder pro 100 Frauen fehlen.

Im Vergleich zu anderen europäischen Staaten, die alle genau das gleiche Problem haben, manche etwas weniger, vor allem Frankreich und Schweden, andere sogar noch stärker, insbesondere Spanien und Italien, liegt Deutschland hier zur Zeit im Mittelfeld der EU-Staaten.

Nun bedeuten Geburtenraten von deutlich weniger als 2,1 pro Frau bzw. 210 pro 100 Frauen vor allem eines: Probleme, die Altersversorgung zu gewährleisten. Denn wer soll für Millionen und Abermillionen Rentner, zum Teil sogar schwerst Pflegebedürftige aufkommen, die Unsummen an Geld bzw. Dienstleistungen, sprich menschliche Arbeitskraft verschlingen, wenn über Jahre und Jahrzehnte viel zu wenig Kinder geboren werden, so dass nach 20, 30, 40 Jahren viel zu wenig Menschen im Erwerbsalter vorhanden sind?

Massenaltersarmut wird unvermeidlich sein, die Frage ist nur noch, wie schlimm es werden wird

Dieses Problem hatten unsere Politiker, die natürlich nur ein Spiegelbild der Gesellschaft sind, über 30, 40 Jahre nahezu vollkommen verschlafen. Wie war das möglich? Nun, in einer Demokratie, in der alle vier Jahre gewählt wird und in der jeder, nur weil er seit mindestens 18 Jahren auf diesem Planeten umherwandelt, egal wie, nicht nur ein Wahlrecht hat, sondern auch jede Stimme gleich zählt, die des Schulabbrechers, von denen wir relativ viele haben, manche von ihnen schaffen es sogar in höchste politische Ämter, genauso wie die des Nobelpreisträgers, von denen wir seit langem nicht mehr so viele haben, interessieren sich die Politiker primär für das, wofür sich ihre Wähler interessieren respektive für das, was sie glauben, ihren Wählern nahe bringen zu können. Jetzt versuchen Sie mal, den Leuten zu erzählen, welche Probleme in 30, 40 Jahren auf die Gesellschaft zukommen. Das wird die meisten eher wenig interessieren. „In 30, 40 Jahren“, so denkt der Durchschnittsbürger, „da weiß ich ja gar nicht, ob ich da noch lebe. Für mich zählt, was jetzt ist. Ich lebe heute.“

Kurzum, das hat die Leute in den 1970ern, 1980ern und 1990ern überhaupt nicht interessiert. Und weil es die Menschen nicht interessiert hat, hat es die Politiker auch nicht interessiert, die zumeist in Vierjahreszyklen denken. Doch nun kamen unsere Politiker gleich auf die nächste glorreiche Idee, als sie merkten, dass sich hier bereits ein gewaltiges Problem aufgetürmt hatte, welches unweigerlich in die Massenaltersarmut führen würde. Daran geht übrigens höchstwahrscheinlich kein Weg mehr vorbei. Denn wer sollte all die Millionen Alten in den nächsten Jahren versorgen, wenn die Jungen die das tun müssten, nicht in ausreichendem Maße vorhanden sind? Und wer nicht vorhanden ist, kann auch keine Kinder kriegen. Das hatten wir schon: das Problem pflanzt sich exponentiell fort.

Es wird also nicht mehr um die Frage gehen, ob wir Massenaltersarmut bekommen, sondern nur noch darum, wie schlimm diese werden wird, ob sie zumindest abgemildert werden kann. Auch das ist der Masse natürlich kaum vermittelbar, da diese unangenehme Nachrichten nicht mag und diese nicht selten auf den überträgt, der sie übermittelt (Effekt der spontanen Merkmalsübertragung oder wie schon Kurt Tucholsky wusste: „In Deutschland gilt derjenige als viel gefährlicher, der auf den Schmutz hinweist, als der, der ihn gemacht hat.“)

Der Versuch über Masseneinwanderung das Problem zu lösen, macht alles nur noch schlimmer

Nun also die neue glorreiche Idee: Dann holen wir doch einfach junge Leute von da, wo es ganz viele von denen gibt und schaffen sie nach Europa, insbesondere nach Deutschland. Denn dann können die doch die Alten versorgen und natürlich auch Produkte kaufen und die Wirtschaft am Laufen halten. Doch warum ist auch das eine Schnapsidee und wird das Ganze sogar noch verschlimmern?

Das hat einen ganz einfachen logischen Grund, den Mathematiker und Logiker wie folgt begrifflich fassen: Man muss unterscheiden zwischen notwendiger und hinreichender Bedingung. Jede Gesellschaft braucht, wenn sie dauerhaft überleben will, junge Menschen, braucht Kinder, braucht Neugeborene. Dies ist aber keine hinreichende, sondern nur eine notwendige Bedingung dafür, das Problem der Altersarmut zu lösen. Weshalb?

Stellen Sie sich einfach vor, dass jeder Mensch a) eine Gesamtmenge an Gütern und Dienstleitungen in seinem Leben verbraucht und b) eine solche Gesamtmenge selbst produziert. Nun kann man für jeden Einzelnen ein Saldo aus (a) und (b) erstellen. Dieses kann positiv (Leistungsträger) oder negativ sein (Leistungsnehmer). Hierbei spielen insbesondere Bildung, Intellekt, Gesundheit, körperliche Leistungsfähigkeit, mentale Dispositionen wie Fleiß, Arbeitsmoral usw. eine Rolle.

Wenn Sie nun Menschen aus ökonomisch, technologisch, bildungsmäßig sehr rückständigen Gesellschaften von X nach D verfrachten und D ein hochmodernes Technologieland ist, dann werden die meisten aus X dort überhaupt nicht zurechtkommen und viele von ihnen sofort einen zusätzlichen Negativsaldo erzeugen. Das heißt, sie sind gar nicht fähig, die Alten, Kranken und Pflegebedürftigen in D mitzutragen, sondern sie müssen im Gegenteil auch noch mitversorgt werden. Sie tragen das riesige Brett auf dem zig Millionen bereits sitzen, nicht mit, sondern sie setzen sich quasi noch zusätzlich oben drauf. Somit wird nichts besser, sondern sogar noch viel schlimmer. Hinzu kommt, dass sie ja in einigen Jahrzehnten dann auch alt sind und dann sogar zu hundert Prozent getragen werden müssen.

Die Rechnung, wir holen einfach viele Junge aus X nach D, ist also eine Milchmädchenrechnung per excellence, weil nicht zwischen notwendiger und hinreichender Bedingung unterschieden wird. Nicht jeder, der jung ist (notwendige Bedingung), ist ein geeigneter starker Träger (hinreichende Bedingung). Genau solche brauchen wir aber. Und die brauchen die Italiener und Spanier und die Portugiesen etc. noch viel mehr. Diese Leistungsträger brauchen im Grunde alle, sie sind aber rar. Die wachsen nicht auf den Bäumen, sondern müssen über viele, viele Jahre ausgebildet werden und sie müssen die Voraussetzungen mitbringen, dass man sie dazu ausbilden kann.

Das Beispiel Berlin

Betrachten wir nun Berlin. Hier waren die hochgerechneten Geburten sogar noch stärker gefallen als in Gesamtdeutschland, nicht nur auf 1,24 Kinder, die jede Frau im Laufe ihres Lebens durchschnittlich zur Welt brachte, sondern sogar auf unter 1,05. 100 Berlinerinnen bekamen, wenn wir die Zahlen von 1993, 1994 hochrechneten also gerade noch 104, 105 Kinder, das heißt 50, 51 Mädchen zur Welt. Innerhalb von nur einer Generation hätte sich die Gesellschaft also halbiert. Diese Zahl stieg seither auf 154 Kinder im Jahr 2016 stetig an bzw. auf 1,54 pro Frau. Das ist zwar immer noch viel zu wenig, wirkt aber doch auf den ersten Blick zumindest mal erfreulich, dass es wieder so steil nach oben ging.

Doch wenn wir uns genauer anschauen, wie sich die Geburten zusammensetzen, dann sieht die Sache schon wieder etwas anders aus. Denn legen wir die Zahlen von 2016 zu Grunde und rechnen das hoch, so können wir sagen, deutschlandweit bekommt eine Frau in ihrem Leben 1,59 Kinder, eine Berliner Frau 1,54, hat also fast aufgeholt. Das waren zudem 0,09 mehr als im Jahr zuvor (2015: 1,45). Viel interessanter ist es aber, wenn wir betrachten, wer für diese Steigerung vor allem verantwortlich war.

• Denn die deutschen Berlinerinnen bekommen hochgerechnet keine 1,54 Kinder pro Frau, also keine 154 auf 100 Frauen, sondern nur 138.

• 100 irakische Frauen in Berlin bekommen dagegen weit mehr als 154 Kinder, nämlich 433.

• Und 100 afghanische Frauen können das nochmals locker toppen mit 479 Kindern.

• Doch selbst das war noch nicht Spitze. Die belegten die syrischen Frauen mit über 500 Kindern, 509 um genau zu sein, pro 100 Frauen. Das heißt, eine syrische Frau in Berlin bringt im Laufe ihres Lebens im Schnitt mehr als 5 Kinder lebend zur Welt, 5,09 um genau zu sein.

Ein Gedankenexperiment

So und nun stellen Sie sich bitte rein hypothetisch und ohne jeden Bezug zur Wirklichkeit, einfach nur als ein völlig fiktives Gedankenexperiment folgendes vor.

Sie sind einer der führenden Anhänger einer bestimmten Weltanschauung. Und Sie würden diese gerne verbreiten, würden gerne andere Länder, andere Kontinente, andere Kulturräume erobern und dort ihre Weltanschauung durchsetzen. Sie hätten aber weder die intellektuellen, argumentativen Mittel dazu, um andere sachlich-inhaltlich zu überzeugen, dass Ihre Weltanschauung die bessere ist, noch die technisch-militärischen Mittel um diese Räume mit Gewalt einnehmen zu können. Sie wüssten aber, dass die Frauen in dieser intellektuell, bildungsmäßig, technologisch und militärisch weit überlegenen Kultur seit langem schon viel zu wenig Kinder bekommen. Gleichzeitig hätten Sie zusammen mit den anderen Führern Ihrer Weltanschauung dank der Lehre dieser die Sexualität und die Körper der Frauen Ihrer Kultur völlig unter Ihrer Kontrolle, so dass die Frauen Ihrer Weltanschauungsgruppe seit langem schon für eine extreme Überproduktion an Menschen sorgen. Und Sie würden den anderen Kulturraum schrecklich gerne einnehmen. Was würden Sie tun?

Quelle: Jürgen Fritz

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Hans-Jürgen Papier, Ulla Jelpke, Bernd Raffelhüschen .

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